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Der Opel Astra mit Einliter-Dreizylinder im Dauertest Reine Formsache?

Haar, 22. Dezember 2016
Meine Nachbarin ist begeistert: "So ein elegantes Auto!" sagt sie spontan beim Anblick unseres Dauertestwagens, einen aktuellen Opel Astra Fünftürer in Kokusnussbraun-Metallic. Die Dame muss es wissen, schließlich fährt sie das Vorgängermodell. Vor lauter Begeisterung hat sie ihr Auto gleich neben GG-BO 162 geparkt. Ideal also, um einen ersten direkten Vergleich anzustellen. Schließlich hat der neue Astra viele Vorschusslorbeeren geerntet, wurde gar zum Auto des Jahres 2016 gewählt.

Optische Evolution
Sofort fällt auf: Opel hat das bisherige Astra-Design geschickt weiterentwickelt. Gut so, denn im Gegensatz zum golfigen Erzfeind von VW war bislang jede Astra-Generation komplett anders gestaltet. Beim K-Modell sorgt eine im hinteren Bereich etwas flacher verlaufene Dachlinie für weniger Pummeligkeit. Gleichzeitig wirkt der Astra nun nicht mehr so beliebig. Denn ganz ehrlich: Die alte Ausgabe sah immer nach Mitsuyota-Hondabaru-Kiadai aus. Das Cockpit ist um Welten aufgeräumter als beim alten Astra, wenngleich auch hier etwas Eingewöhnung nicht schadet. Was allerdings bei Sonnenschein auffällt: Die an sich feinen Chromzierleisten blenden enorm, gleichzeitig leidet der Blick auf den Touchscreen. Kritikwürdig sind auch die recht klein geratenen Anzeigen von Tacho und Drehzahlmesser, sie sind etwa im Mokka X besser ablesbar.

Einmal mit allem, bitte!
Apropos: Bei der Ausstattung hat sich Opel nicht lumpen lassen und uns die große Hafenrundfahrt spendiert, Kostenpunkt ab Werk 27.490 Euro. An Bord sind zum Beispiel das 900er-IntelliLink-Navi mit Acht-Zoll-Touchscreen sowie die feinen AGR-Sitze vorne inklusive Leder, Massagefunktion und Belüftung. Wohlgemerkt: Wir reden hier über einen Kompaktwagen! LED-Scheinwerfer und eine Frontkamera mit Verkehrszeichen-Erkennung plus Spurhalte-Assistent runden die Komplettheit ab. Halt! Fast hätte ich noch den Duftzerstäuber vergessen. 50 Euro kostet die Schnupperei für sensible Riechkolben. Eine Rückfahrkamera ist in der Topausstattung "Innovation" bereits serienmäßig. Diese ist auch deswegen empfehlenswert, weil der Aufpreis zum darunterliegenden Niveau nur 800 Euro beträgt. Bei unserem Astra würde man mit mindestens 18.360 Euro zur Kasse gebeten werden, denn er hat den Einliter-Turbobenziner mit 105 PS. Motto: Willkommen im Dreizylinder-Club. Doch statt der mageren Basisausstattung (immerhin mit Klimaanlage) sollte es schon mindestens der "Edition" für 20.180 Euro sein. Er bietet ein farbiges Touchscreen-Radio, Parksensoren hinten und einen Tempomat.

Bei denen piept es wohl
Autos, die über einen längeren Zeitraum zu uns kommen, haben Urlaub. Genauer gesagt, Teile der Redaktion, weshalb unsere im Parkhaus stationierten Lebensabschnittsgefährten auf vier Rädern die Kilometer verschlingen wie der unvergessene Bud Spencer seine Bohnen mit Speck. Beim Opel Astra 1.0 alias "Drei Töpfe für ein Halleluja" sorgte eine Tour in die Bretagne für erhöhten Autobahn-Appetit. Unsere französischen Freunde haben dort ein Tempolimit von 110 km/h festgelegt. Gut für den Verbrauch, schlecht für den ferienreifen Körper, AGR-Sitze hin oder her. Die Rettung (zumindest für den Fahrer) heißt Massagefunktion. Theoretisch jedenfalls. Praktisch ist der dazugehörige Knopf links am Fahrersitz so gut versteckt wie das Bernsteinzimmer. Während der Fahrt dort herumfummeln? Lieber nicht. Doch das ist der einzige gröbere Ergonomiepatzer im neuen Astra. Was uns alle freilich in den Wahnsinn trieb, waren die Parkpiepser vorne und hinten. Okay, Opels Kompakter ist mit 4,37 Meter Länge und 1,81 Meter Breite nicht überall der Tiefgaragen-Prinz. Gut also, wenn es Sensoren am Auto gibt. Aber die Dinger piepsen schon bei genügend Restabstand zum Hindernis so dermaßen penetrant wie das EKG eines Patienten mit fünf Kilo Ecstasy im Blut. Dieses Verhalten zieht sich seit Jahren durch alle Modelle der Marke, ob Insignia oder Mokka X. Ganz ehrlich: Das sorgt mehr für unnötige Panik, als das es hilft.

Drei gewinnt
Wie lebt es sich nun mit dem Dreizylinder-Turbobenziner? Die Maschine ist sehr gut gedämmt, nur beim Herausbeschleunigen rumort es mit typischer Klangnote. Einen Minuspunkt gibt es beim Ampelstart: Hier braucht der Astra etwas, um aus der Knete zu kommen. Hat man erst einmal Fahrt aufgenommen, geht es zwar nicht pfeilschnell, aber durchaus ordentlich vorwärts. Bis Tempo 160 läuft es flüssig, darüber wird es zäh. Aber unter uns: Wenn ich mit 200 über die Bahn prügeln will, nehme ich dafür keinen 105-PS-Kompakten. Eine Frage bleibt dennoch offen: Warum spendiert Opel dem Dreizylinder eigentlich keinen sechsten Gang? Umso überraschender ist der Verbrauch: Trotz wechselnder Fahrer blieb der Astra im Bereich mit einer Sechs vor dem Komma und lieferte fast konstant Schnitte zwischen 6,0 und 6,3 Liter. Respektabel, obwohl der Motor oft gefordert wurde. 4,4 Liter gibt Opel offiziell an, doch das ist so realistisch wie eine Prügelszene von Bud Spencer und Terence Hill. Auch bei strammem Autobahntempo von 160 bis 180 km/h ging der Verbrauch noch in Ordnung: 8,2 Liter.

Schalten und schalten lassen
Und was sagen die lieben Kollegen zum Astra? "Innen sehr appetitlich" – stimmt, hier hat Opel zweifelsohne den Anschluss an Golf und Co. geschafft. "Der Motor fühlt sich schwach an und grummelt wie ein alter Mixquirl." Der erste Punkt hängt davon ab, von welchem Motor man in den Astra umsteigt, der zweite Punkt ist nicht von der Hand zu weisen. Andere Dreizylinder sind leiser. Auch ein zusätzlicher Gang wurde diesbezüglich vermisst, zumal die Schaltung noch etwas geschmeidiger sein könnte. Schade: Eine richtige Automatik gibt es für den 1.0 Turbo nicht, stattdessen leider nur ein automatisiertes Schaltgetriebe. Ein weiterer Kommentar: "Die Hinterachse ist eine Spur zu ruppig": Um die Bandscheiben muss man sich zwar nicht sorgen, doch der alte Astra rollte geschmeidiger ab.

Solide Mischung
Insgesamt entpuppt sich der Astra des Jahres 2016 aber als stimmiges Gesamtpaket, für das es je nach Gusto auch andere Motoren und auch einen Kombi gibt. Otto Durchschnittsfahrer ist mit dem Einliter-Dreizylinder aber sehr gut bedient, zumal es für den so motorisierten Fünftürer öfters günstige Angebote der Händler gibt. Auch der Blick auf die Opel-Seite im Internet fördert manchmal Rabattaktionen zu Tage. Doch egal, wie man sich entscheidet: Der aktuelle Astra ist jeden Cent wert.
(rh)

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