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Was machen 1.050 (!) Newtonmeter mit einer Diesel-Limousine? Test: RaceChip Panamera Diesel

München, 31. Mai 2017
Sie kennen das vielleicht. Wenn Sie hin und wieder Tests getunter Autos lesen. Da heißt es dann meistens: "Mehr Leistung ist nun wirklich das Letzte, was Fahrzeug XY gebraucht hätte, aber beschweren wollen wir uns auch nicht drüber". Tja, ich will jetzt nicht einfallslos klingen, aber selten passte dieser Satz besser als beim RaceChip Porsche Panamera 4S Diesel. Schließlich schmückt sich das ölige V8-Biturbo-Monstrum aus Zuffenhausen bereits ab Werk mit dem unbescheidenen Titel "schnellster Diesel der Welt". Was kann da also noch groß kommen? Schnellster Diesel des Universums vielleicht? Der Göppinger Chiptuning-Marktführer RaceChip gibt sich jedenfalls alle Mühe und verziert den König der Selbstzünder mit wahrhaft beängstigenden Leistungsdaten. Mit 505 PS und 1.050 Newtonmeter, um genau zu sein. Und ja, wir haben auch kurz geschluckt ...

3,6 Sekunden auf 100 km/h
Jetzt könnten Sie behaupten: "Was soll der ganze Firlefanz? Reichen 422 PS und 285 km/h Spitze denn nicht aus? Für ein nagelndes Fünf-Meter-Schiff, das die meiste Zeit seines Lebens in 120er-Autobahnzonen festhängt?" Nun, vermutlich schon. Aber wenn ohne großen Aufwand noch so viel mehr geht? Sehen Sie es doch mal positiv: Ein Familienauto (zugegeben: für eher betuchte Familien) mit vierstelligem Drehmoment ist eine gute Sache. Ein 2,1-Tonnen-Diesel, der laut Tuner in 3,6 Sekunden – und damit so schnell wie der 550 PS starke Panamera Turbo – auf 100 km/h geht , ebenfalls. Vor allem, wenn der ganze Spaß (plus 82 PS, plus 200(!) Newtonmeter, minus 0,7 Sekunden von 0-100 km/h) als Plug-and-Play-Chip kommt und gerade mal 750 Euro kostet.

Keine Kommunikationsprobleme
Wie RaceChip seine Produkte für diesen Preis auf den Markt kriegt, ist immer wieder ein Rätsel. Schließlich verlangen andere Tuner gerne mal das Drei- bis Vierfache, sobald sie ein wenig an der Leistungsschraube eines deutschen Premiumproduktes herumfummeln. Der entscheidende Punkt bei RaceChip ist aber: Das irre und irre günstige Zeug funktioniert einfach. Spürbar, ohne Mätzchen und ohne Kommunikationsprobleme mit den Porsche-eigenen Fahrmodi. Wie üblich, können Sie per Handy-App steuern, ob Sie den Extra-Punch gerade abfordern möchten oder nicht. Dabei kommt der Zusatzchip den drei Panamera-Fahrprogrammen (Normal, Sport, Sport Plus) übrigens nicht in die Quere. Haben Sie Mehrleistung gewählt, kriegen Sie Mehrleistung. Der typische Einfluss der Fahrmodi auf Motoransprechverhalten und Getriebestrategie bleibt unverändert, nur eben mit mehr Dampf.

Im Zwischenspurt genau hinfühlen
Und damit endlich zu dem, was dieses Mehr an Dampf bewirkt. Ich weiß, die Zahlen klingen beinahe grotesk, aber erwarten Sie beim Betonieren des Gaspedals bitte kein komplett neues Auto. Wenn Sie auf der Autobahn bei, sagen wir, 100 km/h den Pinsel voll durchdrücken, werden Sie vermutlich keinen großen Unterschied feststellen. Das liegt nicht wirklich an RaceChip, sondern eher daran, dass das Serienprodukt bereits ein absoluter Berserker ist. Kleiner Tipp: Machen Sie einfach den direkten Vorher-Nachher-Vergleich. Chip aus, Zwischenspurt. Chip an, Zwischenspurt. Und plötzlich merken Sie, dass die siebeneinhalb Hunderter wohl doch ganz gut angelegt sind.

Verrückte Launch Control
Für den endgültigen Beweis, dass dieses Invest ein ziemlich gutes ist, sollten Sie aber einfach mal einen gepflegten Launch-Control-Start in den Teer hauen. Nadel auf 3.500 Touren, Fuß von der Bremse und dann bitte seeehr gut festhalten. Der Panamera eskaliert derart nach vorne, dass Sie augenblicklich mit ein ein bis zwei Achsbrüchen rechnen. Ich glaube der erste und zweite Gang werden einfach verschluckt. Aber wer braucht schon niedrige Gänge, wenn er 1.050 Newtonmeter hat. Wir fuhren zu viert (macht schließlich jeder im Panamera), erreichten die 100 km/h nach für uns alle sehr zufriedenstellenden 3,8 Sekunden und ein paar ziemlich grüne Gesichter gab es auch noch obendrauf. Das Einzige, was hier noch an einen Diesel erinnert: Dass Sie beim Tanken einen schwarzen Hahn in der Hand haben. Wie dieses Auto leistungsentfaltet, wie es sogar halbwegs gerne dreht, wie mächtig es klingt (mit Porsche-Serienauspuff), das ist schon alles sehr sehr fein. Was das unveränderte Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe auf lange Sicht zu mehr als 1.000 Newtonmeter Drehmoment sagt, können wir hier aber natürlich nicht klären. Ach ja, nur falls es Sie aus Prestige- oder Stammtischgründen interessiert: Die 300 km/h-Marke knackt dieses leicht verrückte Heizöl-Musclecar ebenfalls. Sonderlich lange dauert es nicht.

Der neue schnellste Diesel
Wenn Sie also mit einem der derzeit schönsten und modernsten Cockpits, haufenweise Beinfreiheit, Tablets auf der Rückbank und knapp neun Liter Diesel-Schnitt Supersportwagen verblasen wollen, dann empfehlen wir dieses stattliche Gefährt mit Doping aus Göppingen. Da dieser Panamera ein RaceChip-Promotion-Auto ist, kommt auch er mit den unvermeidlichen Tuningbeigaben wie einer (ebenfalls per App) steuerbaren elektronischen Tieferlegung und einem Satz riesiger Nachrüst-Räder mit Hinterreifen, die breiter sind als der Rhein. Das KW-Fahrwerksupgrade für die Luftfederung legt den Panamera um bis zu 50 Millimeter tiefer, kann aber auch in Serienhöhe gefahren werden. Es macht ihn immerhin nicht härter oder hibbeliger, hat allerdings auch sonst keinen fühlbaren Einfluss auf die an sich schon hervorragende Fahrdynamik. Die 21-Zöller von OZ sind wohl ein paar Gramm leichter als die Serienräder, aber erstens ist das bei einem derartigen Schlachtross ziemlich egal und zweitens lebt eine Luxuslimousine mit Serienrädern (die es ebenfalls bis 21 Zoll gibt) irgendwie schöner und stilvoller. All das ändert nichts daran, dass der schnellste Diesel der Welt gerade ein beängstigendes Stück schneller geworden ist. Und das zu einem Preis, für den Sie bei Porsche wohl nicht mal die nächsten zwei Ölwechsel bekommen.
(sw)

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