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Test: 100 PS im kleinen Korea-Knirps Kia Picanto: Toller mit Turbo?

Frankfurt/Main, 27. Februar 2018
Höher, schneller, weiter: Das olympische Motto gilt inzwischen auch für Autos der untersten Kategorie, ob man sie nun Cityflitzer oder Kleinstwagen nennt. Renault hat im Twingo schon länger einen 90-PS-Turbo, der Twingo GT bringt es gar auf 110 PS. VW verpflanzte dem Up zum Facelift ebenfalls 90 aufgeladene PS, den Vogel schießt inzwischen der Up GTI mit 115 PS ab. Ein neuer Kontrahent im Wettrüsten der Taschenraketen kommt nun aus Korea in Gestalt des Kia Picanto 1.0 T-GDI. Sorgen seine 100 PS für einen Aha-Effekt? Wir haben ihn getestet.

Im Zeichen des X
Erhältlich ist der Kraftzwerg als "GT Line" oder "X-Line", also in den beiden Topausstattungen. Kunden, die ihren Picanto so stark haben wollen, achten laut Kia nicht so sehr auf Heller und Pfennig getreu dem Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts. Neu ist die X-Line, sie haut mit 15 Millimeter mehr Bodenfreiheit, schwarzen Radlaufverkleidungen, robusten Stoßfängern und Seitenschutzleisten optisch auf den Putz. Mit 3,67 Meter ist sie übrigens gut sieben Zentimeter länger als die anderen Picantos. Eine Gemeinsamkeit mit der GT Line sind 16-Zoll-Alus und ein vorwitziger Doppelrohrauspuff. Welche Variante hübscher ist, sei Ihnen überlassen, eine höhere Sitzposition beim X-Line konnte ich allerdings nicht feststellen.

Schick, aber eng
Licht und Schatten gibt es im Innenraum des Kia Picanto: Er ist deutlich nobler eingerichtet als ein Renault Twingo oder ein VW Up. Armselig ist hier nix, Chromapplikationen erwecken den Eindruck einer höheren Klasse. Dazu passt die bei Minusgraden echt feine Lenkradheizung. Hinzu kommt eine saubere Bedienung, optional thront ein Sieben-Zoll-Touchscreen auf der Mittelkonsole. Putzig: Auf Knopfdruck fahren im Bereich der Cupholder besondere Bögen zur Stabilisierung des Kaffeebechers heraus. Ein schicker Anzug also, der aber leider total auf Taille geschneidert ist. Will heißen: Im Picanto geht es eng zu. Als normal gebauter Mann von 1,88 Meter Körperlänge kuschelt sich mein linker Arm an die Türverkleidung. Die nackten Zahlen bestätigen diesen Eindruck. Der Kia Picanto ist nur knapp 1,60 Meter breit, ein VW Up hingegen 1,64 Meter. Aber sehen wir es positiv: Schmal ist in der Stadt immer gut. Im Fond des stets fünftürigen Picanto ist das Platzangebot überschaubar, für kurze Strecken geht es in Ordnung. Ein vierköpfiger Urlaub wird zudem durch den bescheidenen Kofferraum vereitelt: 255 bis 1.010 Liter sind zwar eine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger, aber nicht die Welt.

Ein Klecks Sahne
Aber klar ist natürlich auch: Wer einen Picanto wählt, tut dies, weil der Wagen so klein ist. Für höhere Ansprüche gibt es ja beispielsweise den Kia Rio, dessen 100-PS-Turbobenziner jetzt in den Picanto transplantiert wird. (Wink mit dem Zaunpfahl: Die gleich große Maschine mit 120 PS würde auch passen.) Im Leerlauf ist der Dreizylinder spür- und hörbar, jedoch nicht unangenehm. Generell fällt auf, wie gut Kia das Aggregat im Picanto gedämmt hat, auch bei Tempo 120 ist eine Unterhaltung problemlos möglich. Und dorthin kommt der Kleine ziemlich flott: 10,1 Sekunden sind eine Verbesserung von fast zwei Sekunden gegenüber dem bisherigen Topmotor mit 84 PS. Besonders beim Ampelstart zischt der Picanto weg wie nichts. Damit soll nicht für hemmungslose Raserei geworben werden. Vielmehr sind die 100 PS der entscheidende Klecks Sahne auf dem Kuchen, um im hektischen Verkehrsgeschehen mitspielen zu können.

Kraft und Freude
Lassen Sie es mich so formulieren: Man spielt im Top-Picanto leistungsmäßig nicht mehr in der zweiten Liga. Deutlich wird das auf der Autobahn, wo der 100-PS-Winzling gut zulegen kann und erst ab 160 km/h etwas an Verve verliert. Maximal sollen übrigens 180 km/h drin sein. Der spritzige Motor schafft Vertrauen für Überholvorgänge, mit diesem Modell ist eine Fahrt von Köln nach München nicht undenkbar. Einzig ein sechster Gang wäre dann wünschenswert, aber den hat erst die im Rio eingesetzte 120-PS-Ausführung des Einliter-Aggregats. Zur Schaltung notiere ich: exaktes Einrasten der Gänge, aber recht lange Wege. Typisch Turbo ist aber die Unlust auf extrem untertouriges Fahren.

Ganz schön geschmeidig
Eine Spur zu leichtgängig agiert für meinen Geschmack die Lenkung. Aber hey, das hier ist der Picanto, ein für die Stadt konzipiertes Auto. Was mir allerdings als langjähriger Hyundai-i10-Fahrer positiv auffällt: Der Federungskomfort des Picanto ist sehr manierlich. Klar, bei 2,40 Meter Radstand kann man keine Sänfte erwarte, aber der kleine Kia schluckt selbst groben Straßenbelag gut weg. Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Während der Normal-Picanto grundlegende Mobilitätsbedürfnisse erfüllt, sorgt der 100-PS-Picanto für Freude am Fahren.

Günstig war gestern
Allerdings lässt sich Kia den Klecks Sahne auf dem schmackhaften Picanto-Kuchen gut bezahlen. Los geht es bei 15.790 Euro in der GT-Line, die aber schon 16.870 Euro kostet, wenn man das Niveau der X-Line erreichen will. Inklusive hier: der Sieben-Zoll-Touchscreen, Digitalradio, Tempomat, Klimaautomatik, Rückfahrkamera und Sitze mit Ledernachbildung. So erklärt sich auch der recht happige Grundpreis von 16.990 Euro. Noch das Navi dazu und wir erreichen 17.580 Euro, mit Metalliclack fällt die 18.000-Euro-Marke. Schluck! Zum Vergleich: Ein ähnlich konzipierter VW Cross Up liegt mit 90 PS ohne Navi bei 17.740 Euro. Aberwitzige Summen spart man bei Kia also nicht ein, jedoch gibt es dort das modernere, vollwertigere Auto.
(rh)

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