zaehlpixel

Test VW Golf R 2017 Aufregender nach dem Facelift?

Palma de Mallorca, 30. März 2017
Hurra, der VW Golf R kriegt ein Facelift. Das bedeutet bei einem Auto wie dem Golf R in der Regel: Neue Schürzen, die man nicht von den alten Schürzen unterscheiden kann und ein paar PS mehr Leistung, die selbst das empfindlichste aller Popometer nicht bemerkt. Aaaaber, so ist es hier natürlich nicht. Zumindest nicht ganz. Na gut, der R ist mit das Beste und ganz sicher das Allroundtalentigste, was im Hot-Hatch-Segment so rumwuselt, sprich: Man muss das Ding jetzt nicht von Grund auf neu erfinden. Aber seit der Einführung des Siebener R-Modells im Jahr 2013 ist bei den Kompaktsportlern quasi die Revolution ausgebrochen. Neben dem driftigen Ford Focus RS, dem leicht irren Honda Civic Type R oder dem 400 PS starken und nun deutlich hecklaunigeren Audi RS 3 wirkt der gute Golf R mittlerweile fast ein bisschen fad. Ob die doch eher konservativen Facelift-Neuerungen hier Abhilfe schaffen? Finden wir es heraus.

Innen schicker
Nun, die Schürzen sind wirklich neu und gerade vorne qualitativer und aggressiver. Dazu strahlt der R jetzt serienmäßig mit LED-Scheinwerfern. Hinten erkennt der Profi, dass die Auspuffrohre ein Stück nach aussen gewandert sind. Soll mehr Breite ins Heck bringen. Meinetwegen. Innen darf fortan auch das Topmodell, was alle anderen Facelift-Gölfe dürfen. Sprich: Das Infotainmentsystem hat nun maximal 9,2 Zoll Bildschirmdiagonale und eine Gestensteuerung, deren Sinn sich mir wohl niemals erschließen wird. Aber schön bündig und extrem hochwertig eingearbeitet ist die neue Bedienzentrale schon. Damit passt sie hervorragend zum Active Info Display, dem digitalen 12,3-Zoll-Instrumententräger, den man sich jetzt auch hinter dem Golf-R-Volant zusammenkonfigurieren kann bis zum Gehtnichtmehr. Inklusive einiger R-spezifischer Grafiken zu Leistungswerten, g-Kräften und so weiter.

Mehr Leistung unf Performance-Paket
Fahrwerk (auf Wunsch mit adaptiven Dämpfern) und der Haldex-Allrad haben das Facelift im Prinzip unangetastet überstanden. Wer seinem Golf R mehr Offensive in die Beine zaubern möchte, kriegt nun aber gegen Aufpreis ein Performance-Paket mit Michelin-Cup-2-Semislick-Reifen, der Bremse aus dem GTI Clubsport S (zweiteilig, gelocht, zwei Kilo leichter und mit sportlicheren Bremsbelägen) sowie einer größeren Spoilerlippe auf dem Kofferraumdeckel. Mehr Leistung gibt es natürlich auch. Dank eines höheren Ladedrucks von bis zu 1,4 bar bringt es der 2,0-Liter-Turbo nun auf 310 PS (vorher: 300 PS), das Drehmoment steigt – zumindest wenn Sie das Doppelkupplungsgetriebe bestellt haben – von 380 auf 400 Newtonmeter. Damit ist der R wieder alleiniger Leistungschef im Golf-Ring. Und auch der kürzlich auf 300 PS erstarkte Seat Leon Cupra hält wieder den angebrachten Respektabstand. Das DSG selbst ist im Übrigen ebenfalls neu, liefert nun sieben statt sechs Gänge und hat seinen Anteil an ein paar ziemlich hanebüchenen Fahrleistungen.

Irre gute Fahrleistungen
Klar, nach den neuesten und immer verrückter werdenden Hot-Hatch-Standards ist der Golf R auch mit 310 PS beinahe ins Leistungs-Mittelfeld abgerutscht. Bei den Beschleunigungswerten reicht es nach der Modellpflege allerdings locker für die Championsleague. Mit DSG und Launch-Control-Start geht es in 4,6 Sekunden von 0-100 km/h. Damit ist er 0,3 Sekunden schneller als bisher und sogar eine Zehntel vor dem 40 PS stärkeren Focus RS. Der Handschalter macht es in 5,1 Sekunden, der Golf R Variant (ausschließlich mit Doppelkupplung zu haben) braucht 4,8 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h, kann jetzt aber optional auf 267 beziehungsweise 270 km/h (Variant) angehoben werden.

Unverändert schnell und schnörkellos
Damit hätten wir die Facelift-Veränderungen halbwegs akkurat durchgekaut und können uns nun endlich aufs Wesentliche einlassen. Wobei der Fahreindruck diesmal womöglich etwas unvollständig daherkommt. Warum das Ganze? Sagen wir so: Eine Handvoll Runden auf einem mallorquinischen Rennkurs, der auch als Gokart-Bahn eine gute Figur abgeben würde, mussten reichen. Dabei fiel vor allem auf, dass der neue Golf R ziemlich genau das tut, was der alte Golf R auch machte: Extrem gleichmäßig und beängstigend kraftvoll angasen sowie sehr neutral, stabil und schnörkellos schnell durch die Kurve pflügen.

Neuer Akrapovic-Auspuff macht Laune
Ganz ehrlich: Die zehn Mehr-PS merkt man wirklich nur durch ein etwas freieres Ausdrehen obenrum. Das neue Siebengang-DSG wirkt dagegen deutlich williger als der etwas pomadige Vorgänger mit sechs Gängen. Beim manuellen Runterschalten verfällt aber auch der neue Automat hin und wieder mal in unschöne Schockstarre. Lässt man schalten, wird es besser. Dann ist auch mehr Zeit, die Lauscher aufzusperren. Ja, hier dringt permanent etwas bemerkenswert Dumpfes, Bassiges an mein Ohr. Etwas, dass es so vorher beim Golf R ganz ganz sicher nicht gab. Außerdem knallt und brabbelt es bei jedem Gaslupfer und Runterschalter, wie es in diesem Auto niemals knallte und brabbelte. Es ist kein prolliger, angeberischer Sound, einfach nur ein sehr guter. Und er kommt von der neuen, sieben Kilo leichteren Akrapovic-Titanabgasanlage, die nun gegen einen ziemlich horrenden Aufpreis ihre vier riesigen Endrohre unter das R-Heck zwängt. 3.800 (!) Euro sind mehr als eine Stange Geld, aber die Akrapovic-Tröten versorgen den Golf R mit einer willkommenen Schicht Emotion.

Eher frontlastig
Emotion, die beim sportlichen Fahren nach wie vor ein wenig abgeht. Der R ist und bleibt halt ein Golf. Selbst mit den montierten Michelin-Pilot-Sport-Cup-2-Reifen wirkt das Fahrverhalten nie aggressiv oder überspitzt. Die ganz engen Ecken des Kurses mag er noch immer nicht so gern, müht sich betont frontlastg aus ihnen heraus, klebt weniger, als es die Semislicks erwarten lassen. Die schnellere Kurven sind eher sein Ding. Hier ist er effektiv, freundlich, stabil und sehr schnell, aber immer komplett neutral. Das Heck kommt selbst unter Provokation nur sehr ungern aus seinem Schneckenhaus. Dafür ist die neue Sportbremse eine Wucht. Viel verbindlicher und besser dosierbar als bisher.

Nicht der Emotionalste, aber der beste Allrounder
Es kommt, was kommen musste: Der Golf R ist auch nach dem Facelift sicher nicht der emotionalste, draufgängerischste Kompaktsportler. Focus RS, Civic Type R und nach der jüngsten Überarbeitung auch der Audi RS 3 bieten sicher mehr Nervenkitzel. Auch VW-intern belegt der R in Sachen "Oooohs und Aaaahs" nur noch den zweiten Platz hinter dem vortrefflichen GTI Clubsport S. Dafür steigt man im Golf R wohl auch nach 1.000 Kilometern am Stück entspannter aus, als man eingestiegen ist. Bei Alltagstauglichkeit, Komfort und Feinschliff macht der Golf die Konkurrenz nämlich nach wie vor so richtig nass. Verarbeitung und Bedienung: Besser denn je. Das Fahrwerk: agil, aber auch im Sportmodus verblüffend sauber gefedert. Absolut lobenswert sind die neuen Performance-Features. Sportbremse, Cupreifen und Titan-Auspuff sind sicher nicht ganz billig, machen den Golf R aber spürbar dynamischer und expressiver. Los geht's mit dem dreitürigen Handschalter bei 40.675 Euro. Das ist der exakte Preis des Ford Focus RS. Das verbesserte Siebengang-DSG kostet 2.000 Euro Aufpreis. Der ausschließlich mit DSG erhältliche Golf R Variant startet bei 44.800 Euro. Marktstart für den Golf R Hatch ist im April 2017, der Kombi ist ab Spätsommer 2017 zu haben.
(sw)

Zur Bildergalerie (13 Bilder)

Gut informiert mit AutoNEWS: Hier geht es mit einem Klick zum kostenlosen Newsletter

blog comments powered by Disqus