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507 PS im M6: Luxus-Coupé und Fahrmaschine in einem Sechs-Intercity: Der ultrastarke BMW M6 im Test

Sevilla, 26. April 2005 – Wie war das? DSC ausschalten, Drivelogic-Programm Nummer sechs wählen, Schalthebel gedrückt halten, Gas voll durchtreten und Hebel loslassen. Die Hölle bricht über mich herein. Zehn Zylinder brüllen heiser und so unwahrscheinlich kernig, dass es eine Gänsehaut verursacht. Im fast gleichen Moment zerrt es den BMW mit einer solchen Wucht nach vorn, dass ich vor Schreck das Lenkrad umklammere. Mit voller Kraft drückt es mich in den Ledersitz. Ich erlebe einen Vortrieb, der mir noch lange das Grinsen ins Gesicht treiben wird. Nach kurzen 4,6 Sekunden zeigt die Tachonadel auf die hundert. Doch der neue BMW M6 kann mehr, als ultraschnell sprinten. Wir haben ihn getestet.

Unterdrückte, aber präsente Kraft
Bei mir ist es Liebe auf den ersten Blick: Schon im Stand versprüht der M6 eine unterdrückte Kraft, die Lust aufs Einsteigen macht. Wie auf dem Sprung wartet das 4,87 Meter lange Coupé auf seine Fahrgäste. Dass der schlank elegante Münchner dem starken Geschlecht der M-BMWs angehört, verraten die wuchtige Frontschürze mit großen Lufteinlässen und die tief gezogenen Seitenschweller. Die Luftkiemen in den Vorderkotflügeln sind allerdings dezenter als bei anderen M-Modellen verkleidet – hier gibt es keine auffälligen M-Gitter.

Filigrane 19-Zöller
Sehr elegant wirken die 19-Zoll-Felgen, deren fünf filigrane Doppelspeichen den M6 leichtfüßig zu tragen scheinen. Dass auf diesen Felgen hinten 285er Reifen aufgezogen sind, offenbart sich beim Blick aufs beeindruckend bullige Hinterteil. Hier lassen unter anderem zwei Doppel-Endrohre und der große Diffusor keinen Zweifel mehr am Potenzial des schönen Zweitürers. Die dunkle Färbung des Daches kommt übrigens vom verwendeten Material: Es besteht, wie im Rennsport, aus leichtem Carbon. Die Reduzierung des Gewichtes wirkt sich positiv auf Endgeschwindigkeit und Fahrdynamik aus.

Sitz passt wie angegossen
Das Coupé hält innen, was es mir von außen versprochen hat. Ich werde förmlich angesaugt vom Sportsitz. Er passt mir wie angegossen. Das blau-rot vernähte Leder des Lenkrades liegt griffig in meinen Händen. Die Einrichtung des M6 unterscheidet sich in puncto Luxus und Komfort nicht von anderen mit Extra-Ausstattung bestückten Sechsern: Es gibt im Testwagen ein Navigationssystem mit großem Display, eine Zweizonen-Klimaautomatik, die Ledersitze sind vielfach elektrisch verstellbar. An der Mittelkonsole glänzt schwarzer Klavierlack, der Dachhimmel ist mit edlem Alcantara bezogen.

Hochdrehzahl-Motor
Weiter vorn verbirgt sich ein wahres Meisterwerk der Ingenieurskunst und treibt vor allem Technikverliebten Freudentränen in die Augen. Beflügelt wird der Über-BMW, wie auch der neue M5, von einem V-Zehnzylinder-Motor. "Hochdrehzahl-Konzept" heißt das starke Geheimnis der Kraftmaschine. Die Technologie stammt aus der Formel 1 und holt ohne Turbo oder Kompressor bei 7.750 Touren saftige 507 PS aus fünf Litern Hubraum. Bei 6.100 Touren wird ein massiges Drehmoment von 520 Newtonmetern auf die Kurbelwelle gepresst. Mit dieser Maschine würde der M6, so verrät mir ein Mitarbeiter der M-GmbH hinter vorgehaltener Hand, eine Spitze von 320 bis 330 km/h schaffen – also soviel, wie der Tacho anzeigt. Leider ist bei 250 km/h abgeregelt.

Blubbern bis Brüllen
Ich drehe den Zündschlüssel herum. Der Motor erwacht mit einem grimmigen Blubbern. Der M6 drängt regelrecht nach vorn. Der heiße Sound spielt die Tonlagen bis zum heiseren Brüllen bei vollen Touren durch. Besonders das markante Hicksen beim Lastwechsel ist ein Genuss für die Ohren. In der Automatik-Stellung des SMG-Getriebes werden die sieben Gänge so sanft gewechselt, wie sich das für einen teuren Viersitzer in dieser Preisklasse gehört. Der starke Bayer lässt sich wunderbar cruisen: Das komfortable Fahrwerk und die leichtgängige, exakte Lenkung machen das Luxus-Coupé zum idealen Reisewagen für lange Strecken.

Einfach am Lenkrad schalten
Doch wenn die Kraft gebraucht wird, ist sie brachial zur Stelle. Kickdown und den Sportsitz im Rücken spüren. Da wird der Reiser zum Reißer. Noch schneller geht's mit der Hand: Via Paddles am Lenkrad oder am SMG-Knauf gebe ich fingerleicht die Befehle zum Gangwechsel, zack, die drei, zack, die vier, zack, die fünf. Wie schnell die Gangwechsel erfolgen, kann auf Knopfdruck festgelegt werden – sechs so genannte Drivelogic-Programme bestimmen die Geschwindigkeit der Wechsel von "moderat schalten" bis zum "Reinknallen". Übrigens: Ich muss zum Schalten nicht mal vom Gas gehen.

Mannigfaltige Setup-Möglichkeiten
Aber der ultrastarke Weißblaue hat noch wesentlich mehr Technik-Features: Auf Tastendruck lässt sich die dynamische Stabilitätskontrolle vom normalen Eingreifen auf den M-Dynamic-Mode umschalten. Dann packt das Anti-Schleuderprogramm erst im absoluten Grenzbereich zu und ermöglicht so kontrollierte Drifts. Das sollten Ungeübte nur auf abgesperrten Strecken probieren. Auch die Dämpferkontrolle EDC kann per Fingertipp aufs Knöpfchen von "Komfort" über "Normal" bis hin zu "Sport" eingestellt werden. Die Motorcharakteristik wird mit dem Power-Knopf verändert: Da gibt's statt 400 PS nun 507 PS und ein schnelleres Ansprechen des Gaspedals.

M-Knopf: Einer für alle
Damit beim spontanen Wunsch, das "M" im Sechs zu wecken, nicht ein hektisches Klavierspielen auf den Tasten beginnt, kann im M-Knopf am Lenkrad das vorher festgelegte Setup gespeichert werden. Dann wird's richtig heiß: Mit dem Daumen den M-Knopf drücken und erleben, was passiert. Gierig nimmt die Maschine das Gas an, der Unterbau wird spürbar straffer und die Gänge flutschen schneller, wenn man an den Paddles zieht. Jetzt verstehe ich, warum es wichtig ist, beim Schalten das Lenkrad nicht loszulassen. Links, rechts, links, rechts, wie auf Schienen saugt es den Bayern-Express um die Kurven. Dass er dabei so sicher liegt wie ein Brett und dennoch nicht unkomfortabel wird, ist nur einer seiner Pluspunkte.

Ab 106.500 Euro
So viel Freude am Fahren bedarf aber auch der Freude am Sparen: Es wird wohl eines Lottogewinns bedürfen, damit ich mir den M6 kaufen kann. Für 106.500 Euro ist die weißblaue Edel-Fahrmaschine zu haben. Dafür ist dann die Lederausstattung bereits ab Werk Bord.

Hoher Verbrauch
Und wegen der Spritkosten muss ich mir die Anschaffung wohl auch nochmal überlegen: 14,8 Liter verschwinden laut BMW durchschnittlich in den zehn Zylindern, der Bordcomputer hat aber bei meinem Test über 19 Liter angezeigt. Dass das Auto gebraucht mal ein Schnäppchen wird, ist nicht zu erwarten. Es wird wohl das eintreten, was Ulrich Bruhnke, Geschäftsführer der M-GmbH, vorhersagt: "Dieses Auto wird ein Klassiker!" Und die sind bekanntlich nicht billig.
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