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Mercedes-AMG E 43 T im Test Mehr als ein Spar-AMG?

Hamburg, 14.September 2016
Mercedes hat der schreibenden Zunft soeben in Hamburg das neue E-Klasse T-Modell vorgestellt (wenn Sie erfahren wollen, ob es gut ist, dann scrollen Sie nach unten und klicken Sie auf den Link mit dem Test). Und weil man die versammelte Journalistenschaft gerade so schön da hatte, gab es auch gleich noch den neuen Mercedes-AMG E 43 dazu. Hä, 43? Hieß das Ding nicht immer E 63? Großer V8, viel Qualm, ein Sound, der Häuser auseinanderbricht? Ja, stimmt schon. Allerdings zündet AMG seit neuestem in zwei Stufen. Vor "AMG-Voll-Fett" kommt jetzt "AMG light". Als Konkurrenz zu Audis S-Modellen und BMWs M-Performance-Linie. Wobei es "light" beim neuen E 43 nicht wirklich trifft, denn die Leistungsdaten sind auch hier schon ziemlich beängstigend.

Jetzt mit 401 PS
Bekannt ist der 3,0-Liter-Biturbo-V6 bereits aus C-Klasse, allerhand SUVs und dem Roadster SLC. Für die E-Klasse hat man ihm allerdings zwei größere Lader und etwas mehr Ladedruck aufs Auge gedrückt. Die Leistung steigt von 367 auf horrende 401 PS, das Drehmoment bleibt mit 520 Newtonmeter ausreichend stämmig. Die 0-100-km/h-Zeit gibt der Daimler beim E 43 T-Modell mit 4,7 Sekunden an (die E 43 Limousine ist eine Zehntel schneller). In Anbetracht von 1.930 Kilo Leibesfülle ist das ein erschreckend niedriger Wert. Und er korrespondiert ziemlich genau mit dem, was man so fühlt, wenn man im 43er das Gaspedal in die AMG-verzierte Edel-Fußmatte presst.

Von flauschig bis vogelwild
Sein Potenzial hatte der Dreiliter-V6 bereits in diversen anderen 43er- beziehungsweise 450er-AMGs angedeutet. Auch im neuesten E-Klasse-Trimm ist seine Bandbreite enorm. Sauschnell, von unten bis oben mächtig und überraschend drehwillig ist er immer. Das ganze passiert bei cruisigem Gebahren im Comfort-Modus leise, entspannt, ja fast unauffällig. Gibt man ihm Feuer und ordentlich Drehzahl, fängt der E 43 aber ganz schön an zu trällern. Haut man den Fahrdynamik-Schalter auf "Sport Plus" wird es dann richtig zünftig. Klar, alles, was hier passiert, kommt aus dem Auspuff und ist elektronisch so gewollt, aber das ganze Geschreie, Gespratze, Gegurgle und Geknalle hält einen schon recht ordentlich bei Lust und Laune. Den Drehzahlbegrenzer bei 6.200 Touren hat "mein" E 43 zumindest häufiger gesehen. Und das Schöne ist: Die gelungene, von AMG auf mehr Tempo frisierte Neungang-Automatik lässt einen im manuellen Modus auch ungehindert in besagten Begrenzer reinknallen. Sprich: Die Gänge werden gehalten, wenn Sie das wollen.

Eher brav und schnell
Klingt voll nach Rennstrecke und reinster Affalterbacher Anarchie. Grölen, gestandene Sportwagen rundfahren, rauchig-obszöne Kombi-Drifts? Äh ... nicht ganz. Sehr viel Platz, Edelmut und persönlichen Einsatz vorausgesetzt, könnten Sie den allradgetriebenen E 43 vermutlich sogar in den Drift zwingen. Allerdings fühlt er sich trotz einer Kraftverteilung von 31:69 Prozent nicht wirklich heckgetrieben an. Keine Spur der rutschig-qualmigen Flatterhaftigkeit eines E 63 oder M5. Eher sehr viel Traktion und allzeit lupenreiner Vortrieb. Ist ja auch nicht unbedingt das Schlechteste bei den gegebenen Ausmaßen.

Erfreulich handlich
Das überarbeitete Luftfahrwerk (neue Achsschenkel, etwas straffer, mehr Negativsturz) arbeitet auch im AMG E 43 eher mit Samthandschuhen als mit bandagierten Fäusten. Der Abrollkomfort ist unabhängig vom Modus wirklich großartig. Bei allem Komfort wirkt der AMG deutlich verbindlicher, was Einlenkverhalten, Körperkontrolle und generelle Agilität angeht. Ja, dieses Auto fühlt sich tatsächlich handlich an. Auf kleinen, engen, kurvigen Landstraßen wie denen meiner Testroute möchte man den 43er aber trotzdem nicht bis zum letzten Tropfen auswringen. Denn AMG kann verdammt viel, aber aus einem fast fünf Meter langen, fast zwei Tonnen schweren Kombi einen rasiermesserscharfen Serpentinenfeger machen, können auch sie nicht. Man spürt einfach die Breite, das Gewicht. Keine Frage: Dieser Einstiegs-AMG liegt bemerkenswert satt, ist präzise und jederzeit verflucht schnell, aber auf der Bremse oder bei plötzlichen Ausweichmanövern (die Straßen waren wirklich eng) merkt man die Opulenz dann schon.

Ziemlich inkognito
Apropos Opulenz: Das verführerische Interieur der neuen E-Klasse kriegt man natürlich auch in der neuen AMG-Version serviert. Angereichert um ein prächtiges Alcantara-Lenkrad und etwas Boxengassen-Flair in Form metallener Zierleisten, einiger rasanter Extra-Anzeigen im riesigen 12,3-Zoll-Bildschirm-Konglomerat sowie schicker Leder-Alcantara-Sportsitze. Sogar Schalen-Gestühl ist gegen Aufpreis zu haben. Rein äußerlich bleibt der AMG E 43 verblüffend dezent. Wer nicht auf die Endrohre schaut, wird große Probleme haben, ihn als brachial schiebendes 400-PS-Muskeltier zu identifizieren.

Die bessere Wahl?
Hier liegt auch der Reiz des neuen Mercedes-AMG E 43. Er macht schon einen ganz schön gehörigen Rabbatz, das Ganze aber maximal unauffällig. Ohne das V8-verlotterte, hundsgemeine "Hier komme ich" des E 63. Der dürfte übrigens Anfang 2017 aufschlagen. Vermutlich mit 570 bis 610 PS und serienmäßig weiterhin mit Heckantrieb. Das wird deutlich mehr unvernünftigen Fahrspaß liefern als im E 43. Wer es lieber leise schnell mag, sollte sich den E-AMG-Light aber durchaus ansehen. Auch, weil er mit einem Grundpreis von 75.089 Euro (für die Limousine, das T-Modell dürfte rund 3.000 Euro mehr kosten) gut und gerne 35.000 Euro günstiger sein dürfte als der kommende 63er. Zum Vergleich: Audis 450 PS starker S6 Avant ist ab 79.250 Euro zu haben. Die Mutter aller Inkognito-Rennkombis ist vielleicht einen Tick weniger agil als der E 43 und kann in Sachen Hightech nicht mehr mithalten, kommt aber mit Biturbo-V8.
(sw)

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