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Der neue Renault Captur im Test Französische Verkostung

Biarritz (Frankreich), 16. April 2013
Mit dem Entwickeln neuer Autos ist es ein wenig wie mit dem Kochen: Man wirft zusammen, was der Kühlschrank hergibt und hofft, dass das Ergebnis schmeckt. Wählt man zu viele Zutaten, kommt es zur Geschmacksverirrung, sind es zu wenige, wird das Ergebnis langweilig. Renault hat nun aus den Zutaten "Minivan", "Kleinwagen" und "SUV" ein neues Gericht gezaubert. Herausgekommen ist der Captur, den wir hier für Sie verkosten. Hat er das Potenzial zu einem Klassiker wie das Croissant, oder bleibt er doch ein Nischengericht wie die Froschschenkel?

Individuelle Gestaltung möglich
Der Captur ist nach Schrägheck und Kombi die dritte Karosserievariante des Clio. Allerdings bietet der kleine Crossover im Gegensatz zu seinen Geschwistern eine Bodenfreiheit von 17 Zentimeter. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Individualisierungsmöglichkeiten gelegt. Außer unterschiedlichen Farbkombinationen und Mustern für das Dach lassen sich auch die Außenspiegelgehäuse, die Nebelscheinwerfer-Einfassungen und zahlreiche Zierleisten individualisieren – der Mini lässt grüßen.

Etwas zu viel Fastfood fürs Heck
Optisch versucht der 4,12 Meter lange Renault wie ein echtes Feinschmecker-Gericht zu wirken, schließlich kommt er aus Frankreich, dessen "cuisine francaise" sogar Unesco Weltkulturerbe ist. Die Frontpartie mit dem großen Renault-Rhombus und den in höheren Ausstattungen in Chrom eingefassten LED-Tagfahrleuchten wirkt souverän. Allerdings wird besonders am Heck deutlich, dass Frankreich für die Fastfood-Kette mit dem goldenen M mittlerweile der zweitgrößte Markt nach den USA ist. Durch den großen Kofferraumdeckel und den üppigen Stoßfänger wirkt der Hintern pummelig. Wie sich der Captur jedoch in der Praxis schlägt, zeigt sich bei den Testfahrten durchs hügelige Baskenland.

Auf zum Verkosten
Für die erste Verkostung wähle ich den momentan einzigen Selbstzünder in der Motorenpalette, den Energy dCi 90 mit 90 PS und einem maximalen Drehmoment von 220 Newtonmeter. Die Beschleunigungszeit von 13,1 Sekunden auf Tempo 100 reicht, um jederzeit gut im Verkehrsfluss mitzuschwimmen. Am Hang jedoch und bei niedrigen Drehzahlen geht es nur recht zäh vom Fleck. Den Durst des 1,5-Liter-Vierzylinders gibt der Hersteller mit 3,6 Liter Diesel an, in der Praxis ist ein Wert von rund fünf Liter realistisch.

Weiche Federung und stimmige Schaltung
Das Fünfgang-Getriebe wird über einen gut erreichbaren Schalthebel bedient. Die Ganganschlüsse sind stimmig, die Schaltwege knackig. Die Federung erweist sich in französischer Tradition als recht weich und komfortabel. In Verbindung mit der etwas indirekten Lenkung tendiert der 1,56 Meter hohe Captur bei schärferen Kurven dazu, sich zur Seite zu neigen. Die Geräuschkulisse im kleinen Franzosen ist diskret zurückhaltend, lediglich im unteren Drehzahlbereich ist der Diesel brummig. Knackende Geräusche der Armaturentafel, wie man sie von einigen älteren Renaults kennt, sucht man vergebens.

Kuchen versteck dich, Sitz verdreck dich
Ein pfiffiges Feature im Innenraum des Captur ist das Handschuhfach. Es lässt sich wie eine Schublade ausziehen und bietet mit einem Stauvolumen von elf Liter genug Platz, um selbst einen ganzen Kuchen blicksicher zu verstauen. Wird dieser von den Passagieren während der Fahrt verspeist und einige Krümel fliegen auf die Sitze, ist das nur halb so wild. Optional und in der höchsten Ausstattung "Luxe" bereits ab Werk kommen abnehm- und waschbare Sitzbezüge zum Einsatz. Das Gestühl überraschte im Test positiv, es ist bequem und bietet guten Seitenhalt. Auch im Fond finde selbst ich mit meinen 1,85 Meter genügend Bein- und Kopffreiheit. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die um 16 Zentimeter verschiebbare Rückbank ganz nach hinten gefahren ist.

Die Haare in der Suppe
Allerdings gibt es auch einige Haare in der Bouillabaisse zu entdecken. Die Sicht nach hinten ist durch die breite C-Säule für einen Kleinwagen miserabel. Außerdem erweist sich die Touch-Bedienung des R-Link-Navigationssystems in der Praxis immer wieder als ausgesprochen lästig und verwirrend; besser man greift auf das bekannte und zudem günstigere Media-Nav-System zurück. Der Laderaum des Captur fasst zwischen 377 und 1.235 Liter Gepäck. Die Stufe, die beim Umklappen der 60:40 geteilten Rückbank entsteht, lässt sich über einen verstellbaren Ladeboden komplett eliminieren.

Doppelkupplung für Diesel kommt im Herbst
Zu haben ist der Captur in der gefahrenen Diesel-Motorisierung ab 17.090 Euro, dafür gibt es allerdings nur das Hauptgericht ohne Beilagen – die "Expression"-Ausstattung. Möchte man die Tafel reichhaltiger gedeckt haben, empfiehlt es sich, zur 19.090 Euro teuren "Dynamique"-Version zu greifen. Hier sind unter anderem bereits ein Radio und eine Klimaanlage an Bord. Das komplette Schlemmer-Menü hört auf den Namen "Luxe", kostet als Diesel mindestens 20.590 Euro und glänzt beispielsweise mit dem Multimediasystem Media Nav und 17-Zoll-Leichtmetallfelgen. Vermutlich im Herbst wird auch für den Diesel das Doppelkupplungsgetriebe EDC erhältlich sein, das es momentan nur in Verbindung mit dem mindestens 19.390 Euro teuren 120-PS-Benziner gibt. Dieser kommt bereits im Mégane als Energy Tce 115 zum Einsatz. Einstiegsvariante ist der aus dem Clio bekannte Dreizylinder-Benziner mit 90 PS, der ab 15.290 erhältlich ist. Ein Allrad-Captur ist nicht geplant, alle Motorisierungen verfügen über Frontantrieb.
(ts)

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