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Ist der Fünftürer so flott, wie er aussieht? Test: Fiat Tipo S-Design

Haar, 19. Januar 2018
Er sei "The Normal One", so stellte sich Fußballtrainer Jürgen Klopp einst beim FC Liverpool vor. Ein völliger Normalo also, ohne Starallüren wie manche seiner Kollegen. Warum ich Ihnen das erzähle? Nun, auch im automobilen Bereich frage ich mich zunehmend, wo die normalen Modelle geblieben sind. Gutes Graubrot quasi, das nicht Premium, lifestylig oder voll vernetzt sein will. Spontan fällt einem hier Dacia ein – und der Fiat Tipo. Auch der Kompaktwagen richtet sich an preisbewusste Kunden. Doch weil offenbar selbst bei Graubrot das Auge mitisst, gibt es nun eine S-Design-Ausstattung für den Tipo. Wir haben sie in Verbindung mit dem fünftürigen 120-PS-Benziner getestet.

Schwarz-Malerei
Mein erster Eindruck: Besser als befürchtet. Ich hatte einen wüst aufgebrezelten Wagen erwartet, doch die S-Design-Komponenten wirken in sich stimmig. Was gehört ab Werk dazu? 17-Zöller in Schwarz, getönte Scheiben hinten, eine spezielle Polsterung innen und lackierte Türgriffe. Am auffälligsten sind die Außenspiegel und der Kühlergrill, die eingeschwärzt wurden. Schön: Auf fette Schweller oder eine Tieferlegung verzichtet Fiat, so bleibt die gute Bodenfreiheit des Tipo erhalten. Mein Tipp: Nehmen Sie "Amore Rot Metallic" für 590 Euro extra, es steht dem Tipo ausgezeichnet.

Praktischer Platzriese
Und innen? Im Fond gibt es viel Platz, generell ist das Raumgefühl gut, was bei einer Länge von 4,37 Meter allerdings auch erwartet werden kann. Ein sehr feiner Nebenaspekt sind 440 Liter Kofferraumvolumen im Normalzustand. Positiv sind auch die nicht allzu schräg stehenden A-Säulen zu bewerten, wodurch es vorne luftiger zugeht. Ich blicke mich im Cockpit um, genarbtes Hartplastik glotzt zurück. Zwar versuchen beim Tipo S-Design einige Details in Klavierlackoptik, das Ambiente aufzuwerten, aber die gesamte Anmutung bleibt mittelprächtig. Normal halt. Im positiven wie negativen Sinn. Dafür wirft die Bedienung keine Fragen auf, große Tasten erleichtern die Handhabung. Serienmäßig gibt es eine Klimaautomatik (nur eine Zone) an Bord, ebenso ein optional mit Navi aufwertbares Touchscreen-Radio mit Apple CarPlay und Android Auto. Seine Diagonale von sieben Zoll wirkt im Konkurrenzumfeld fast schon mickrig, doch ich finde: Das reicht voll aus, um alles im Blick zu haben. Es muss doch keine Kinoleinwand auf der Mittelkonsole thronen, die einen fast anspringt.

Warten auf den Schub
Anspringen liefert mir das perfekte Stichwort, um mit dem Fiat Tipo auf große Tour zu gehen. Auf große Motoren wird im Tipo verzichtet, die 120 PS unseres 1,4-Liter-Turbobenziners sind schon das obere Ende der Fahnenstange. Aber benötigt Otto Normalfahrer mehr Leistung? Nach vielen hundert Kilometern komme ich zu dem Schluss: Bei gewöhnlicher Fahrweise nicht. Kritikwürdig ist aber, dass das Aggregat akustisch stets präsent ist. Trotz Sechsgang-Getriebe liegen bei 120 km/h schon 3.000 Touren an. Allerdings sind hohe Drehzahlen auch öfters gefragt, um etwa an der Ampel aus der Knete zu kommen. Der Grund: Das maximale Drehmoment von kräftigen 215 Newtonmeter steht erst bei 2.500 Touren zur Verfügung. Lange Rede, kurzer Sinn: Erst einmal in Fahrt gekommen, trabt der Tipo durchaus flott über die Autobahn.

Kein Kostverächter
Das hohe Drehzahl-Niveau verhindert jedoch überragende Sparwunder beim Verbrauch: Wir kamen auf der Langstrecke auf 7,7 Liter, was kurioserweise dem innerstädtischen Verbrauch ab Werk entspricht. Unter uns: Schauen sie bei ihrem nächsten Neuwagen auf diesen Wert, anstelle der unrealistischen Kombiniert-Angabe, die beim Tipo sechs Liter verspricht. Was gibt es noch anzumerken: Die Lenkung ist im City-Modis sehr leichtgängig, was aber zwecks einfacherem Einparken so gewollt ist und mit den 17-Zoll-Felgen verschlechtert sich der Abrollkomfort. Keine Panik, bretthart wird der Wagen beileibe nicht. Aber ob es auch noch die zwangsweise kombinierte Option aus 18-Zöllern und Bi-Xenon-Licht sein muss? Offenbar lautet die Devise in Turin: Wer mehr sehen will, muss leiden.

Punkten beim Preis
Absolut fair ist die Einpreisung des Fiat Tipo S-Design: Für unseren 120-PS-Benziner werden 19.650 Euro aufgerufen. Eine ellenlange Liste an Extras gibt es schon deswegen nicht, weil der Tipo auf Horden von Assistenzsystemen und kiloweise Individualisierung verzichtet. Aber um beim Thema zu bleiben: Will das der normale Kunde überhaupt? Meine Kreuze würde ich an das Paket mit Navigation, Parksensoren und Rückfahrkamera machen (990 Euro), ebenso beim gut agierenden adaptiven Tempomat (550 Euro) und den S-Design-Komfortpaket mit elektrischer Lordosenstütze für den Fahrer und höhenverstellbarem Beifahrersitz (250 Euro). Dazu das S-Design-Plus-Paket mit Bi-Xenon plus 18-Zöller (890 Euro), Sitzheizung (290 Euro) und Metalliclack (590 Euro), fertig ist die Laube für zusammen 23.210 Euro. Doch lieber einen VW Golf? Mit mindestens 3.000 Euro mehr sind Sie dabei.
(rh)

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