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Attacke auf BMW? Das neue Kia-Topmodell im Test Der Stinger ist der Bringer

Palma de Mallorca, 9. Oktober 2017
Wissen Sie noch, was Sie vor zehn Jahren gemacht haben? In der Automobilindustrie sind zehn Jahre eine halbe Ewigkeit, besonders mit Blick auf die koreanischen Marken. Anno 2007 war beispielsweise das Kia-Modellangebot in Deutschland zwar aufstrebend, aber noch sehr eigenwillig. Suchen Sie einfach mal nach "Opirus". Kaum zu glauben, dass die gleiche Marke nun mit breiter Brust den Stinger präsentiert. Eine Kampfansage an BMW und Co. mit bis zu 370 PS. Trifft dieser Stachel (so die Übersetzung von Stinger) mitten ins Herz? Das klärt unser Test.

Formales Meisterwerk
Auf jeden Fall sorgt die Optik für einen Aha-Effekt. Ja, liebe Leute, das ist ein Kia! Vorbild war die Studie GT, die Kia auf der IAA 2011 zeigte. Tatsächlich ist von ihr vieles übrig geblieben, vor allem die gelungene Fastback-Form. Das Schrägheck (Pfui, welch böses Wort!) erinnert an die Gran-Coupé-Modelle von BMW, jedoch weist der Stinger feste Scheibenrahmen in den Türen auf. Meine spontanen Eindrücke: Die umlaufenden Heckleuchten erinnern etwas an den Maserati 3200 GT, lediglich die Fake-Luftöffnungen in der Motorhaube hätte sich Kia sparen können. Generell wirkt der Stinger größer als er eigentlich ist: 4,83 Meter Länge und 1,87 Meter Breite sind in etwa VW-Arteon-Niveau. Schade ist aber, dass die große Heckklappe nur eine schmale Ladeöffnung freigibt. Auch der Kofferraum ist mit 406 bis 1.114 Liter Volumen eher mäßig. Im Gegenzug überrascht aber die ordentliche Kopffreiheit im Fond. Vorne wie hinten sitzt man im Stinger tief, manch SUV-Fahrer wird das Gefühl des "Hineinplumpsens" kaum noch kennen.

Der Genuss-Stinger
Kia bietet für den Stinger drei Motoren zur Auswahl an, die ich mir ausführlich zu Gemüte führe. König unter dem langen Vorderwagen ist ein 3,3-Liter-V6 mit 370 PS, hier sind ein Allradantrieb und ein adaptives Fahrwerk stets inklusive. 510 Newtonmeter, 4,9 Sekunden auf Tempo 100 und 270 km/h Spitze klingen schwer nach Quartett-Trumpf. Apropos klingen: Die Geräuschkulisse des Sechszylinders ist eher neutral, etwas mehr Musik wäre fein. Doch das zählt zum Bereich "Petitessen" respektive "subjektiver Geschmack" wie auch die Alu-Applikationen im ansonsten schicken Cockpit, die metallisches Flair vermissen lassen.



Exquisit ums Eck
Insgesamt 1,1 Millionen Kilometer haben die Stinger-Prototypen zurückgelegt, viele davon auf dem Nürburgring. Dabei hatte Albert Biermann den Hut auf, jener Mann, der früher die M-Modelle bei BMW entwickelt hat. Wohl nicht zufällig war das 4er Gran Coupé Benchmark in der Stinger-Entwicklung. Mir bleiben nur einige Kilometer auf der Rennstrecke, um zu prüfen, ob der Ober-Kia von würdiger Biermann-Güte ist. Spätestens im Sport-Plus-Modus merke ich: Albert hat ganze Arbeit geleistet. Obwohl der V6 hart an der Zwei-Tonnen-Marke kratzt, schnuppert er flott um Kurven, bleibt dabei aber stets ausgezeichnet beherrschbar. Sogar leichte Drifts sind machbar, aber selbst dann bleibt der Stinger gutmütig und ist leicht wieder einzufangen. Möglich macht es der adaptive Allradantrieb, der bis zu 100 Prozent des Drehmoments an die Hinterachse weiterleitet. Zugegeben, wohl die wenigsten Stinger-Besitzer werden ihr Auto über die Nordschleife prügeln. Aber wenn, dann haben sie keinen Säbel, sondern ein Florett. Der Stinger fährt sich so gut, wie er aussieht.

Der Autobahn-Stinger
Für Lust und Laune ist also der 3.3 V6 zuständig, deutlich bürgerlicher ist der 2,2-Liter-Diesel im Stinger. Ihn gibt es wahlweise mit Hinterrad- oder Allradantrieb. Er wird laut Kia 60 Prozent der Verkäufe ausmachen. Durchaus naheliegend, denn der Selbstzünder spielt die Komfort-Karte aus. Sehr gut gedämmt, harmoniert er bestens mit der in allen Stinger serienmäßigen Achtgang-Automatik. 200 PS und 440 Newtonmeter maximales Drehmoment machen den schicken Kia zum lässigen Autobahn-Gleiter, je nach Fahrstil sind sechs Liter Verbrauch möglich. Zwar gibt es den Diesel ausschließlich mit 18-Zoll-Alufelgen, doch das gereicht ihm zum Vorteil. Auch ohne adaptives Fahrwerk federt der Wagen sehr anständig, im Vergleich dazu rollen die 19-Zöller bei den anderen Stinger-Modellen lautstärker und manchmal rumpelig ab. Leider hat der Diesel einen Pferdefuß: Während es ihn in Großbritannien bereits mit sauberem SCR-Kat gibt, kommt diese Lösung erst 2018 nach Kontinentaleuropa. Warten Sie also im Zweifelsfall lieber noch mit ihrer Bestellung. Laut Kia ist übrigens auch ein Plug-in-Hybrid im Stinger machbar, wie es ihn schon im Optima gibt.

Der Vernunfts-Stinger
Nun werden Sie vielleicht sagen: Ich finde den Kia Stinger wunderschön, fahre aber nicht so viel. Der Diesel lohnt sich nicht, der V6 ist mir zu teuer. Kein Problem. Wie wäre es mit dem 2.0 T-GDI? Ihn gibt es ausschließlich mit Heckantrieb, aber er ist über 10.000 Euro günstiger als der Sechszylinder. Die Nachbarn werden es nicht bemerken: Auch der Zweiliter-Turbobenziner hat vier Endrohre und ähnelt als "GT Line" (es gibt ihn nur in dieser Ausstattung) sehr stark dem großen Bruder. Innen blickt man ebenso auf einen bis Tempo 300 reichenden Tacho, auf Wunsch runden 19-Zöller das Gesamtbild ab. Mein Tipp: Gönnen Sie sich für den besonderen Auftritt das scharfe Blau- oder Rot-Metallic. Vollgepackt mit Luxus und Sicherheit präsentieren sich die beiden zusätzlichen Ausstattungspakete: Eine elektrische Heckklappe, Sitzbelüftung vorne, ein Spurwechsel-Assistent mit Totwinkelwarner und das adaptive Fahrwerk sind dann an Bord. Also all jene Dinge, die der V6 ab Werk aufweist, darunter auch die Rundumsichtkamera, schließlich ist der Stinger nach hinten so unübersichtlich wie die politische Linie von CDU und CSU.

Keine falsche Bescheidenheit
Antriebsseitig schluckt man mit dem Zweiliter-Vierzylinder keine Kröten. 255 PS sind wahrlich nicht bescheiden, im Sprint auf 100 km/h liegen auch nur 1,1 Sekunden zwischen dem 2.0 T-GDI und dem 3.3 V6. Schwach ist der kleine Benziner definitiv nicht, beim Druck aufs Gaspedal merke ich aber, dass zum V6 rund 160 Newtonmeter Drehmoment fehlen. Während der V6 seine Leistung gelassen aufs Brot schmiert, ist das Zusammenspiel von Motor und Getriebe unter Last beim Vierzylinder hektischer. In den subjektiven Bereich fällt das teilweise blechern klingende Laufgeräusch. Aber um es noch einmal deutlich zu sagen: Otto Normalfahrer macht mit dem kleinen Benziner einen guten Fang.

Einmal All-Inclusive, bitte!
Ende Oktober 2017 kommt der Kia Stinger zu den deutschen Händlern. Die Preise starten bei 43.990 Euro für den 2.0 T-GDI, umfangreiche Ausstattung inklusive. Der Diesel kostet 1.000 Euro mehr, mit Allrad werden 46.990 Euro fällig. Den Vogel schießt aber der 3.3 V6 ab, denn bei ihm ist praktisch alles inklusive, selbst Nappaleder und eine Brembo-Bremsanlage. Extras? Lediglich die Lackierung (sofern Sie nicht auf ein knalliges Gelb stehen) und das Schiebedach für 690 Euro. Vor diesem Hintergrund klingen 54.900 Euro ziemlich attraktiv, zumal mit Blick auf die Konkurrenz: Ein 20 Zentimeter kürzeres BMW 440i xDrive Gran Coupé mit 326 PS kostet ohne Zusatzausstattung 58.400 Euro, der VW Arteon R-Line mit lediglich 280 PS liegt bei 49.900 Euro. Eine Garantie von sieben Jahren bieten aber beide Firmen nicht. Man weiß schließlich nie, was die Zukunft bringt. Vor allem bei Kia.
(rh)

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