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Lohnt sich der Griff zum alternativen Kraftstoff? Opel Astra mit Erdgas im Test

Haar, 21. Dezember 2017
Lange hat man nichts mehr vom Erdgasantrieb in Autos gehört. Klar, es gibt entsprechende Fahrzeuge, doch sie liefen bislang eher unter dem Radar der Kundschaft. Im Zuge der Diesel-Debatte wittert die CNG-Fraktion (Compressed Natural Gas, das offizielle Kürzel für Erdgas) wieder Morgenluft. Durchaus im wörtlichen Sinne: Erdgasautos emittieren weniger CO2 als vergleichbare Ottomotoren, ideal also für Innenstädte. Hinzu kommt eine bis 2026 festgeschriebene Steuervergünstigung für den Kraftstoff als solchen. Besonders der Volkswagen-Konzern bewirbt gerade seine Erdgas-Modelle als Diesel-Alternative. Fast untergegangen ist dabei, dass Opel jetzt den Astra CNG auf den Markt gebracht hat. Ob sich dieses Modell lohnt, klärt unser Test.

Sichere Tanks, weniger Kofferraum
Sehen wir uns den Erdgas-Astra zunächst genauer an. Hätte Opel nicht fette "Erdgas"-Aufkleber auf unseren Testwagen gepappt, wüsste man nichts von dem alternativen Antrieb unter dem Blech. Den Astra CNG gibt es als Fünftürer und als Kombi, wir fuhren das 4,37 Meter lange Steilheckmodell. Erst beim Blick ins Innere verrät sich der Spezial-Astra. Aufgrund der Tanks ist der Kofferraum flacher und fasst im Normalzustand nur 241 Liter Gepäck anstatt der normalen 370 Liter. Darunter befinden sich zwei sogenannte Typ-4-Tanks aus Kohlefaser-Verbundstoffen. Letztere verhindern Durchrostungen und nehmen die Angst vor spontaner Abfackelung des Autos, wie es bei VW-Modellen einst vorkam. Das Gewicht des Astra CNG liegt etwa 100 Kilogramm über einem normalen Benziner.

Schwerpunkt auf Erdgas
In die beiden Tanks passen insgesamt 19 Kilogramm Erdgas, als Sicherheitsreserve ist ein Benzinreservoir mit 13,7 Liter Kapazität mit an Bord. Im Cockpit aktiviert eine Taste den CNG-Betrieb. Dann zeigt die Tankuhr den Erdgas-Füllstand an, im Benzin-Modus dessen Spritvorrat. Der Bordcomputer teilt zudem die gesamte und die einzelnen Reichweiten exakt mit. Rund 460 Kilometer sind es mit vollem Erdgas-Tank. Damit setzt der Astra stärker als der Erdgas-Golf von VW auf den Betrieb mit CNG. Der Opel ist monovalent ausgelegt, der VW hingegen bivalent, denn er hat einen kompletten 50-Liter-Tank für Super und nur 15 Kilogramm CNG an Bord.

Talentierter Turbo
Als Motor nutzt der Opel Astra CNG den bekannten 1,4-Liter-Turbobenziner, hier allerdings nur mit 110 PS Leistung. Wobei "nur" eigentlich das falsche Wort ist. Das Aggregat schlägt sich besser als erwartet. Eine leichte Anfahrschwäche muss überwunden werden, aber zwischen 2.000 und 3.600 Umdrehungen stehen schöne 200 Newtonmeter bereit. In 10,9 Sekunden geht es auf Tempo 100, 1,7 Sekunden langsamer als im hubraumgleichen Turbo mit 125 PS. Lediglich bei der Elastizität und an Steigungen schwächelt der Gas-Wagen, immerhin greift man gerne zur gut geführten Sechsgang-Schaltung. Für jeden Astra sehr zu empfehlen ist das LED-Matrix-Licht (Aufpreis: 1.450 Euro), dessen automatische Fernlicht-Funktion vorzüglich funktioniert.

Schwierige Tankstellensuche
Leider ist aber irgendwann auch der größte Erdgas-Tank leer und man muss tanken. Und hier fangen die Probleme an: Das Tankstellen-Netz für Erdgasfahrzeuge soll zwar bis 2025 von aktuell rund 1.000 auf 2.000 Stationen verdoppelt werden. Aber noch schreiben wir das Jahr 2017, in dem die ganze Chose noch kompliziert ist. Zwei Beispiele: Es soll vom östlichen Münchner Umland nach Salzburg gehen, auf der Autobahn rund 150 Kilometer. Entlang der Route gibt es mit Wohlwollen drei Tankstellen. Wenn ich nahe meiner Arbeitsstätte CNG tanken möchte, muss ich zehn Kilometer fahren. In eine Richtung, wohlgemerkt. Immerhin zeigt mir das Navi die nächsten Tankstellen an, allerdings auch solche, die kein Erdgas mehr führen. Ähnlich wie bei Elektroautos gibt es auch bei Erdgas das Henne-Ei-Problem. Mangels vieler Fahrzeuge scheuen Tankstellenbetreiber den kostspieligen Aufbau von CNG-Zapfsäulen. Aktuell haben nur sechs Prozent aller in Deutschland neu zugelassenen Fahrzeuge einen Erdgasantrieb, geplant sind eine Million Autos bis 2025. Bemerkung am Rande: Der Tankvorgang dauert nicht länger als ein konventioneller Boxenstopp.

Zeit der Abrechnung
Rechnet sich der Erdgas-Astra unter dem Strich? Mit einem Grundpreis von 23.020 Euro in der Business-Version ist der Opel zwar gut 1.400 Euro günstiger als der exakt gleich starke VW Golf 1.4 TGI. Doch ein gleich ausgestatteter Astra 1.4 Turbo mit 125 PS ist satte 3.620 Euro günstiger. Gespart wird erst beim Tanken: In unserem Fall kostete das Kilo Erdgas 1,14 Euro, umgerechnet auf klassischen Kraftstoff sind das 0,74 Euro, da CNG eine höhere Energiedichte aufweist. Dem gegenüber stehen 1,30 Euro pro Liter Super E10, also eine Differenz von 56 Cent pro Liter.

Ein Fall für Vielfahrer
Blicken wir zur besseren Vergleichbarkeit auf die vom Werk angegebenen Verbräuche. Astra CNG: 4,1 Kilogramm pro 100 Kilometer, das ergibt 3,03 Euro. Astra 1.4 Turbo mit 125 PS: 5,5 Liter, ergo 7,15 Euro auf 100 Kilometer. Man spart also 4,12 Euro pro 100 Kilometer, wenn man nur die Tankrechnungen sieht. Aber da ist noch der Anschaffungspreis. Auf ihn hochgerechnet, amortisiert sich der Erdgas-Astra erst nach fast 88.000 gefahrenen Kilometern. Und beim Diesel? Der Selbstzünder mit 110 PS ist 1.620 Euro günstiger als der Astra CNG, verbraucht aber wenig und profitiert vom günstigen Diesel-Kraftstoff. Gemessen an den Werksangaben müsste man gut 125.000 Kilometer fahren, um den Aufpreis wieder drin zu haben.

Weniger wäre mehr
Opel wäre also gut beraten, das CNG-Modell im Preis zu senken und näher an den konventionellen Benziner zu bringen, etwa durch eine Erdgas-Prämie für alle Kunden. Apropos Prämie: Wer einen alten Diesel (Euro 4 und niedriger) gegen einen neuen Astra eintauscht, bekommt noch bis Ende März 2018 eine "Umweltprämie" in Höhe von 5.000 Euro.
(rh)

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