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Mercedes E 220 d 4Matic All-Terrain im Test Einer fürs unrasierte Wochenende

Hochgurgl (Österreich) 7. Dezember 2016
Das E-Klasse-Familienfoto wird um ein Mitglied reicher. Ja, jetzt holte auch Mercedes das T-Modell aus dem maßgefertigten Businessanzug, steckte den Kombi in ein Holzfällerhemd, Wanderschuhe, eine robuste Jeans und ließ den Bart kräftig wachsen. Fertig ist ein Auto für diejenigen unter Ihnen, die normale Kombis zu spießig und SUVs zu groß oder zu hochbeinig finden. Vorhang auf für die All-Terrain-E-Klasse. Oder wie Mercedes selbst zu sagen pflegt: "Das Schweizer Taschenmesser unter den Kombis." Nachdem wir also bereits die Limousine, das normale T-Modell und den völlig verrückten Businessjet namens E 63 S getestet haben, ist nun die raubeinige Freizeitversion dran. Ab ins Abenteuer?!

Kombi im SUV-Look
Optisch unterscheidet sich die Offroad-E-Klasse durch einen Grill im Mercedes-SUV-Look, geänderte Schürzen mit galvanisiertem Unterfahrschutz, die typischen schwarzen Beplankungen für die Radhäuser und Schweller sowie neu gestaltete Räder in 19 oder 20 Zoll. Im Innenraum beschränkt sich der Wandel auf All-Terrain-Schriftzüge auf den Fußmatten und Gumminoppen an der Edelstahl-Sportpedalerie. Bei uns sorgt das Design während der ersten Kontaktaufnahme jedenfalls für ein Gefühl der verwegenen Robust- und Freiheit. Ob die Technik hält, was das Optik verspricht?

Allrad, Luftfahrwerk und ein zusätzliches Fahrprogramm
Die All-Terrain-E-Klasse kommt serienmäßig mit dem 4Matic-Allrad. Außerdem an Bord ist eine Luftfederung die 15 Millimeter über dem Normalfahrniveau liegt. Zusammen mit den höherbeflankten Rädern liegt der All-Terrain also 29 Millimeter höher als der normale E-Klasse-Kombinationskraftwagen. Die Bodenfreiheit beträgt je nach Stellung 121 bis 156 Millimeter. Der Maximalwert wird in dem für die Baureihe spezifischen Fahrprogramm "All-Terrain" erreicht – bis zu einer Geschwindigkeit von 35 km/h. Außerdem stellen sich das ESP, die Antriebsschlupfregelung und die Giermomentregelung auf schwierigere Bodenverhältnisse ein. Visualisiert wird der "Offroad"-Modus dann durch eine Anzeige im Fahrzeugdisplay, die über Lenkwinkel, die Stellungen von Luftfederung, Steigungs- und Neigungswinkel sowie von Gas und Bremse informiert.

Für schlechte Wege gewappnet
Sie wollen wirklich ins Gelände mit diesem Kombi? Dann hier noch ein paar Zahlen: Die Wattiefe beträgt 300 Millimeter, die Steigfähigkeit 70 Prozent und die maximale Seitenneigung 35 Grad. Die Böschungswinkel vorne und hinten sind mit 17,3 respektive 16,9 Grad bemessen. Damit ist die E-Klasse All-Terrain zwar nicht als Begleitfahrzeug für die Rallye-Dakar gewappnet, aber den Weg zur eingeschneiten Passhöhe am Timmelsjoch und den Abstecher über eine verwurzelte und felsige Waldstrecke meistert der Kombi souverän, ohne verkratzte Felgen und ohne verbeulte Frontschürze. Mit dem E im Businessdress wären wir diese Wege nicht gefahren, obwohl die normalen T-Modelle mit variablem Allrad zumindest in Sachen Antrieb keine Probleme mit dem Untergrund bekommen hätten.

Auf der Straße eine hochtechnisierte Sänfte
Wir wechseln von Off- zu Onroad: Über den serienmäßigen Dynamic-Select-Fahrdynamikschalter lassen sich dafür die Modi "Comfort", "Sport", "Eco" und "Individual" wählen, die bereits aus den normalen E-Klassen bekannt sind. Eine große Spreizung in Sachen Fahrdynamik gibt es trotzdem nicht und sportlich-straff wird es mit dem höhergelegten Fahrwerk übrigens nie. So bleibt der All-Terrain stets eine leicht wankende und sanft federnde Autobahnmaschine. Schnelle Kurven liegen dem 1.920 Kilogramm schweren Kombi also nicht wirklich und auch beim starken Beschleunigen (0-100 km/h gelingen in 8,0 Sekunden) hat der angestrengt klingende und unter Volllast leicht nagelnde Zweiliter-Vierzylinder-Diesel mit 194 PS und 400 Newtonmeter Drehmoment etwas Mühe. Ist der Wagen aber erst einmal in Fahrt, und die flink sortierende Neungang-Automatik hat die höchste Fahrstufe eingelegt, geht es sehr ruhig im Innenraum zu und man kann den Wagen wie bei den anderen E-Klassen auch dem schier unendlichen Angebot an Fahrhelfern übergeben, und sich selbst eine Massage gönnen und das frei konfigurierbare Infotainment-System im S-Klasse-Heimkinoformat genießen.

Zuschlagen oder abwarten?
Zu den Preisen hat sich Mercedes übrigens noch nicht geäußert. Auf Nachfrage wurde ein All-Terrain-Aufschlag von etwa 5.000 Euro genannt. Heißt: Das dann serienmäßige Luftfahrwerk, der Allradantrieb und die hemdsärmelige Optik machen den E 220 d 4Matic All-Terrain rund 55.500 Euro teuer, wenn er im Frühjahr 2017 auf den Markt kommt. Wenn Sie allerdings die stärkere 350-d-Version möchten, müssten Sie a) hochgerechnet mindestens 63.500 Euro investieren und b) noch bis zur Einführung im Herbst 2017 warten. Die Geduld zahlt sich aber nicht nur finanziell für Mercedes aus, auch eine erste kurze Ausfahrt in einem Vorserienfahrzeug lässt die Vermutung aufkommen, dass der Dreiliter-V6 mit 258 PS und 620 Newtonmeter Drehmoment deutlich besser zur Offroad-E-Klasse passen wird. Vor allem dann, wenn der bis zu 1.820 Liter fassende Kofferraum gefüllt ist oder am Haken ein 2,1 Tonnen schwerer Anhänger ins Abenteuer gezogen werden will.
(ml)

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