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Seat Ateca in zwei Motorisierungen im Test Günstig, kurz und gut

Barcelona (Spanien), 9. Juni 2016
Dass Leute ein Auto unbesehen kaufen, also ohne es auch nur einmal live gesehen zu haben, das dürfte höchstens bei ein paar Supersportwagen geschehen. Dachte ich. Doch die beiden Kunden, die Seat zur Fahrpräsentation des neuen Ateca mitgebracht hatte, haben genau das getan: den Wagen bestellt, ohne je dringesessen zu sein. Sie hätten das Auto nach dem Angucken eines Videos gekauft, weil es so gut aussah, erzählen sie. Schon als ich frage, welchen Motor sie gewählt hätten, geraten sie in Schwierigkeiten. Wenn Sie vor dem Kauf wissen wollen, was der Ateca taugt, lesen Sie diesen Test.

Das drittwichtigste Auto von Seat
Wie wichtig das neue Kompakt-SUV für Seat ist, ergibt sich schon aus den Zahlen: 20.000 Stück will man pro Jahr in Deutschland verkaufen. Damit wäre er die dritte Säule in der Verkaufsstatistik, nach dem Leon (42.000 Stück im Jahr 2015) und dem Ibiza (25.000 Stück). Es spricht einiges dafür, dass die Rechnung aufgehen könnte, denn schon 5.000 Stück wurden bestellt. Am 2. Juli 2016 kommt der Wagen auf den Markt. Zwei Benziner und drei Diesel werden angeboten, teils mit Front- und teils mit Allradantrieb. Bei den Benzinern stehen der 1.0 TSI mit 115 PS und der 1.4 TSI mit 150 PS zur Wahl, bei den Dieseln neben dem 1.6 TDI mit 115 PS noch zwei 2.0 TDI mit 150 und 190 PS.

Deutlich kleiner als der Tiguan
Technisch ist das Kompakt-SUV eng mit dem VW Tiguan verwandt, weil beide auf dem Modularen Querbaukasten beruhen. Aber die zwei sind keine Zwillinge, wie es früher im VW-Konzern oft der Fall war. Der VW ist zum Beispiel gleich 13 Zentimeter länger als der 4,36 Meter lange Ateca. Seat beschreibt ihn als urbanes SUV: Man findet leichter einen Parkplatz, der Ateca ist handlicher und leichter zu wenden. Das Cockpit erinnert allerdings stark an den neuen VW Tiguan. Es gibt ein sehr ähnliches Drehrad für den Fahrmodus, der Startknopf ist an der gleichen ungewohnten Stelle in der Mittelkonsole, und auch der Rest ist ähnlich. Das todschicke Active Info Display fehlt freilich, Tacho und Drehzahlmesser sind konventionell ausgeführt.

Starker 190-PS-Diesel
Sitz und Spiegel sind eingestellt, es kann losgehen. Mein Wagen ist die Topversion, ein Ateca 2.0 TDI mit 190 PS, DSG und Allradantrieb in der Spitzenausstattung Xcellence. Zuerst geht es von Barcelona aus ins Gebirge. Sobald die Stadt hinter mir liegt, gebe ich Gas. Aber schnell merke ich, dass ich den Wagen hier nicht ausreizen kann: Selbst bergauf sind 400 Newtonmeter Drehmoment weit mehr, als ich brauche, um den Wagen auf Trab zu bringen. Stürmisch schießt der Ateca voran, ohne dass ich mit den Schaltwippen am Lenkrad herunterschalten muss. Den Sprint auf 100 absolviert der Top-Ateca in 7,0 Sekunden – gerade mal eine halbe Sekunde langsamer als ein VW Golf GTI.

Kleiner Adblue-Tank
Als ich aussteige, zeigt der Bordcomputer einen Verbrauch von 7,4 Liter an – rund 50 Prozent mehr als der Normverbrauch. Die Abgase werden bei diesem Auto (wie bei allen Diesel-Allradversionen des Ateca) per Adblue-System gereinigt. Dazu ist laut Seats Technik-Sprecher Sven Schawe ein Elf-Liter-Tank an Bord, der nach der gängigen Daumenregel rund 11.000 Kilometer reichen dürfte. Beim Ateca zeigt sogar der Bordcomputer die geschätzte Adblue-Reichweite an. Danach müsste man bei meinem Testwagen schon nach insgesamt 7.000 Kilometer nachfüllen – was wohl so manchen nerven dürfte. Auch diesen Aspekt sollte man bedenken, bevor man sich für einen Allradler entscheidet, die Fronttriebler haben wie erwähnt kein Adblue-System. Ohnehin werden zwei Drittel der Kunden einen Fronttriebler wählen, wenn die Erwartungen von Seat eintreffen.

Geschmeidig und gut: 1.4 TSI mit Zylinderabschaltung
Der Top-Diesel mit Allradantrieb ist für den kleinen Ateca wohl ohnehin eher überqualifiziert – es sei denn, man möchte einen Anhänger ziehen, vielleicht sogar über eine nasse Wiese oder auf schneebedeckter Fahrbahn bergauf. Für ein "urbanes SUV", wie Seat den Ateca nennt, ist ein Turbobenziner passender. Deshalb steige ich nun in einen Ateca 1.4 TSI mit 150 PS, Frontantrieb und Handschaltung. Auch mit diesem geschmeidigen Motor geht es gut voran, seine 250 Newtonmeter sind ja nicht wenig für einen 1,4-Tonner. Beim Tempo-100-Sprint braucht man etwas mehr Geduld, aber auch bei 8,6 Sekunden wird man sich nicht langweilen. Die Schaltung funktioniert gut, und der Verbrauch laut Bordcomputer bleibt mit 6,6 Liter (etwa 25 Prozent mehr als der Normverbrauch von 5,3 Liter) im Rahmen. Hier hilft eine Zylinderabschaltung beim Spritsparen, wenn der Zweizylinder-Modus aktiv ist, erscheint ein entsprechender Hinweis im Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser. Dies ist allerdings nur beim Dahingleiten der Fall, sobald man auch nur ein wenig beschleunigt, arbeiten alle vier Töpfe.

Fahrwerk: Wankstabil und komfortabel
In den Serpentinen der Berge nordwestlich von Barcelona erweist sich das Fahrwerk als sehr wankstabil, im komplett (das heißt zu 360 Grad) durchfahrenen Kreisverkehr zeigt sich, wie gut sich der Ateca in den Asphalt krallt. Trotzdem ist der Wagen sehr komfortabel, soweit sich das auf den gut asphaltierten Teststrecken beurteilen lässt. Und das ohne adaptive Dämpfer, die es für den Ateca nicht gibt. Die verschiedenen Straßenmodi – Eco, Sport und Normal (die Allradfahrzeuge haben dazu noch die Betriebsarten Winter und Offroad) – sollen die Arbeitsweise von Lenkung, Gaspedal, Klimaanlage und Abstandstempomat beeinflussen. Ich probiere hin und her, spüre aber keinen Unterschied. Die Moduswahl hätte Seat also gerne weglassen dürfen.

Viel Platz im Fond
Auf den Vordersitzen sitzt man gut, der Seitenhalt ist hervorragend. Im Fond ist überraschend viel Platz: Wenn ich die Vorderlehne ziemlich senkrecht einstelle, kann ich hinten sogar die Beine übereinanderschlagen. Die Sitze lassen sich aber anders als beim Tiguan nicht längs verschieben. Die optional sensorgesteuerte Heckklappe funktioniert problemlos: Sie lässt sich per Fußgeste nicht nur öffnen, sondern auch schließen. Ebenfalls gut: Die Rücksitze lassen sich auch vom Heck aus mit Ziehgriffen umklappen (allerdings erst ab der mittleren Ausstattung).

Großer Kofferraum – mit dickem Wermutstropfen
Der Kofferraum schluckt beim Fronttriebler 510 bis 1.604 Liter, beim Allradler 484 bis 1.579 Liter – alles im Konkurrenzvergleich sehr gute Werte. Ein dicker Wermutstropfen fällt aber doch noch in den leckeren Cocktail: Der Laderaum wird beim Umklappen auch nicht ansatzweise eben, die umgeklappten Sitzlehnen bilden eine ärgerliche Stufe. Etwas besser ist es mit dem optionalen Einlegeboden für 145 Euro.

Nicht komplettes, aber gutes Technikangebot
Das Technikangebot ist deutlich kleiner als beim Tiguan. Es gibt wie erwähnt kein Active Info Display, kein Head-up-Display, keine adaptiven Dämpfer und kein Trailer Assist. Aber schlecht ist das Angebot keineswegs. Die sensorgesteuerte Heckklappe wurde erwähnt, es gibt LED-Scheinwerfer, einen Abstandstempomaten, ein sehr praktisches 360-Grad-Rundumsichtsystem, eine Verkehrszeichenerkennung und neben den üblichen Totwinkel- sowie Spurverlassenswarnern ist auch ein Querverkehrsassistenten für das Herausfahren aus Querparklücken erhältlich. Das radarbasierte Antikollisionssystem Front Assist mit Fußgängererkennung ist sogar Serie – sehr löblich.

Drei Ausstattungen, die mittlere ist die richtige
Den Ateca gibt es in drei Ausstattungsversionen. Die Grundausstattung Reference dürfte selten gewählt werden, da sie nur mit den Basismotoren auf Benziner- und Dieselseite bestellbar ist. Die Topversion Xcellence hat das nicht deaktivierbare Schlüssellos-System Kessy, mit dem man sich ein Diebstahlsrisiko an Bord holt. Bleibt die mittlere Version Style. Sie hat schon mehr als das Nötige an Bord, darunter 17-Zoll-Aluräder, elektrisch einstell-, anklapp- und beheizbare Außenspiegel, Klimaautomatik, Tempomat und Parkpiepser hinten.

3.000 Euro günstiger als der Tiguan
Mit 150-PS-Turbobenziner, Frontantrieb und Handschaltung gibt es den Ateca Style für 24.700 Euro. Für den gleich motorisierten Tiguan Trendline zahlt man runde 3.000 Euro mehr, wobei die Ausstattung nicht so umfangreich wie bei Seat ist. Man sieht: Der Ateca ist günstig. Alternativen wären der Nissan Qashqai 1.6 DIG-T mit 163 Turbo-PS für 26.090 Euro, der kleinere Opel Mokka X 1.4 Turbo (ab 23.030 Euro) und der größere Renault Kadjar TCe 130 für günstige 19.990 Euro. Wer lieber ein kompakteres SUV haben möchte, sollte bis zum Herbst warten. Auf dem Pariser Autosalon will Seat ein kleineres Crossover-SUV als Studie vorstellen.
(sl)

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