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VW Golf GTI Cabrio im Dauertest Offen, schnell, vernünftig

Haar, 25. August 2016
Auch wenn der Sommer jetzt mal für eine Woche sowas ähnliches wie Motivation zeigt, ganz generell war das für alle Sonnenanbeter auch 2016 wieder ein meteorologischer Schlag ins Gesicht. Ob es nur daran liegt, dass niemand mehr Cabrios kauft? Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. Die Überraschung über die kürzliche Produktionseinstellung des VW Golf Cabrio hält sich also in Grenzen. Auch weil des Deutschen liebster Wagen in der Föhn-Version noch auf dem Golf 6 basiert (vom Golf 7 gibt es kein Cabrio. Wird es auch nicht mehr geben). So richtig knackfrisch ist er also nicht mehr. Technisch ist er wohl trotzdem noch besser als die meisten anderen bezahlbaren Cabrios. Das schreit förmlich nach einer kleinen Surf-Runde in den einschlägigen Gebrauchtwagen-Portalen. Und falls Sie sich noch nicht so ganz sicher sind – wir haben den offenen Golf als GTI drei Monate im Redaktionsalltag bewegt. Was uns gefallen hat und was weniger, lesen Sie jetzt.

Motor, Getriebe, Verbrauch
Wussten Sie, dass der GTI in den letzten Monaten vor seiner Einstellung ganz offiziell den Titel "stärkster offener VW" tragen durfte? Ja wirklich, denn auch wenn sich in der großen Konzern-Manege offene Alphatiere wie der Porsche 918 Spyder oder der Lambo Huracán Spider tummeln, war der Golf GTI seit dem vorzeitigen Aus des Golf R Cabrio das Schnellste, was man zuletzt ohne Dach aus Wolfsburg bekam. Verantwortlich dafür ist ein Zweiliter-TSI, der es nach einem dezenten Facelift Mitte 2015 auf 220 PS und 350 Newtonmeter bringt. Er macht das GTI Cabrio ein gutes Stück schneller als die alte 210-PS-Variante. Von 0-100 km/h geht es in 6,9 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei scheitelmordenden 236 km/h. Der Druck, den der offene GTI anbietet, fühlt sich dabei eher stärker an, als es die Werte vermitteln. Kleiner Auszug aus dem Test-Tagebuch gefällig? "Der TSI hat zwar wenig Lust auf Krawall, geht aber wie der Teufel" oder "Immer noch beeindruckend, wie schnell sich 220 PS in einem 1.500-Kilo-Auto anfühlen können" waren nur zwei der durchweg positiven Einträge. Es erwarten Sie also Mengen an gleichmäßigen Turboschub bei einer leider arg zugeschnürten Klang-Kulisse. Als Ausgleich für den uninspirierten Sound gibt es ein äußerst schnelles und kompetentes Sechsgang-DSG und einen Alltagsverbrauch von um die acht Liter.

Fahrverhalten
Ja, das liebe Fahrverhalten. Hier hatten wir während unserer Zeit mit dem GTI Cabrio die meisten Diskussionen. Die eher gemütliche Redaktionsfraktion freute sich über das sanfte, beherrschte, nicht aus der Ruhe zu bringende Wesen, die Hot-Hatch-Liebhaber ärgerten sich über zu wenig richtiges GTI-Feeling. Will heißen: Unser rotes Stoffdach fuhr beeindruckend erwachsen und ausgeglichen, sonderlich sportlich oder gar aufregend ging es – abgesehen vom erstaunlichen Durchzug – allerdings nie zu. Das Auto fährt unglaublich neutral und sicher, hat aber etwas steife Hüften und ein frustrierend restriktives ESP. Selbst als GTI ist das Golf Cabrio also eher flotter Cruiser als echte Kurvenmaschine. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang noch ein Wort zu den optionalen adaptiven Dämpfer verlieren. Anfangs waren wir eher skeptisch, ob man das Verstell-Fahrwerk mit all seinen Modi (die sich auch auf Gasannahme, Getriebe und Lenkung auswirken) wirklich braucht. Nach und nach gewöhnten wir uns aber an die Vorteile, gerade auch, weil die Spreizung schon sehr gut spürbar war. Richtig hart ging der GTI zwar auch im Sportmodus nie zu Werke, in "Comfort" federte er allerdings so geschmeidig, als hätte man ihn wochenlang mit Perwoll gewaschen.

Innenraum und Connectivity
Das Cabrio-Cockpit mag zwar die alten Klamotten des Golf 6 auftragen, aber die sind noch immer besser in Form als bei den meisten neueren Konkurrenten. Das gilt auch für die Bedienung des 6,5-Zoll-Touchscreens. Sogar Kleinkinder könnten in diesem Auto Musik streamen oder durch ganz Europa navigieren. Bleibt nur zu hoffen, dass sie den Lautstärkeregler nicht finden, denn unsere (aufpreispflichtige) Dynaudio-Anlage mit dem vielsagenden Namen "Confidence" frittierte jedes Trommelfell im Umkreis von drei Kilometern und brachte auch den erschöpftesten Hintern in extatische Wallung. Dieses Soundsystem ist wirklich "erschütternd" gut. Gleiches gilt übrigens für das Verdeck. Dank fantastischer Dämmung ist auch bei schnelleren Fahrten wirklich Ruhe im Karton. Außerdem öffnet und schließt es voll elektrisch in rekordverdächtigen neun Sekunden. Da schaut selbst der hinterlistigste Platzregen in die Röhre. Weniger schön erlebten wir alles, was irgendwie mit Gestühl zu tun hatte. Die herrlich ikonenhafte Karo-Innenausstattung erfreute zwar regelmäßig alle Augen und Herzen, leider waren die Vordersitze zu weich und nicht nur für die absoluten Redaktionshühnen auch irgendwie zu klein. Eine unrühmlich affenartige (und nicht sehr bequeme) Sitzhaltung war die Folge. Komplett gemieden wurde – wenn möglich – die Rückbank. Zumindest von allen Redaktionsmitgliedern über 1.60 Meter. Und der Kofferraum? Ist halt ein Kofferraum eines kompakten Cabriolets. Erwarten Sie nicht allzu viel. Und durch die Knubbel-Heckklappe wird das Einladen auch nicht gerade einfacher.

Ausstattung und Preise
Die Preise des GTI Cabrio möchte ich hier nur ganz kurz abhandeln, weil es das Auto neu sowieso nicht mehr gibt. Unser Testwagen hatte einen Grundpreis von 35.900 Euro und kam mit allem, was man so braucht und nicht braucht auf 43.821 Euro. Viel Geld? Absolut! Ein BMW 220i Cabrio (ab 35.350 Euro) oder ein gar ein Ford Mustang EcoBoost Cabrio (ab 42.000 Euro) gibt es dafür nämlich auch. Was wir in einem Golf GTI Cabrio auf jeden Fall wieder haben wollten, wären das "Composition Media"-Radio mit Navi-Funktion (880 Euro), das hemmungslose Dynaudio-"Confidence"-Soundsystem (1.265 Euro), die Xenon-Scheinwerfer mit Kurvenlicht (1.380 Euro), die Rückfahrkamera (295 Euro) sowie den Park Piloten (inklusive Parklenkassistent für 210 Euro). Einfach, um die Optik des knubbelig-kurzheckigen Golf etwas aufzubrezeln, empfehlen wir zudem die gigantös aussehenden 18-Zoll-Räder (755 Euro). Falls Sie Schaltpaddles mögen, bietet sich das Multifunktionslenkrad mit Radiobedienung und besagten Wippen (290 Euro) an. Die adaptiven Dämpfer (1.035 Euro) sind sicher kein Muss, uns gefielen sie jedoch recht gut.

Mängel
Während unseres Dauertests traten am VW Golf GTI Cabrio keinerlei Mängel auf. Auch bei Verarbeitungs- und Materialqualität gab es nichts zu beanstanden. Nichts rappelte oder polterte. Auch weitere cabriotypische Schwächen wie Rütteln in der Lenkung oder Verwindungsprobleme waren nicht auszumachen.

Was man sonst noch wissen sollte
Quasi als Rausschmeisser hat VW zum Ende der Produktion noch eine auf 200 Stück limitierte "Last Edition" des Golf GTI Cabrio aufgelegt. Sie kommt mit prägnanteren Schürzen, schwarzen 19-Zöllern, adaptiven Dämpfern, 15 Millimeter Tieferlegung, Limitierungsplakette und Vollausstattung (Leder, Navi usw.) für 46.500 Euro. Die Last Edition ist auch aktuell noch bei ausgewählten Händlern zu haben.
(sw)

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