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Range Rover Evoque Cabrio im ersten Test Gelände-Gourmet

Courchevel (Frankreich), 21. März 2016
In der Regel werden Autos entwickelt, damit sie für möglichst viele Käufer möglichst viel Sinn ergeben. Dann gibt es Autos, die für deutlich weniger Käufer zumindest irgendeinen Sinn ergeben. Und dann ist da noch das neue Range Rover Evoque Cabrio. Jawohl, Land Rover hat dem hipsten, trendigsten und coolsten SUV das Dach geklaut, um eine Ausprägung an Hipness, Trendigkeit und Coolness zu erreichen, die auf dieser Welt bisher nicht für möglich gehalten wurde. Wenn Sie nicht gerade auf die perfekte Bräunung angewiesen sind, während Sie Biomärkte, Schulen und Social-Media-Meetings abklappern (oder Barbie sind und noch ein praktisch-handfestes Auto für Ihr nächstes romantisches Picknick suchen), haben Sie eigentlich überhaupt keinen Grund, dieses Auto zu kaufen. Aber wahrscheinlich haben Sie sich bereits beim ersten Blick unsterblich in diese Softroad-Badewanne verliebt und die schnöden Fakten sind Ihnen herzlichst egal.

Ein Dach wie ein Berg
Damit ginge es Ihnen dann übrigens – wenig überraschend – wie sehr vielen anderen Menschen. Der offene Evoque wurde seit November bereits 1.500-mal vorbestellt. Ohne Sehen, ohne Fahren. In Deutschland soll er die ohnehin grandiosen Evoque-Zahlen um etwa 15 Prozent nach oben treiben. Warum das funktioniert? Womöglich, weil luxuriöse Land Rover gerade besser ziehen als Facebook-Videos mit Katzenbabys. Und weil das Evoque Cabrio – bis auf den kleinen, schwarzen und offenbar notwendigen "Aufsteck-Spoiler" am Heck – tatsächlich stimmig aussieht. Das Webasto-Stoffdach hält den ehrenvollen Titel "längstes und breitestes Verdeck auf dem Markt" (mal sehen, was das neue S-Klasse Cabrio dazu sagt) und schiebt sich in raffinierter Z-Faltung nach hinten, um einen absolut bündigen Abschluss mit dem Rest-Heck zu ermöglichen. Die Faltung selbst dauert 18 (auf) beziehungsweise 21 Sekunden (zu) und kann fahrend bis 48 km/h vollzogen werden.

Platz noch passabel
Bei so wahnsinnig viel Dach, das ja auch irgendwo hin muss, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Kofferraum. Mit 251 Liter plus Ski-Durchreiche ist dieser tatsächlich halbwegs passabel. Im Fond verspricht Land Rover die gleichen Ausmaße wie beim Evoque Coupé. Übersetzt heißt das: Ziemlich wenig auf ziemlich steilen Lehnen. Sollte es zum Überschlag kommen, schießen innerhalb von 90 Millisekunden zwei elegant integrierte Alu-Streben von hinter der Rückbank gen Horizont. Das tun sie ausdrücklich nicht, wenn man sich mit dem Evoque Cabrio ins Gelände begibt. Machen Sie sich also keine Sorgen, wenn Sie mit maximal 35 Grad Seitenneigung in einem Hügel hängen, die Überrollbügel-Explosion sollte ausbleiben.

Offroad beeindruckend
Und damit wären wir auch schon bei einem dicken fetten Alleinstellungsmerkmal dieses mit Alleinstellungsmerkmalen nur so um sich werfenden Gefährts. Ja, das Evoque Cabrio kann Offroad. Bemerkenswert gut sogar. Sie bekommen die komplette Armada an Land Rovers vortrefflicher Gelände-Technik. Das beinhaltet grundsätzlich Allradantrieb (der unter normalen Bedingungen auf Frontantrieb wechselt), die Terrain-Response-Steuerung für verschieden unwegsame Untergründe, das Wade-Sensing-System für Wasserdurchfahrten bis 500 Millimeter sowie die All-Terrain-Progress-Control mit Bergan- und -abfahrhilfe. Auf einem schneebedeckten Hang mit allerlei hundsgemeinen Hindernissen (Schrägfahrt, steile Rampen, beachtliche Verschränkungen) zog sich der Oben-ohne-Evoque blendend aus der Affäre. Außerdem demonstrierte man mir die Steifigkeit des Autos, in dem man bei voller Verschränkung und zu vielen Reifen in der Luft alle Türen sowie das Verdeck ohne Probleme öffnete und schloß. Beeindruckendes Zeug. Sollten Sie Offroad also irgendwann nicht mehr weiterkommen, dann liegt es vermutlich nicht an der Technik, sondern daran, dass Sie von fliegenden Steinen oder einem herunterhängenden Ast erschlagen wurden.

Gut zugelegt
Das bringt mich gleich zur Hauptschattenseite des luftigen SUVs, denn die umfassenden Versteifungsmaßnahmen machen das Evoque Cabrio zu einem ganz schönen Pummelchen. Beinahe zwei Tonnen stehen letztlich beim Top-Diesel auf der Waage. Im Vergleich zum Coupé sind das gut und gerne 250 Kilo Solar-Aufschlag. Bei den Aufgaben des täglichen Lebens merkt man davon nicht allzu viel. Das Evoque Cabrio mag kurze Stöße nicht so gern, federt ansonsten allerdings sehr kommod. Zudem wirkt es absolut steif, verbiegt sich nicht seltsam oder schickt störende Vibrationen ans Lenkrad. Und dank des Allradantriebs sowie der Torque-Vectoring-Funktion, die das kurveninnere Rad abbremst, um Untersteuern zu verringern, ist man eigentlich immer auf der neutralen, traktionsstarken Seite.

Sportlich ist ein bisschen anders
So richtig viel Kurvenspaß bringt das alles freilich nicht. In den Ecken und bei der etwas weichen Bremse merkt man die Extra-Kilos. Die Lenkung ist zwar ziemlich direkt, aber weitgehend frei von Gefühl. Ein Beschleunigungswunder ist das Auto mit dem von mir gefahrenen 180-PS-Ingenium-Diesel auch nicht unbedingt. In 10,3 Sekunden geht es von 0 auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 195 km/h. Die Alternativen sind der gleiche Diesel mit 150 PS (das könnte wirklich zäh werden) sowie ein Zweiliter-Turbo-Benziner mit 240 PS, der in 8,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt und 209 km/h schafft. In beiden Fällen übernimmt eine Neungang-Automatik die Schalterei. Sie macht das sehr weich, verheddert sich bei schnellerer Bergfahrt allerdings manches Mal. Sonderlich dramatisch ist das freilich nicht, weil das Evoque-Cabrio kein Auto ist, mit dem man wie wild um die Kurve dreschen will. Sein Charakter ist eher der eines entspannten Cruisers. Von daher würde ich auch den stärkeren Diesel empfehlen, weil er mit seinem 430 Newtonmeter immer einen Haufen gut nutzbares Drehmoment in petto hat und mit offiziell 5,7 Liter obendrein fast drei Liter weniger verbraucht als der Benziner.

Das kann nur gut gehen
Stellt sich nach wie vor die Frage nach dem Sinn der ganzen Übung. Das Lustige ist: Das Evoque Cabrio hält die Antwort für absolut unwichtig und es wird damit extrem geschmeidig durchkommen. Einfach, weil es da draussen derzeit nichts Vergleichbares gibt. Nissan hatte einst den ziemlich grauenvollen Versuch unternommen, seinen Murano aufzuschneiden. Die Legende besagt, dass jeder, der ihn erblicken musste, für die nächsten zehn Minuten erblindete. Zum Glück schaffte er es nie über den großen Teich. Beim Evoque funktioniert der Aufschnitt hingegen. Die sexy Gene wurden erfolgreich von Coupé und Fünftürer hinübergerettet. Und der Rest ist im Prinzip selbsterklärend. Hoch sitzen will derzeit fast jeder. Das Ganze noch im Mix mit frischer Luft, ungefilteter Sonne, der Möglichkeit drei Begleiter (zwei davon sind hoffentlich recht zierlich) einzupacken und Anflügen eines Kofferraums – schwupps, haben wir ein automobiles Traumszenario für eine breite Masse an Menschen.

Teuer? Na und!
Selbige verfügt nach den Berechnungen der Evoque-Marketingabteilung außerdem über ausreichend monetäre Mittel, denn das "weltweit erste SUV-Cabrio der Luxus-Kompaktklasse" kommt ausschließlich in den beiden Top-Ausstattungen SE Dynamic und HSE Dynamic. Das bedeutet Preise ab 51.200 Euro für den TD4-Diesel mit 150 PS. Der empfehlenswerte 180 PS-Diesel startet bei 54.100 Euro, der Benziner bei 55.100 Euro. Immer mit dabei sind Ledersitze, 18-Zöller, Jaguar-Land-Rovers neues und stark verbessertes 10,2-Zoll-Infotainmentsystem, Einparkhilfen sowie ein Soundsystem. Den Preis deutlich über 60.000 Euro zu heben, ist dank zahlreicher Wohlfühl-Extras aber auch kein Problem. Ob es das wert ist? Schwer zu sagen und das ist auch völlig egal. Das Range Rover Evoque Cabrio ist attraktiv, es ist hoch, es ist halbwegs praktisch und man bleibt damit nirgendwo stecken. Es wird sich verkaufen wie ofenfrische Teigwaren. Und zwar nicht nur dort, wo Barbie lebt. Marktstart ist am 4. Juni 2016.
(sw)

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