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Seat Leon ST Cupra 300 4Drive im Test Der bessere Golf R Variant?

Barcelona, 15. Februar 2017
Ähm ... Moment. Schon wieder ein neuer Seat Leon Cupra? War da nicht erst ...? Äh, ja irgendwie schon. Im März 2015 kam der neue Cupra 280, der im August 2015 zum Cupra 290 wurde. Jetzt – im Februar 2017 – gibt es den Cupra 300. Wenn ich Ihnen erzähle, dass der Cupra 280 280 PS hatte und der Cupra 290 290 PS, dann ahnen Sie vermutlich, wo die Richtung beim neuen Cupra 300 hingeht. Was Sie hier sehen, hört auf den Namen Seat Leon ST Cupra 300 4Drive. Das lässt sich in einem Atemzug gerade noch unfallfrei aussprechen und bedeutet übersetzt, dass wir es hier mit dem schnellsten Seat aller Zeiten zu tun haben, der noch dazu ein Kombi ist und über Allradantrieb verfügt. Dass es ihn in dieser Form nur mit DSG gibt, steht nicht im Namen, aber das macht nichts. Viel entscheidender ist, dass man erstmals vier angetriebene Räder in einem Leon Cupra bekommt. Der Allrad-Kombi ist damit sowas wie der Star der modellgepflegten Cupra-Reihe, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie im Großen und Ganzen genauso aussieht wie vorher.

Mehr Leistung, neue Assistenten
Na gut, das war jetzt ein bisschen gemein, denn ganz so einfach ist es natürlich auch nicht. Wie bisher kriegen Sie den dreitürigen SC, den Fünftürer (ohne Initialen) sowie den Kombi ST, wahlweise mit Sechsgang-Schaltgetriebe oder Sechsgang-DSG. Wie erwähnt, steigt die Leistung von 290 auf 300 PS, gleichzeitig erhöht sich das Drehmoment von 350 auf ziemlich propere 380 Newtonmeter. Dass der normale Seat Leon kürzlich ein Facelift erhielt, haben sie womöglich vernommen. Alle seine Änderungen fließen nun auch ins Leon-Cupra-Facelift ein. Wenn Sie wirklich gut sind, erkennen Sie leicht geänderte, etwas schärfer gezeichnete Schürzen. Entscheidender sind aber die Optimierung der Assistenzsysteme und eine dezente Überarbeitung des Interieurs. Erstere umfassen nun ein verbessertes Radar- und Kamerasystem sowie den neuen Stauassistenten, der im Stop&Go selbständig beschleunigt, bremst und lenkt. Zweiteres zeichnet sich nun durch etwas feinere Materialien und ein neues Acht-Zoll-Infotainmentsystem aus. Das tut dem in der Vergangenheit ausgesprochen trist und etwas altbacken wirkenden Cupra-Innenraum wirklich sehr sehr gut.

Software-Plus
Die mechanischen Änderungen am Leon Cupra 2017 fallen so gut wie gar nicht ins Gewicht. Der Leistungssprung auf die runden 300 Pferde ist im Prinzip ein Software-Ding, dazu gibt es ein paar dezente Änderungen am Fahrwerk, die allerdings so gut versteckt wurden, dass selbst der Kenner sie nicht herausspürt (und glauben Sie mir in diesem speziellen Fall, denn ich fuhr den Cupra 290 ein paar Monate im Dauertest).

Allrad nur mit Kombi-Klappe und DSG
Ach ja, wenn Sie einen drei- oder fünftürigen Cupra mit Allrad wollen ... dann haben Sie Pech gehabt. Für den Kombi-Unterbau lag das Allrad-Layout (elektronisch mit Haldex-Kupplung und variabler Kraftverteilung) vom Leon XPerience oder anderen Leon-ST-Varianten quasi schon rum, für den Hot-Hatch-Unterbau aber offensichtlich nicht. Allerdings dürften die meisten Käufer, die viel Leistung, viel Grip und viel Automatik wollen, wohl auch viel Kofferraum ganz gut finden. Es ist ein Paket, das gefühlt einfach am besten zum Kombi passt. Ob Seat nachlegt, ist im Moment nicht zu sagen. Für jetzt bedeutet das: Allrad nur in Kombination mit großer Klappe und DSG.

Schneller aber weniger einnehmend
Ob Sie sich deswegen grämen müssen? Kommt drauf an, wie Sie Ihren Cupra am liebsten konsumieren. Ein bisschen anders als ... sagen wir einfach ... der dreitürige Cupra-Fronttriebler mit Handschaltung fährt sich das hier nämlich schon. Extrem neutral, mega traktionsstark und – vermutlich nicht nur auf meiner engkurvigen, rumpeligen und teilnassen Testroute – zweifelsfrei deutlich schneller. Aber eben auch seriöser, erwachsener, nicht ganz so spitz, spielerisch und aufregend. Selbst mit den auf "meinem" Cupra montierten Michelin-Pilot-Sport-Cup-2-Reifen, die die Vorderachse mit Grip festzurren wie eine zu heiß gewaschene Zwangsjacke, bringt der Allrad-Cupra sein Heck nicht wirklich gern ins Spiel, wenn man mal in der Kurve das Gas lupft. Zumindest nicht bei Geschwindigkeiten, die mit einem gesunden Hirn noch vereinbar sind (und ja, das ESP ist komplett abschaltbar). Vielmehr stürmt er vehement in die Biegung hinein, erstickt die minimalen Untersteuertendenzen bereits im Keim und dann können Sie einfach stumpf auf dem Gas stehen bleiben. Was an Kraft nötig ist, schickt er nach hinten und schießt Sie in der Folge akkurat und ohne großes Aufhebens aber verflucht schnell und ohne das typische Fronttriebler-Reißen in der Lenkung aus der Kurve. Sehr effizient das Ganze, sehr sehr einfach zu fahren, aber eben auch ein wenig emotionsloser und ein Stück weniger lebendig, als ich das bisher von einem Leon Cupra gewohnt war. Und ja, natürlich liegt das auch an den 79 Extra-Kilos, die der Allradantrieb dem Cupra 4Drive auf den Buckel zwingt.

Wo bleibt der Sound?
Sprich: Hier hat man tatsächlich ein bisschen das Schleifpapier rausgeholt, noch mehr als bisher eine Alltags-Allwetter-Allzweck-Waffe erschaffen. Der erfreulich rabiate, dröhnige Sound der kompakten Cupras mit all seinem Auspuff-Geploppe beim Lupfen oder Schalten unter Zug? Beim Kombi so gut wie weggeblasen, weil er im Gegensatz zu den kompakten Cupras zwei Schalldämpfer hat. Das DSG? Wahnsinnig angenehm und eigentlich auch superfix. Gönnt sich aber beim Kickdown gerne mal ein Gedenk-Momentchen, hält die Gänge nicht und findet mehrfaches Runterschalten auch nicht so prickelnd. Ich weiß, der ST Cupra 300 4Drive wird sich eher selten auf eine Rennstrecke verirren (einer der wenigen Orte, wo sowas wichtig ist), aber erwähnt will ich es schon haben.

In unter fünf Sekunden auf 100 km/h
So, und damit Sie mich nicht komplett falsch verstehen: Der Allrad-Cupra-ST ist ein unglaublich gutes Auto. Er ist nochmal deutlich schneller als die übrigen Cupras, fetzt in ziemlich sensationellen 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Damit ist er eine Sekunde schneller als der frontgetriebene Cupra-Kombi und nur eine Zehntel hinter dem letzten BMW M5 Touring. Genau, einem M5. Mit 507-PS-V10-Motor. Und er gibt einem das Gefühl, dass man all seine Kraft völlig sorglos immer und überall einsetzen kann. Egal wie schlecht das Wetter oder wie übel der Straßenbelag. Dazu federt sein adaptives Fahrwerk selbst im sportlichsten der vier Fahrmodi noch so, dass kein Beifahrer Ihnen jemals die Ohren vollheulen wird. Und weil auch der Leon ST Cupra 300 4Drive zweifelsfrei als Leon ST durchgeht, hat er all den Platz und den Bedienkomfort und die präzise Verarbeitung, den das Standard-Auto auch bietet. Ja gut, wo ist dann das Problem, werden Sie fragen? Es gibt eigentlich keins. Ein besseres Auto für jeden Tag kann ich mir kaum vorstellen. Es ist nur einfach so, dass dieses Auto sein Können so perfekt, mühelos und routiniert aus dem Ärmel schüttelt, dass bei all der Geschwindigkeit (sowohl geradeaus als auch in Kurven) gefühlt ein bisschen der Kitzel fehlt, den die frontgetriebenen Schrägheck-Cupras so füllig liefern.

Deutlich günstiger als VW Golf R
Wenn Sie mit dieser zugegebenermaßen eher unbedeutenden Einschränkung leben können, erhalten Sie mit dem Seat Leon ST Cupra 300 4Drive einen beeindruckend vollkommenen Kompakt-Kombi, der mit einem Basispreis von 39.220 Euro noch dazu über fünfeinhalbtausend Euro günstiger ist als ein Golf R Variant. Der Wolfsburger mag (nicht spürbare) zehn PS mehr haben und insgesamt einen kleinen Ticken einnehmender fahren, aber wenn Sie keine ausgeprägte Seat-Phobie oder haufenweise Geld zu verschenken haben, ist das hier wohl der kompakte Allrad-Power-Kombi der Wahl.
(sw)

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