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Neue Generation des Honda-Kleinwagens im Test Jazz ohne Pep

Erlensee, 21. Juli 2015
"Mein Schäferhund ist schon älter und kann nicht mehr in den Kofferraum springen. Da sind die Magic Seats ideal", erzählt mir Julia. Ich habe die ideale Beifahrerin erwischt, denn Julia fährt privat einen Jazz. Einen aus der ersten Generation freilich, die 2001 auf den Markt kam. Mit der charmanten Begleitung habe ich die neue Generation des Jazz getestet, die Ende September 2015 auf den Markt kommt.

Hartplastik-Cockpit
Wir steigen in einen knallgelben Jazz der dritten Generation. Die Designer spendierten ihm eine neue Front und seitlich haben sie ihm ein paar heftige Rillen ins Blech gekniffen. Wesentlich schicker wirkt der Van-Kleinwagen damit aber nicht. Was die Technik angeht, habe ich drauf geachtet, dass wir keine stufenlose Automatik (CVT) bekommen. Denn diesen Getriebetyp kann ich nicht ausstehen, da kann Honda noch so sehr von dem niedrigen Spritverbrauch schwärmen. So finde ich einen Schalthebel mit sechs aufgemalten Gängen vor – der alte Jazz hatte nur fünf Stufen. Beim Tacho hatte ich das schicke, dreidimensionale Ding aus dem unlängst getesteten HR-V (der auf der gleichen Plattform basiert) erwartet. Aber nichts da, das eingebaute Teil sieht bieder aus. Auch sonst gibt sich der Jazz viel bescheidener: Während der HR-V großzügig beledert war, ist hier alles im Cockpit aus Hartplastik, bis auf die senkrechte Blende des Armaturenbretts. Schick sehen allerdings das neue Sieben-Zoll-Navi und die ebenfalls neue Konsole für die Bedienung der Klimaautomatik aus.

Motor: Schlapp
Aber wir sind zum Fahren eingestiegen, nicht zum Angucken oder Streicheln des Armaturenbretts. Ich drücke den roten Startknopf. Etwas ruckelnd fahre ich los, was vielleicht auch an den jetzt kürzer übersetzten Anfangsgängen liegt. Vielleicht auch daran, dass ich mich erst an die Kupplung gewöhnen muss. Aber viel, viel schlimmer: Der Motor ist verdammt schlapp. Gleich beim ersten Beschleunigen merke ich ihm sein laues Temperament an: Was für ein Langweiler! Und das soll ein ganz neuer Motor sein? Ein 1,3-Liter-Benziner mit 102 PS? Unglaublich. Über hundert PS müssten einen Kleinwagen doch zumindest angemessen voranbringen.

Höher drehen hilft auch nicht
Ein Blick ins Datenblatt zeigt: Das Maximaldrehmoment steht erst bei 5.000 Touren parat, die Maximalleistung erst bei 6.000 U/min. Mit neuer Hoffnung schraube ich nun die Drehzahl hoch: 4.000, 5.000 und 6.000 Touren. Es wird lauter, ziemlich laut, störend laut, wahnsinnig laut, kein normal hörender Mensch würde ohne Not so fahren. Aber das Beschleunigungsgefühl bleibt mau. 11,2 Sekunden soll der Tempo-100-Sprint dauern. Schwer zu glauben, gefühlt sind es mindestens 15 Sekunden. Julia indessen nickt verständnisvoll. "Die Motoren waren schon immer das Problem. Mein Jazz hat 84 PS, das war damals das höchste der Gefühle. Damit sind wir über die Alpen bis nach Sardinien gefahren – es ging, nur schön war das nicht."

Kein Diesel und kein Hybrid
Schön wäre ein stärkeres Aggregat im Jazz. Dergleichen aber ist offenbar nicht geplant. Definitiv von Honda dementiert werden ein Diesel (die 120 PS aus dem HR-V zum Beispiel) und ein Hybrid (den es bisher im Jazz gab, und der auch in Japan sowie den USA angeboten wird). Und von einem Turbobenziner ist auch nicht die Rede.

Atkinson-Zyklus, aber nicht sparsam
Aber vielleicht ist das 1,3-Liter-Aggregat ja sparsam. Eine Start-Stopp-Automatik ist Serie, das bringt schon was. Dazu kommt noch die Atkinson-Ventilsteuerung. Denn nur bei hoher Last arbeitet der Verbrenner nach dem Ottoprinzip, im Teillastbereich wird in den Atkinson-Zyklus geschaltet. Wer sich für Motorentechnik interessiert, weiß, was gemeint ist: Das Einlassventil bleibt länger offen, bis in den Kompressionstakt hinein. So wird der Expansionshub vergrößert, was den Wirkungsgrad erhöht. Das sollte den Spritdurst senken. Aber der Normverbrauch wird mit 5,0 Liter angegeben, und das ist kein Ruhmesblatt: Zwei Drittel der Konkurrenz liegen besser. Zum Beispiel der VW Polo 1.0 TSI mit 95 PS, der trotz überlegener Fahrleistungen nur 4,1 Liter schluckt. Der Ford Fiesta 1.0 EcoBoost mit 100 PS liegt bei 4,3 Liter und der Mazda 2 Skyactiv-G 90 bei 4,5 Liter. Und Letztgenannter hat sogar einen Hubraum von 1,5 Liter.

Kein Diesel und kein Hybrid
Unser Bordcomputer zeigt 5,9 Liter, erfreulich wenig nach meinen Drehzahlorgien. Und angesichts der Farbe, in der unser Tacho leuchtet: Die blaue Linie um das Instrument zeigt an, dass ich flott fahre statt ökologisch-ökonomisch. Den Eco-Schalter, der bei anderen Honda-Modellen wie dem HR-V gedrückt werden musste, um diese Farbanzeige zu bekommen, hat Honda weggelassen. Gut so, denn die Farbanzeige ein- und auszuschalten, war seine einzige Funktion.

Weiche Sitze
Am Ende unserer Ausfahrt drücke ich meinen Daumen in die Sitzwangen. Denn ich sitze nicht gut. Julia weiß wieder eine Anekdote: Als sie mit ihrem Jazz in Sardinien angekommen war, hatte sie den schlimmsten Hexenschuss ihres Lebens, und sie schiebt es auf die Jazz-Sitze. Die Langstreckentauglichkeit der neuen Möbel können wir nach der kurzen Ausfahrt nicht beurteilen, aber Komfort und Seitenhalt sind deutlich schlechter als im HR-V. Der Rest am Jazz ist akzeptabel: Das überarbeitete Fahrwerk (mit stärker nach vorne geneigter Rollachse, verstärktem Stabi vorne und dergleichen Optimierungen mehr) ist weder zu hart noch zu weich, die nun direktere Lenkung fällt nicht negativ auf.

Paradedisziplin: Innenraum
Nicht negativ auffallen: Das ist wohl das Positivste, was bisher über den Jazz gesagt wurde. Es gibt aber eine Disziplin, in der er brilliert, und das ist das Innenraumangebot. Im Fond herrscht eine ernorm gute Kniefreiheit. Honda vergleicht sogar mit der Mercedes S-Klasse. Das ist nicht so hirnrissig wie es klingt, denn vor meinen Kniescheiben bleiben rund zehn Zentimeter Platz. Laut Honda hat die Kniefreiheit hinten um 65 Millimeter zugenommen. Das war machbar, weil die neue Version um fast zehn Zentimeter auf knapp vier Meter Länge wuchs. Der Tank ist nach wie vor unter dem Vordersitz, was die Magic Seats ermöglicht: Man kann die Sitzfläche hochklappen wie bei einem Kinosessel und dann haben Blumenkübel dort Platz, oder eben altersschwache Hunde.

Ein Kofferraum wie in der Kompaktklasse
Oder man klappt die Lehnen nach vorne, wobei die Sitzfläche automatisch nach unten fährt. Man kann sogar die Vordersitzlehnen so weit nach hinten umklappen, dass sich eine durchgehende Liegefläche ergibt – und damit Möglichkeiten, die ich mit Julia nicht erkundet habe (um wilden Vermutungen gleich mal einen Riegel vorzuschieben). Oder man klappt die Beifahrersitzlehne nach hinten, so dass man auch ein 2,48 Meter langes Surfbrett unterkriegt. Einziger kleiner Schönheitsfehler: Wie beim HR-V gibt es eine kleine Sechs-Zentimeter-Schwelle am Kofferraumausgang, die das Herausziehen von Getränkekisten verhindert. Das Kofferraumvolumen aber ist überragend: 354 bis 1.314 Liter sind es, das reicht locker, um Klassenbester zu werden. Der Jazz liegt damit auf dem Niveau des VW Golf, und der rangiert eine Klasse höher – das ist wirklich ein Verkaufsargument.

Hoher Einstiegspreis – bei guter Ausstattung
Apropos Verkauf: Honda will pro Jahr 7.000 bis 8.000 Stück in Deutschland absetzen, also etwas mehr als die im Jahr 2014 verkauften 6.700 Stück. Die Preise für den Jazz beginnen bei 15.900 Euro. Das ist happig, denn den alten Jazz gab es schon ab 12.990 Euro. Doch die neue Basisversion Trend ist umfangreich ausgestattet: Klimaanlage und CD-Radio mit Fünf-Zoll-Display, City-Notbremssystem, Tempomat, Licht- und Regensensor, Sitzheizung, fünf Türen und mehr sind Serie. Vermutlich wird Honda also wieder eine sparsamer ausgestattete S-Version nachschieben. Denn so wie der Einstiegspreis ist, liegt er zu nah am VW Polo, den man mit dem überlegenen 90-PS-Turbobenziner schon für ein paar Hunderter mehr bekommt – wenn auch mit nur drei Türen und deutlich weniger Extras.

Intelligente Sicherheitstechnik
Wer lieber mehr als weniger Luxus will, kann die Versionen Comfort und Elegance wählen. Ab Comfort sind auch Sicherheitsfeatures wie ein intelligenter Geschwindigkeitsbegrenzer an Bord. Der liest den Wert von Temposchildern und stellt ihn auf Wunsch als Limit ein – ein praktisches und im Segment einzigartiges Feature. Ein paar Vorteile hat der Jazz also doch. Und Julia ergänzt noch einen, die Zuverlässigkeit: "Mein 13 Jahre alter Jazz war fast nie kaputt. Ich warte jeden Tag darauf, dass er endlich den Geist aufgibt, ich will endlich ein neues Auto." Ob es wohl wieder ein Jazz wird? Gefragt habe ich Julia nicht, aber ich vermute: höchstens wegen des altersschwachen Hundes.
(sl)

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