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Der Citroën C4 Cactus mit 99-PS-Diesel im Dauertest Ist das Kunst oder kann das weg?

Haar, 12. Dezember 2016
Es ist mit einem Citroën C4 Cactus wie mit dem Betrachten eines abstrakten Bildes: Ist ja ganz nett, aber will ich das wirklich vor der Tür stehen haben? Und so ging es uns auch während unseres mehrmonatigen Dauertests des C4 Cactus über gut 8.000 Kilometer. Keine Frage: Der auffällige, 4,16 Meter lange Wagen polarisiert.

Lebe lieber anders
Denn der C4 Cactus ist nun einmal nicht irgendein VW-Golf-Mietwagen, in den du einsteigst, den Schlüssel umdrehst und losfährst. Viel mehr ein eigenwilliges Kunstwerk. Die Anordnung von Scheinwerfer und LED-Tagfahrlicht könnte von Picasso stammen (nach dem Citroën tatsächlich Fahrzeuge benennt), während die auffälligen Luftpolster (die "Airbumps", von uns liebevoll "Boppel" getauft) durch Dali hineinmodelliert worden sind. Wie dem auch sei: Jeder glotzt die Cactus-Insassen an. Entweder verstohlen aus dem Seitenfenster oder ganz offensichtlich mit Fingerzeig (besonders beliebt bei Kindern). Dabei hatte unser Cactus noch nicht einmal eine Augenkrebs-verdächtige Lackierung wie das sehr gelbe "Hello Yellow". Unabhängig von der Farbwahl ist der Wagen übersichtlicher als gedacht, man kann lässig über die Haube gucken.

Kuschelige Atmosphäre
Als ich mich in den Cactus setzte, dachte ich mir: Was sind das für komische Sitze und warum plumpse ich in sie hinein? Auch wenn sie nicht so aussehen, haben die Möbel etwas von jenen Freischwinger-Sesseln, die man in der Arztpraxis oder im Museum of Modern Art findet. Motto: Zuerst "Naja", dann "Aha". Kritikwürdig ist aber die Breite des Innenraums: Ist ein kräftiger Beifahrer an Bord, kommt man sich näher, als einem lieb ist. Das überrascht, denn der C4 Cactus ist mit 1,73 Meter deutlich breiter als etwa ein beileibe nicht klaustrophobischer VW Polo.

Schick, aber nicht überall
In der von uns gefahrenen Topversion ist der Cactus sehr adrett eingerichtet, etwa mit besonderen Oberflächen im Cockpit, Chrom oder schicken Schlaufen zum Zuziehen der Türen. Allerdings wandern dann auch schon rund 24.000 Euro auf das Konto des Händlers. Trotzdem hat Citroën leider an zu offensichtlichen Stellen gespart: Künstlerische Freiheiten hin oder her, aber die Fünfgang-Schaltung mit der Präzision eines Puddings gehört in keinen Neuwagen. Umso bedauerlicher ist die Tatsache, dass es keine Automatik ab Werk gibt, die perfekt zum gelassenen Charakter des C4 Cactus passen würde. Stattdessen bieten die Franzosen nur ein automatisiertes Schaltgetriebe namens ETG an, damit leistet der Diesel aber nur noch 92 PS.

Praktisch können andere
Der zentrale Touchscreen auf der Mittelkonsole sieht zwar toll aus. Aber alles muss über Menüs geregelt werden. Die Regulierung der Temperatur dauert so recht lange. Eine separate Klimaregelung mit echten Knöpfen wäre hier besser und wenn schon viele Displays, dann doch bitte welche, die man auch bei Sonneneinstrahlung ablesen kann. Und warum lassen sich die hinteren Fenster nur ausstellen, nicht aber herunterfahren? Der Höhepunkt der Konstruktionsschizophrenie gipfelt aber im Ablagen-Konzept: Der Cactus hat ein Handschuhfach, in dem man den Wochenendeinkauf einer Großfamilie verstauen könnte, aber nur einen einzigen Cupholder in der Mittelkonsole. Der Hersteller sagt zudem, die einteilige Rückbank spart Gewicht. Doch sie kostet nur viele Nerven, wenn man sie alleine umlegen will. Offenbar waren wir nicht die einzigen Kritiker dieser Lösung, denn inzwischen ist eine geteilte Lehne serienmäßig. Immerhin: 358 Liter im Normalzustand sind angesichts der Cactus-Abmessungen ein guter Wert für den Kofferraum.

Spritziger Selbstzünder
Positiv angetan waren wir vom Motor. Zwar klingt der Diesel nach dem Kaltstart arg nach Lieferwagen, doch wir waren immer wieder überrascht, wie spritzig und sparsam ein 99-PS-Fahrzeug sein kann. Nach insgesamt 8.143 Kilometern standen 5,3 Liter Durchschnittsverbrauch zu Buche. Kein Wunder, muss der 1,6-Liter-Motor doch mit nur 1.145 Kilogramm fertig werden. Und wenn die Leichtlaufreifen erst einmal in Bewegung sind, fühlt sich eine Ebene wie eine Talfahrt an. Am Federungskomfort gibt es kaum etwas auszusetzen, weil Citroën dankenswerterweise auf riesige Felgen verzichtet. 17-Zoll-Alus stellen das Maximum dar, bei unserem Testwagen waren 16-Zöller montiert. Der im Stand etwas raue 1,6-Liter-Diesel hält sich bei den niedrigen Drehzahlen im Hintergrund. Aber Stopp: Wie hoch ist die Drehzahl überhaupt? Eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt, denn einen Drehzahlmesser sucht man vergeblich. Auf der Autobahn hingegen würde ein sechster Gang das Gehör schonen. Wer keinen Diesel mag oder bei der Anschaffung sparen möchte, dem sei der Dreizylinder-Turbobenziner mit 110 PS empfohlen.

In der Ruhe liegt die Kraft
Doch Charakter hin, Schwächen her: Der Franzose beruhigt. Ist doch egal, was die anderen denken oder über was die Kunstkritiker mal wieder diskutieren. Man dreht die Rückenlehne des Stoffsitzes zurück, stellt die hinteren Fenster auf Durchzug und genießt einfach mal, wie die französische Ja-oder-Nein-Schwarz-Weiß-Vorstellung in ein angenehmes Grau übergeht.
(rh)

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