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Der neue Porsche 718 Cayman S im Test Begeisternde Enttäuschung

Malmö (Schweden), 12. Juli 2016
Rückblende: Wir schreiben den 9. Dezember 2015. Nachdem Porsche für das Traditionsmodell 911 schon im September 2015 das Facelift samt dem Umstieg auf kleinere Turbomotoren verkündete, dauerte es für die Mittelmotorsportler Boxster und Cayman noch rund zwei Monate länger. Doch dann war es für alle Sauger-Freunde traurige Gewissheit: Der Sechszylinder-Boxer ohne Turbo ist tot. Nun, im Juli 2016 stand die Fahrpräsentation des seit neuestem auf den Vornamen 718 hörenden Cayman an. Der Spagat zwischen Begeisterung und Enttäuschung ist herzzerreißend.

Optik? Erwachsener
Dass der überarbeitete Cayman mit dem Umstieg auf die Vierzylinder-Motoren auch den Zusatz "718" verpasst bekommt, und dieser zur großen Freude der Marketing-Menschen bei Porsche auch noch direkt aus der Motorsport-Historie der Zuffenhausener stammt, dürften wir mittlerweile alle mitbekommen und verstanden haben. Was bringt der 718 Cayman also sonst noch an Änderungen mit sich? Das Exterieur wurde ordentlich umgekrempelt: Bis auf Kofferraumdeckel, Dach und Frontscheibe blieb kein Stein auf dem anderen. Die neuen Schürzen und Schweller schärfen das Gesicht des Fahrzeugs deutlich und verleihen dem Auto einen maskulineren Ausdruck. Auf den vorderen Kotflügeln verläuft nun eine klare Kante, die aus der Fahrerposition erst etwas hart erscheint, an die man sich aber mit der Zeit gewöhnt. Einen großen Anteil am neuen Äußeren haben auch die dunklen Rückleuchten und die dazwischen verlaufende schwarze Leiste. Innen gibt es neue Lüftungsdüsen, ein kleineres Lenkrad samt Sport-Modi-Drehschalter und endlich ein neues Infotainment-System, das ganz hervorragend funktioniert.

Fahrwerk, Lenkung und Bremse noch besser
Unter dem überarbeiteten Blechkleid soll ein komplett überarbeitetes Fahrwerk mit optimierten Stoßdämpfern, strafferen Federn, einer steiferen Hinterachse und härteren Stabilisatoren für ein noch direkteres und weniger wankendes Fahrerlebnis sorgen. Die aus dem 911 Turbo entliehene direktere Lenkung und eine Bremsanlage mit größeren Scheiben runden die Änderungen unter der schönen Hülle ab.



Tatort? Rennstrecke
Genug des theoretischen Runterbetens von Änderungen, Erwartungen und optischen Details. Der Cayman bleibt schließlich auch in der Modellgeneration 718 ein waschechter Mittelmotorsportler aus Zuffenhausen. Und wo könnte man den wohl agilsten Spross der Porsche-Familie besser testen als auf einer Rennstrecke, die in 2,3 Kilometer Streckenlänge ganze zwölf Kurven quetscht? Der Sturup-Raceway im schwedischen Malmö dürfte den wenigsten ein Begriff sein, passt aber so perfekt zum Cayman wie die Nürburgring-Nordschleife zum GT3 RS – auch wenn Rallye-Weltmeister und Marken-Botschafter Walter Röhrl die Strecke zum "Micky-Maus-Kurs" degradiert. Er darf das.

Fabel-Werte für den neuen 718 Cayman S
Mein Objekt der Begierde ist heute ein Cayman S im kräftigen Farbton "Lava Orange". Die Topversion des 718 trägt ein 2,5-Liter-Vierzylinder-Boxer-Herz zwischen Fahrer und Hinterachse. Mit variabler Turbinengeometrie erreicht der Motor 350 PS – 25 mehr als im alten Cayman S mit Saugmotor. Beim Drehmoment fällt der Unterschied noch deutlicher aus: 420 zu bisher 370 Newtonmeter sind schon ein Wort. Derart gestärkt geht es – sofern das verdammt schnelle PDK-Getriebe verbaut ist – in 4,2 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Ein solcher Fabelwert war früher einmal nur dem König 911 vorbehalten. Zum Vergleich: Im saugenden Vorgänger dauerte der Sprint 0,7 Sekunden länger.

Verdammt schnell aber ganz anders
Den Schlüssel Porsche-typisch links neben dem Lenkrad herumdrehen, dann erwacht das neue Triebwerk zum Leben. Vom heiseren Sechszylinder-Rasseln des Vorgängers keine Spur mehr. Im Stand boxert der kleine Turbomotor mit einer Mischung aus Subaru-Grummeln und Käfer-Klappern vor sich her. Bassiger und weniger röchelnd als im alten Modell. Ich schiebe den PDK-Hebel in die manuelle Stellung und rolle auf die Rennstrecke. Nach einer kurzen Installations-Runde zum Kennenlernen der engen Strecke darf der 718 zeigen, was in ihm steckt. Zwar soll das volle Drehmoment schon ab 1.900 Umdrehungen anliegen, so richtig geht die Party aber erst bei 2.800 los. Turboloch? Hört man in Zuffenhausen nicht gerne. Dann schiebt das Turbo-Triebwerk den Cayman S unter gewaltigem Fauchen und "Pffff-Shhh"-Geräuschen nach vorne. Längsdynamisch eine Wucht, keine Frage. Bei 6.500 Umdrehungen liegt die volle Leistung von 350 PS an, spätestens dann sollte auch hochgeschaltet werden, denn darüber geht der Pumpe etwas die Luft aus. Keine Spur mehr von der Drehzahlgier des Vorgänger-Motors, der den kleinen Sportler mit perfekter Dosierbarkeit und emotionalem Sechszylinder-Sound zu so einem kurzweiligen Auto gemacht hat.

Querdynamischer Freudenquell
Lässt man die mit Sicherheit auch vom persönlichen Geschmack beeinflusste Motor-Debatte einmal außen vor, hat Porsche es wieder einmal geschafft, ein hervorragendes Auto noch hervorragender zu machen. Das PASM-Sportfahrwerk mit 20-Millimeter-Tieferlegung und die wunderbar-direkte Lenkung machen den kleinen Porsche nicht nur auf der Rennstrecke zu einem enorm spaßigen Auto. Das kleine, dem 918 Spyder entliehene Lenkrad liegt perfekt in der Hand und übersetzt Lenkbefehle wunderbar direkt in Fahrfreude. In schnellen Lastwechselkurven offenbart der Cayman sein Geheimnis und den Grund, warum Porsches hauseigene Legende Walter Röhrl ihn für das "dynamischste Auto, das Porsche momentan hat" hält: das Mittelmotor-Konzept. Der 718 lässt sich allein mit dem Gasfuß so präzise steuern, dass die hervorragende Lenkung fast ein wenig kurz kommt. Etwas zu schnell in die Kurve hineingefahren? Untersteuern? Kein Problem. Kurz gelupft, schon dreht sich der Cayman um die Hochachse und steht wieder perfekt in der Bahn. Es macht einfach Spaß, das Auto um die Ecken zu werfen, immer mit einer Mischung aus "Wie auf Schienen" und "Verspielt wie ein junger Hund" – nicht im wilden Wechsel, sondern genau so, wie man es gerade braucht.

Die letzten Prozent Faszination fehlen
Ich gönne mir und meinem boxenden Kollegen noch eine ruhige Abkühlrunde. Er fährt wie ein echter Porsche, aber doch irgendwie anders. Moderner. Effizienter. Angeglichener. Langweiliger? Schon ein kleines bisschen. Der Cayman S mit dem neuen 2,5-Liter-Turbo-Vierzylinder löst in mir nicht die gleichen Grinsattacken und auch nicht den spontanen "Haben wollen"-Reflex aus, wie noch sein nicht zwangsbeatmeter Vorgänger. Es ist die alte Frage, aktueller denn je: Fortschritt auf Kosten der Emotion? Für einen Sportwagen-Hersteller wie Porsche muss es wohl dieser Weg sein. Ich stelle den 718 wieder ab und übergebe den Schlüssel. So richtig dicke Freunde werden wir wohl nicht.
(mf)

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