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Im Opel Ampera über die zugefrorene Ostsee Grenzgänger auf Estlands Eisstraßen

Tallinn, 4. März 2013
Estland. Nördlichster Staat des Baltikums, kleiner als Niedersachsen, größer als die Schweiz. Knapp 1,5 Millionen Menschen leben hier und 3.000 Elche. Im Winter bedeckt Schnee das ebene, waldige Land, bleibt die Temperatur meist unter null Grad; im Winter friert die Ostsee zu.

Eisstraßen
Ist die Eisschicht dick genug, gehen die wohl einzigen Eisstraßen Europas in Betrieb. Ihre Popularität ist in den letzten Jahren rasant angestiegen. Über 60.000 Fahrzeuge fuhren 2012 über das gefrorene Meer, dreimal mehr als 2011, fünfmal mal so viele wie noch 2009. Sechs solcher Straßen gibt es 2013, Voraussetzung für ihre Öffnung ist eine Eisstärke von mindestens 25 Zentimetern, befahrbar sind sie knapp 40 bis 50 Tage im Jahr.

Ausgebremst
Elektroautos haben es schwer im Winter. Ist es kalt, sinkt die Batterieleistung deutlich, die Reichweite schrumpft nicht selten auf unter die Hälfte des Warmwetter-Potenzials. Vergleichbar ist das mit Wasser in einer Flasche: Normal temperiert fließt es mit voller Kraft aus der Pulle, bei frostigen Temperaturen verstopft Eis den Flaschenhals. In ähnlicher Manier verhindert Kälte den Energiefluss der Batterie.

Grenzgänger
Wie gut, dass der Opel Ampera kein Elektroauto ist. Zumindest kein lupenreines. Neben dem 150 PS starken Elektromotor verfügt der Teilzeitstromer über einen 86-PS-Benzinmotor. Dieser dient als Reichweitenverlängerer (Range Extender) und springt hauptsächlich ein, wenn die Batterie leer, oder eben die Außentemperatur zu kalt ist. Da der Elektromotor als Hauptmotor fungiert und der Benziner mit seiner Energie im Normalfall über einen Generator den Elektromotor und nicht direkt die Räder antreibt, beharrt man in Rüsselsheim auf die Einstufung als Elektroauto. Das Unternehmen hat inzwischen allerdings eingeräumt, dass der Ottomotor in einem der Fahrmodi über das Planetengetriebe einen Teil der Kraft direkt an die Räder leitet, damit wäre es ein Hybrid. Der Mutterkonzern General Motors schuf für seinen Antrieb die neue Kategorie EREV (Extended Range Electric Vehicle). Was es auch sein mag, das Antriebssystem des Ampera umschifft äußerst erfolgreich zwei Klippen, die konventionellen Elektrofahrzeugen oft zum Verhängnis werden: Reichweite und Wintertauglichkeit. Rein elektrisch schafft der Grenzgänger 40 bis 80, mit Range Extender über 500 Kilometer.

Wintertauglichkeit im Test
Um die Wintertauglichkeit unter Beweis zu stellen, hat Opel nach Estland geladen. Dorthin, wo der Winter sich von seiner besonders eisigen Seite zeigt, auf die Ice Roads der zugefrorenen Ostsee. Von Tallinn aus geht es zunächst durchs tief verschneite Land. Ein Land, in dem die weiß gezuckerten Fichten am Straßenrand kuusepuu heißen und die Menschen an Weihnachten nicht zur Christmette sondern zur jõulujumalateenistusel gehen. Das Land, in dem die höchste Erhebung, Suur Munamägi, gerade einmal 318 Meter misst, das Land der 1.520 Inseln.

Landesweite Ladeinfrastruktur
Doch Estland ist mehr als kuusepuus und Schnee. In Estland hat das Handy längst das Festnetz ersetzt, wird das Parlament per SMS gewählt, wurde die Skype-Software entwickelt, ist Internetzugang per Gesetz garantiert. Trotz bisher nur 509 zugelassener Elektrofahrzeuge gibt es hier die weltweit erste landesweite Ladeinfrastruktur mit 163 Ladestationen und Flat-Rate-Ladetarifen. Die staatliche Kaufunterstützung für Elektrofahrzeuge ist die höchste in Europa, die Summe abhängig von der Batteriekapazität. Bis zu 12.000 Euro gibt es für Fahrzeuge mit mindestens 16 kWh fassenden Batterien, der 45.900 Euro teure Ampera fällt in diese Kategorie. Da verwundert es nicht, dass Opel seinen Elektriker ab Mitte 2013 auch im nördlichen Baltikum anbieten wird.

Anschnallen verboten
In Haapsalu erreichen wir den jäääär (ja, vier "ä"!), den Rand des Eises. Über die holprige Zufahrt wacht in einem klapprigen beigen Wohnwagen der Eisstraßenwächter. Die Regeln für die Ostsee-Fahrt sind klar: Anschnallen ist ebenso verboten wie das Verriegeln der Fahrzeuge. Der Mindestabstand zwischen zwei Wagen muss 250 Meter betragen, Anhalten ist nicht erlaubt, gefahren werden darf nur in Geschwindigkeitsbereichen von 10 bis 25 oder 40 bis 70 km/h. Alle Geschwindigkeiten darunter, dazwischen und darüber versetzen das Eis in eine Schwingung, die seiner Dichte nicht zuträglich ist. Bei all diesen Vorsichtsmaßnahmen beruhigend: Das Eis hier überschreitet mit 39 Zentimetern die Minimalstärke bei weitem.

Der Verbrennungsmotor läuft aus Temperaturgründen
Die Gurte sind hinter dem Rücken eingesteckt, um den Anschnallwarner am Piepsen zu hindern, der Ampera befindet sich im Elektromodus, der Wächter gibt die Zufahrt frei. Nach wenigen hundert Metern erkennt das Navi, dass wir uns off-road mitten im Meer bewegen, nach einigen Kilometern verkündet das Fahrerinformationsdisplay, dass der Verbrennungsmotor nun aus Temperaturgründen laufe. Ein Blick auf den Bildschirm verrät eine moderate Außentemperatur von vier Grad unter null.

Diagnose 2012
Nur gut, dass zwischen den pastellfarbenen Holzhäusern Haapsalus der Verantwortliche für die Batterieentwicklung in der Kälte wartet. Dr. Kunstmann nimmt den Ampera unter die Lupe und verkündet seine Diagnose: Unser Gefährt ist ein 2012er Modell. In diesem Jahrgang übernimmt ab minus vier Grad der Ottomotor die Verantwortung, um der kältesensiblen Batterie unter die Arme zu greifen. Im 2013er soll das anders sein: Hier bestimmt der Kunde, ab wann sich der Benziner einmischt, die Untergrenze liegt bei minus zehn Grad Celsius.

Serienmäßige Standheizung
Über Nacht hängen die Autos am Stecker. Dank ausgeklügeltem Wärmesteuerungssystem wird dabei die Batterietemperatur überwacht und der Stromspeicher bei kühlen Temperaturen vorgeheizt, um die volle Leistungsfähigkeit sicher zu stellen. Davon profitieren neben der Batterie auch die Insassen. Da die serienmäßige Standheizung den Innenraum aufwärmt, herrscht im Ampera bei Abfahrt ein angenehmes Klima und lästiges Eiskratzen entfällt.

Minus 14 Grad
Am nächsten Morgen sind es minus 14 Grad. Der Schnee knirscht unter den Füßen, die Lunge schmerzt beim Atmen, Finger und Ohren sind nach wenigen Minuten taub. Solch klirrende Kälte versetzt selbst den Pragmatiker Kunstmann in Aufruhr. Das Frühstück bleibt unberührt, die schon abgestöpselten Autos müssen sicherheitshalber wieder an die Steckdose gehängt werden, die Batterien sollen es warm haben. Das Anfahren erfolgt lautlos, dann meldet sich leise brummelnd der Benziner zu Wort. Als Batteriereichweite werden 48 Kilometer angezeigt, doch es ist einfach zu kalt für den reinen Elektrobetrieb.

Segeln auf der Ostsee
Wieder in Haapsalu, dieses Mal direkt neben dem Hafen. Wieder ein alter Wohnwagen, wieder ein Eisstraßenwächter. Gewissenhaft notiert er Kennzeichen und Abfahrtszeit, sein Pendant auf der Insel Vormsi, dem Ziel der fünf Kilometer langen Strecke, vermerkt mit gleichem Pflichtbewusstsein den Zeitpunkt der Ankunft. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Eisspur scheint eine Fähre übers Eis zu gleiten, in Wirklichkeit schiebt sie sich mühsam durch die teilgefrorene Fahrrinne. Parallel dazu segelt der 2013er-Ampera dank leicht gestiegener Temperaturen elektrisch übers Meer, beim 2012er sorgt weiterhin der Range Extender für Vortrieb. Ein Unterschied ist im Innenraum wegen der lauten Fahrgeräusche auf dem knackenden Eis kaum zu hören.

Ein Lächeln für den Ampera
Zurück zum Flughafen. Vorbei an kleinen Gehöften und verwitterten Wohnblöcken. Auf den endlosen Landstraßen durch den estnischen Wald fühlt man sich im Opel fast wie in einem alten amerikanischen Straßenkreuzer. Das Fahrzeug federt über Bodenwellen wie ein Segelboot über die Wellen. Verwunderlich, dass bei der Schaukelei niemand seekrank wird. Das Thermometer zeigt null Grad, der Ampera schlängelt sich lautlos durch Linnamäe und Vasalemma, das sanfte Tröten der Fußgängerhupe zaubert den Passanten ein Lächeln ins Gesicht.

Abschiedsgedanken
Es geht nach Hause. Abreise aus einem Land, in dem ein Winter-Test Teil der Führerscheinprüfung ist, Abschied von eisigen Straßen, Abschied vom Ampera. Rein elektrisch sind wir in den zwei Tagen selten gefahren, meist leistete der reichweitenverlängernde Benziner temperaturbedingt Schützenhilfe. Beeindruckt hat die zukunftsgewandte Ausrichtung Estlands in puncto Technologie, beeindruckt hat auch das clevere Wärmesteuerungssystem des Ampera, das über eine Art Tauchsieder die Batterie auf Betriebstemperatur hält und uns am frostigen Morgen ein warmes Cockpit bescherte. Einzige Wermutstropfen: Wir wären gerne ein 2013er-Modell gefahren; und: Wir hätten gerne einen Elch gesehen. Peatse jällenägemiseni, Estland, auf Wiedersehen, Ampera.
(tj)

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