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Aston Martin DB11 im Test Wie gut ist Aston 2.0?

Meuspath, 7. Oktober 2016
Um Aston Martins Zukunft in ihrer ganzen Pracht zu sehen, verschlägt es mich an den Nürburgring. Man könnte meinen, das wäre ein überaus geeigneter Ort, um einen ultraflachen Hecktriebler-Traum kennenzulernen, der mehr Power hat als ein 911 Turbo S. Ist er aber nicht und ich erkläre Ihnen auch gleich warum. Jetzt stehe ich aber erstmal vor Astons Testcenter in Meuspach und kriege vor lauter Anmut meine persönliche Tür nicht zu. Wenn die komplette Neuausrichtung des britischen Sportwagenherstellers nur halb so schön wird, wie diese überbreite Begehrlichkeit in "Arden Green", dann stehen uns Enthusiasten glorreiche Jahre bevor. Jawohl, nach gefühlten drei Ewigkeiten ist der neue DB11 tatsächlich ein von Grund auf neuer Aston Martin. Kein mageres Facelift, keine strengstens limitierte Trackday-Spezialversion mit sieben Meter großem Heckflügel – nein, ein komplett neues und frei verfügbares Auto. Ein Auto, dass den Startschuss gibt für eine Modelloffensive, wie man sie bei 007s Lieblingsmarke (eine Bond-Anspielung pro Aston-Martin-Artikel muss erlaubt sein) noch nicht gesehen hat. Sieben neue Modelle in den nächsten sieben Jahren. Vanquish, Vantage, ein Crossover, ein paar Limousinen, dieses völlig irre Red-Bull-Hypercar namens AM-RB 001 – alles neu. Als erster Vorgeschmack sollte der DB11 also besser gut sein.

Die Seele wurde nicht verkauft
Die Zutaten zur hoffentlichen Güte sind – in aller Kürze – ein neues, steiferes Aluminium-Chassis, eine neue Karosserie mit etwas mehr Ausmaß als im Vorgänger DB9 sowie ein gänzlich neu entwickelter 5,2-Liter-Biturbo-V12 mit 608 PS und 700 Newtonmeter Drehmoment. Letzterer hat übrigens rein garnichts mit der vielzitierten Mercedes-Kooperation zu tun sondern ist 100 Prozent Aston. Vom Daimler sieht man im DB11 ohnehin überraschend wenig. Die Schwaben stellen eine neue elektronische Architektur zur Verfügung, merkbar ist das aber nur am Infotainmentsystem. Wer sich erinnert, wie gruselig die alten Aston-Navis waren, kann das nur begrüßen. Fans der Marke müssen also künftig nicht in einem Benz mit Flügel-Logo Platz nehmen, der Input des Sterns ist erfreulich dezent. Na gut, im nächsten Vantage dürfte AMGs 4,0-Liter-Biturbo-V8 Einzug halten, vielleicht steckt er bald auch in einer "Basisversion" des DB11, aber wer diesen Motor kennt, sollte sich darüber eher freuen. Der Verkauf der britischen Seele ist jedenfalls nicht zu befürchten.

Gran Turismo in Reinkultur
Apropos Seele: Im DB11 triefen die klassischen Aston-Martin-Grundtugenden aus jeder einzelnen Pore. Ein 2+2-sitziger Gran Turismo wie er im Buche steht. Und wie man ihn heute kaum noch findet. Groß, aber unwahrscheinlich sehnig. Nicht so plump und überbordend wie ein Bentley Continental GT, deutlich exklusiver und begehrenswerter als ein BMW M6 (freilich auch fast doppelt so teuer). Im DB11 plättest du ganze Kontinente mit seidenweicher Grazie. Und verblüffendem Tempo. Von dem du die meiste Zeit absolut nichts mitbekommst. Dieser Aston umschmeichelt ziemlich gekonnt.

Kein reinrassiger Sportler
Dennoch bewahrt er sich ein Stück weit die Dramatik, das Draufgängerische der alten Schule. Schwänzelt beim Gasgeben und in engen Kurven gerne mal mit dem Heck. Traktion ist nicht unbedingt seine allergrößte Stärke. Aber er ist aufregend, ein Charmebolzen. Was er jedoch nicht ist, ist ein reinrassiger Sportwagen. Auch wenn wir gerade an der Nordschleife stehen (Foto-technisch ja durchaus charmant), fahren sollte man den großen neuen Aston dort eher nicht. Zumindest nicht, wenn man es eilig hat. Und auch die winzigen, weit verzweigten Eifelsträßchen außenrum sind nicht wirklich astreines DB11-Territorium. Die Straßen dürfen ruhig kurvig sein, solange sie etwas Breite mitbringen. Dann ist dieses Auto eine wild stampfende Waffe. Klassischer DB-Stammbaum eben: mehr fliegende Lounge als asketische Rasierklinge. Und Linien, bei denen man augenblicklich den Verstand verliert.

Fast unwirklich schön
Wenn schon der Chef persönlich, Andy Palmer, sagt, dass Aston Martin "die schönsten Autos der Welt" bauen muss, wissen Sie, was Phase ist. Meiner Meinung nach übertreibt er kein Stück. Vermutlich könnte der DB11 fahren wie ein Bowlingkugel-bereifter Wohnzimmertisch, die Leute würden ihn trotzdem kaufen. Einfach, um ihn den ganzen Tag anzuschauen. Dann empfiehlt es sich jedoch, die Dachholme in Wagenfarbe zu belassen. Man kann sie auch in Silber oder Schwarz ordern, tut dem Auto damit geschmacklich aber keinen allzu großen Gefallen. Seis drum, die Proportionen bleiben fast unwirklich schön. Vor allem in diesem glorreichen Grün (der perfekte Dienstwagen für jeden Verteidigungsminister). Das Heck mit den Boomerang-Leuchten ist gefühlt drei Meter breit und 30 Zentimeter hoch, die Front ein Manifest purer Klasse. Und ein bisschen Aerodynamik gibt es auch noch. Wie beim Über-Aston Vulcan lassen die "aufgeschnittenen" vorderen Kotflügel schön viel Luft aus dem Radkasten. Ganz nebenbei sind sie ein optischer Hauptgewinn. Hinten wird die Luft durch Öffnungen an den C-Säulen auf den Kofferraumdeckel gepresst, von wo aus sie durch einen Schlitz in die Umwelt gelangt. Ein virtueller Heckspoiler quasi.

Hinten trotzdem eng
Innen verspricht Aston durch die Zugewinne bei Länge, Breite und Radstand deutlich mehr Platz als bisher. Beine, Köpfe … alle sollen profitieren. Für die erste Reihe mag das durchaus stimmen, aber bereiten Sie sich schonmal darauf vor, dass im Fond wie bisher eher Taschen als Menschen mitfahren. Sehr kleine, sehr biegsame oder sehr genügsame Menschen ausgenommen. Beim Beladen des flachen, schmalen Kofferraums fiel auf, dass selbiges (also das Beladen) nach einem Kamerarucksack und einer kleinen Sporttasche rapide dem Ende entgegenging. Für den Zwei-Personen-Wochenendtrip ins eigene Strandhaus, Chalet et cetera genügt es aber allemal.

Handarbeit-Flair mit kleinem Haken
Cockpit? In Ordnung. Was für ein 205.000-Euro-Auto nicht das ganz große Ruhmesblatt ist. Man muss Aston allerdings zugute halten, dass es sich hier um ein Vorserienmodell handelte, bei dem noch nicht alles genau so saß, wie es später sitzen wird. Darum geht es mir aber gar nicht so sehr. Ich meine, man sitzt wunderbar tief, das Leder ist toll und vieles hier drin hat dieses Manufaktur-Flair (klicken Sie sich bitte einfach mal durch den Konfigurator, man kann Stunden mit der Auswahl von Lederfarben, Polsternähten und Zierleisten verbringen). Aber irgendwie fehlt es ein wenig an den kleinen, edlen Schalterchen und Hebelchen, die man sofort anfassen und aufsaugen will. Die Mittelkonsole mit dem etwas lieblos eingefassten Acht-Zoll-Mercedes-Bildschirm wirkt fast ein wenig fad. An der Bedienung und Güte des Infotainmentsystems gibt es allerdings nichts auszusetzen und auch das digitale Instrumentendisplay sieht ziemlich cool aus. Ach ja, wenn Sie was zum Schmunzeln brauchen, gönnen Sie sich einen Blick auf die etwas … ähem … errigierten Türgriffe.

V12 ein geschmeidiges Monster
Und jetzt aber endlich ab zum V12. Wie gesagt: Nix Mercedes, alles Aston. Der erste mit Turbos und vermutlich auch der erste mit Start-Stopp-Automatik. Die 608 PS liegen bei 6.500 Touren an, den vollen 700-Newtonmeter-Tritt gibt es schon ab 1.500 U/min. Trotz eines überaus properen Trockengewichts von 1.770 Kilo knallt der DB11 in 3,9 Sekunden von 0-100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 320 Sachen. Und ziemlich genau so wie es sich liest, fühlt es sich auch an. Ein Turboloch muss man schon mit der Lupe suchen und selbst dann wird es schwer. Wie es sich für einen Motor mit viel Hubraum und viel Aufladung gehört, gibt es zu jeder Zeit haarsträubenden Schub. Nicht diesen Ich-fliege-jetzt-sofort-mitsamt-Stuhl-aus-der-Heckscheibe-Schub, eher einen gleichmäßig deftigen Vortrieb, den der DB11 aus dem Ärmel zu schütteln scheint, als wäre es nichts. Und zwar egal, ob gerade 80 oder 220 auf dem Tacho stehen. Will man ihn die ganze Zeit ausdrehen? Man kann, es macht Spaß. Man muss aber nicht, denn selbst wenn man die ganz und gar großartige ZF-Achtgang-Box bei 4.000 bis 5.000 Touren um den nächsten Gang bittet, geht es mehr als brünftig vorwärts.

Klingt noch immer
Oh stimmt, Sie wollen sicher wissen, wie er klingt. Schließlich gibt es wenige akustische Erlebnisse, die mit dem inbrünstigen V12-Gesang eines Aston Martin mithalten können. Der Neue ist in dieser Hinsicht – Aufladung sei Dank – vermutlich ein kleiner Rückschritt. Er malt Ihnen nicht ganz so viele Klangfarben in die Lauscher wie seine frei saugenden Ahnen. Nichtsdestotrotz gibt es hier noch immer mehr zu erleben als beim Großteil der Konkurrenz. Vor allem, wenn man den Fahrmodus-Schalter von "GT" über "S" in Richtung "S+" befehligt. Dann benimmt sich der DB11 deutlich unanständiger, schreit, knallt und krawallt sich mit mehr und mehr stimmlichem Zorn in Richtung 7.000er-Drehzahlgrenze. Für das eher gediegene, kultivierte Naturell dieses GT ist das alles schon verflucht wunderbar.

Lieber fließen
Besagtes Naturell ist es dann auch, mit dem man fahrdynamisch ein wenig hadert. Zumindest, wenn man vorhat, mit dem Messer zwischen den Zähnen Kurven geradezubiegen. Wie ich es bereits erwähnte, der DB11 ist kein austrainierter Sportler. Er ist wirklich verflucht breit, federt eher großzügig und neigt sich gerne etwas zu weit, wenn die Geschwindigkeiten höher und die Radien enger werden. Werfen Sie ihn in die Kurve und Sie werden merken, dass es gar nicht so leicht ist, ihn präzise und auf den Punkt zu positionieren. Selbst dann, wenn man das Fahrwerk von "GT" auf "S" oder "S+" konditioniert. Stehen Motor und Dämpfer auf "S+", strafft sich der DB11 spürbar, zieht sich zusammen, reagiert aggressiver, lenkt verbindlicher. Richtig hart, zackig, übernervös wird er aber nie. Er verführt eher dazu, den eigenen Fluss zu finden und mit der Straße zu grooven, anstatt sie trocken und humorlos platt zu fahren. Das alles freilich nach wie vor bei erschreckend hohen Geschwindigkeiten.

Der, den man will
Aston Martin hat mit dem neuen DB11 also – Vorsicht, Überraschung – einen waschechten Aston Martin gebaut. Einen atemberaubend attraktiven Gleiter, der 500-Kilometer-Etappen zum Frühstück verspeist, der entspannt jeden Tag fahrbar ist, den man jetzt auch mal mit 12 bis 13 Liter fahren kann, der aber auch gehörig die Sau raus lässt, wenn man das von ihm verlangt. Weißer Rauch und schwarze Striche sind immer nur einen Wischer des rechten Fußes entfernt. Der DB11 ist in all diesen Disziplinen eben ein gutes Stück besser als seine Vorgänger. Deutlich schneller, moderner, besser zu bedienen, noch begehrenswerter. Ist er der beste Gran Turismo da draussen? Wenn man sich Autos wie den 911 Turbo S anschaut, dann wahrscheinlich nicht. Ist er der Gran Turismo, den man unbedingt will? Ich würde sagen: Ein klares Ja. Aston Martin hat schon jetzt 3.000 Vorbestellungen. Offenbar geht es nicht nur mir so.
(sw)

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