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Im Test: Der Opel Insignia Grand Sport (2017) Ein superber Mittelklässler?

Rüsselsheim, 17. März 2017
Es sind stürmische Zeiten in Rüsselsheim. Einerseits will man bei Opel im Jahr 2017 sieben Produktneuheiten auf den Markt bringen, andererseits wurde der Hersteller soeben vom Mutterkonzern General Motors verstoßen und für 2,2 Milliarden Euro an PSA Peugeot Citroën verkauft. Wie sich der Konzernwechsel auf die Zukunft von Opel auswirken wird, lässt sich bislang noch nicht sagen, doch am Plan für 2017 wird festgehalten. Gut so, denn der Hersteller hat hart an den Neuzugängen gearbeitet. Einer ist ein neues Topmodell – der Opel Insignia Grand Sport. Ob sich die zweite Generation den Namenszusatz und die Bezeichnung "Flaggschiff" verdient hat? Und wie das neue Modell gegenüber einem Skoda Superb abschneidet? Wir sind an die Entwicklungs- und Produktionsstätte in Rüsselsheim gereist, um den neuen Insignia zu testen.

Emotionaler als in Tschechien
Bei der Formgebung der Karosserie stand eindeutig die IAA-Studie Monza Concept von 2013 Pate. Der tief sitzende Kühlergrill und die schmalen Scheinwerfer (auf Wunsch auch mit weiterentwickelter Matrix-LED-Technik) erinnern deshalb an das Designkonzept. Ebenso die LED-Rückleuchten und der coupéhafte Dachverlauf. So ganz subjektiv betrachtet sieht das Ergebnis ziemlich schnittig und windschlüpfrig aus. Der cW-Wert liefert eine bestätigende Zahl: 0,26. Ein Wort zum allgemeinen Optikbefinden? Superb … nur irgendwie ein wenig emotionaler und technokratisch. Er hat eine gute Mischung aus Kanten und Rundungen. Die Folge: Wir werden bei unserer Testfahrt aufmerksam von anderen Limousinen-Fahrern beobachtet.

Die neuen Abmessungen im Vergleich
Auch bei den äußeren Abmessungen liegt der Insignia Grand Sport jetzt auf Superb-Niveau. Gegenüber dem Vorgänger ist die neue Generation des Ober-Opels 55 Millimeter länger, 29 Millimeter flacher geworden. Außerdem wurde die Spur um elf Millimeter verbreitert. Dazu hat Opel die Karosserieüberhänge deutlich reduziert und den Radstand 92 Millimeter verlängert. Die neuen Daten: Knapp 4,90 Meter Länge, 1,46 Meter Höhe, 1,87 Meter Breite und 2,83 Meter Radstand. Zum Vergleich der Superb: Er ist 4,86 Meter lang, 1,47 Meter hoch und ebenfalls 1,87 Meter breit. Der Radstand ist mit 2,84 Meter ein Zentimeter länger als der des Insignia.

Viel Platz für Mensch und Material
Die veränderten Proportionen sorgen auf allen Insignia-Sitzen für spürbar mehr Platz. In der ersten Reihe merkt man davon zwar nicht sehr viel – hier fällt vor allem die 30 Millimeter tiefere Sitzposition positiv auf –, doch im Fond herrschen nun fürstliche Verhältnisse. Selbst als 1,90-Meter-Lulatsch bleibt zwischen Knien und Vordersitz sowie zwischen Kopf und Dach immer eine Handbreit Luft … genau wie im geräumigen Skoda-Pendant. Koffer konnten und können sich zwar nicht über zu enge Platzverhältnisse beschweren, die verschwenderisch einpackenden Mitreisenden aber schon. Hinter der großen Kofferraumklappe mit nach oben mitschwingender Scheibe haben deshalb 490 bis maximal 1.450 Liter Gepäck Platz. Hier ist der Superb mit einem Ladevolumen von 625 bis 1.760 Liter aber besser.

Komfort und Technik auf Premium-Niveau
Bei der Cockpitgestaltung mit IntelliLink-Infotainmentsystem und darunter ausgelagerter Klimasteuerung orientiert sich der Insignia Grand Sport am kleineren Astra. Die Materialwahl und die Verarbeitung sind gut und sogar einen Tick besser als beim Skoda. Optional (für 390 Euro) ist AGR-Gestühl mit Heiz- und Belüftungsfunktion sowie einer Massagetaste für den Fahrer. Auch die Passagiere im Fond können sich über mehr Komfort freuen: Sie kommen auf den beiden äußeren Plätzen in den Genuss beheizbarer Sitze. Neue Assistenzsysteme sind ein farbiges und klar ablesbares Head-up-Display, eine 360-Grad-Kamera, eine adaptive Geschwindigkeitsreglung, ein aktiver Spurhalte-Assistent sowie ein Querverkehrwarner. Die neuen Funktionen arbeiteten während unserer Testfahrt immer zuverlässig. Außerdem gibt es Apple CarPlay, Android Auto, eine kabellose Ladefunktion fürs Smartphone, einen WLAN-Hotspot und die Online-Dienste von OnStar. "Wir sind zwar kein Premium-Hersteller, aber damit treten wir Premium gewaltig in den Hintern", meint Chefdesigner Stefan Arndt. Stimmt.

Spritziger Motor, komfortable aber unsportliche Automatik
Aber wie fährt sich die neue Limousine nun? Um dies herauszufinden, haben wir uns das Modell mit dem 260 PS starken Topbenziner gegriffen. Wieso genau diese Variante? Sie werden schon sehen. Also: Neben den 260 PS entwickelt der 2,0-Liter-Vierzylinder auch noch 400 Newtonmeter Drehmoment. Der Motor ist äußerst laufruhig und verhält sich ähnlich souverän wie der 280-PS-Benzier im Superb. Anders als beim Skoda koppelt Opel den Motor aber mit einer Achtgang-Automatik anstatt eines Sechsgang-DSG. Das Wandler-System sorgt zwar für sanfte Schaltvorgänge, kann aber mit dem drehfreudigen Motor nicht wirklich mithalten, der oftmals schneller eine neue Fahrstufe gebrauchen könnte. Überlisten lässt sich dieser Nachteil trotzdem: Und zwar indem Sie mit den Schaltwippen hinterm Lenkrad die Gänge wechseln. Ja, bislang können wir es nur vermuten, aber zu dem 170-PS-Diesel, den Opel etwas später mit dem Achtgang-Automaten anbieten wird, dürfte diese amerikanische Schaltcharakteristik besser passen.

Adaptiv und von sportlich bis bequem
Weil die Neukonstruktion der Modellplattform aber nicht nur für verbesserte Platzverhältnisse im Innenraum zuständig ist, sondern auch noch die Steifigkeit verbessert und je nach Ausführung bis zu 175 Kilogramm von den Insignia-Hüften hobelt, ist die große Limousine ziemlich agil geworden. Sie fährt sich sehr handlich (auch durch die verbindliche und zielgenaue Lenkung) und fast wie eine kleinere Fahrzeugklasse. Das überarbeitete "FlexRide-Fahrwerk", das 500-mal pro Sekunde elektrohydraulisch die Stoßdämpfer anhand der wählbaren Modi "Standard", "Sport" und "Tour" adaptiert, hat eine tolle Spreizung und macht den Grand Sport entweder straff und bereit für sportliche sowie wenig gemütliche Fahrmanöver oder weich, nachfedernd und überaus komfortabel für die Langstrecke auf der Autobahn. Hier schenken sich Skoda und Opel wirklich nichts. Auf den Punkt: Der Superb liegt etwas satter auf der Straße, der Insignia wirkt leichter und agiler.

Torque-Vectoring und weitere Möglichkeiten
Ein weiteres Highlight beim Grand Sport ist das Allradsystem mit Torque-Vectoring. An der Hinterachse ersetzen deshalb zwei elektrisch gesteuerte Lamellen-Kupplungen das Differenzial. Der variable Vierradantrieb sorgt auch noch für ein stabiles Fahrverhalten, wenn die persönliche Wohlfühlgrenze bei Kurvengeschwindigkeiten schon lange überschritten ist. Und die des Beifahrers und der Passagiere im Fond allemal. Neben der bereits gefahrenen Variante ist der Insignia Grand Sport aber auch in einfacheren und etwas weniger dynamischen Versionen erhältlich – mit Frontantrieb, ohne adaptives Fahrwerk und mit Sechsgang-Schaltung oder Sechsgang-Automatik. Und für die Statistik: Im Maschinenraum reicht das Benziner-Leistungsspektrum von 140 bis zu den getesteten 260 PS. Die Diesel leisten zwischen 110 und 170 PS. Damit ist das Insignia-Antriebsangebot ähnlich umfangreich, wie das des Skoda Superb.

Preise und Markteinführung
Ab Juni 2017 steht der Wagen beim Händler. Die Preisliste? Die beginnt beim Insignia Grand Sport bei 25.940 Euro. Dafür gibt es Stahlräder, eine Sechsgang-Schaltung, Frontantrieb und den 1,5-Liter-Vierzlyinder-Benziner mit 140 PS. Die von uns gefahrene Variante mit Allrad, Achtgang-Automatik, adaptivem Fahrwerk und 260-PS-Benziner ist mit einer guten Serienausstattung ab 41.500 Euro erhältlich. Damit ist das neue Opel-Flaggschiff zwar weit entfernt von den Audi-Preisen, einen großen Kostenunterschied gegenüber vergleichbaren Skoda-Superb-Modellen gibt es aber nicht.
(ml)

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