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Yes, ein R8 mit Heckantrieb! Ist er die bessere Wahl? Audi R8 RWS im Test

Madrid (Spanien), 27. Februar 2018
Ich habe gerade knapp 20 Minuten lang ein Auto mit vier Ringen sehr quer sowie mit großen Mengen an Rauch und Tamtam über einen Handlingparcours gefeuert. Offizielle Menschen von Audi standen (in sicherer Entfernung) daneben. Sie sahen dabei nicht aus, als wollten sie mir bei nächster Gelegenheit den Kopf abhacken. Ganz im Gegenteil war all das genauso vorgesehen. In Audis straff geführter Welt von beispielloser Effizienz, purer Perfektion und völligem Grip mag das klingen wie ein Totalschaden in der Matrix. Aber das ist nicht der Fall. Und um ehrlich zu sein, fühlt es sich ziemlich wundervoll an. Ingolstadt hat die Selbstironie gefunden. Den Spaß um des puren Spaßes willen. Endlich. Der neue R8 RWS (Rear Wheel Series) ist der allerallererste Audi mit Heckantrieb. Für alle Enthusiasten sind das hervorragende Neuigkeiten. Aber die Frage ist: Kann Audi sowas überhaupt?

Wie ein wahr gewordener Wunschzettel
Zumindest dürfen sie jetzt endlich. Unter dem alten Namen "Quattro GmbH" einen Hecktriebler auf den Markt zu bringen, wäre irgendwie leicht … ähm … naja, Sie wissen schon. Nun aber firmieren die sportlichsten Autos der Marke unter dem Label "Audi Sport" und Ausflüge hinaus aus dem heiligen Allrad-Land sind offenbar kein Problem mehr. Zumindest beim hauseigenen Performance-Flaggschiff mit konzeptionell günstiger Mittelmotor-Architektur. Will sagen: Erwarten Sie auch künftig keinen Hinterreifen schreddernden RS 4 Avant. Eher wird Elon Musks Weltall-Roadster von Aliens als Mars-Taxi vereinnahmt. Beim R8 bot es sich eben an. Auch weil der eng verwandte Lamborghini Huracán bereits im letzten Jahr mit einer Heckantriebsvariante den Weg ebnete. Und wie beim driftigen Lambo liest sich die Zutaten-Liste des R8 RWS wie der Realität gewordene Wunschzettel eines jeden Sportwagen-Junkies.

50 Kilo leichter
Weil alles wegfällt, was irgendwie Kraft nach vorne leitet oder dort verteilt, ist der R8 RWS immerhin 50 Kilo leichter, wiegt jetzt 1.590 Kilo. Na gut, eigentlich sind es 33 Kilo. Die restlichen 17 purzeln, weil der RWS auf sämtlichen Schnickschnack verzichtet, der sonst der Fahrdynamik auf die Sprünge helfen soll. Adaptive Dämpfer? Gibt es nicht. Die unheilvolle Dynamiklenkung? Nei-hein! Die zusätzlichen Performance-Fahrmodi oder eine Vierradlenkung? Auch nicht. Sie bekommen auch keine Keramik-Bremse. Oder Leopoldstraßen-taugliche 20-Zöller. Der RWS kommt mit 19-Zöllern aus. Außerdem kommt der RWS ohne elektronisch geregelte Hinterachssperre. Es gibt ein klassisches mechanisches Diff. Alte Schule. Sehr pur das Ganze. Genau wie der Motor. Fast klar, dass Sie hier ausschließlich den "kleineren" kriegen. Wobei der 5,2-Liter-V10 auch mit "nur" 540 PS und 540 Newtonmeter Drehmoment jederzeit in der Lage ist, für sehr positive Gesichtsdeformationen zu sorgen. 0-100 km/h gehen in 3,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 320 km/h. Der schnellste R8, der V10 plus mit Allrad und 610 PS, braucht 3,2 Sekunden und schafft 330 Sachen. Glauben Sie mir, Sie werden es verschmerzen können.

Es geht um puren, ehrlichen Spaß
Warum? Weil das hier endlich ein Audi ist, bei dem es nicht um stumpfe Fahrleistungsreproduktion und absurd schnelle, narrensichere, aber furchtbar sterile Performance geht. Es geht um puren, ehrlichen Spaß, ein bisschen spielen. Wenn man das will, dann auch ein bisschen mehr mit dem Feuer. Sonntags um 5 Uhr früh raus, sich vom V10 ordentlich vollbrüllen lassen, ein wenig rutschen, ein wenig gegenlenken, ganz viel dämlich grinsen. So ist der Plan. Und das Ergebnis? Was soll ich sagen, es ist absolut großartig. Ein Volltreffer. Der amüsanteste, adrenalingeladenste Audi, den ich je fahren durfte. Nicht falsch verstehen, auch der allradelnde R8 ist ein hinreißendes Sportgerät. Aber seine Domäne ist die Traktion. Abartige Traktion. Bei jedem Wetter, bei jeder noch so widrigen Situation. Das ist fürchterlich schnell, aber eben auch ein bisschen eindimensional. Wenn Sie das Auto ans oder über das Limit bringen wollen, müssen Sie Geschwindigkeiten fahren, die gegen jegliche Vernunft verstoßen. Und gegen viele Gesetze. Beim R8 RWS hingegen ist es anders.

Stacheliger, lebendiger
Abgesehen vom Wegfall einiger Antriebswellen haben die Ingenieure auch noch ein wenig am Fahrwerk rumgefummelt. Die passiven Dämpfer sind etwas straffer, es gibt einen dickeren Vorderachs-Stabilisator, mehr Sturz und ein bisschen Feintuning an der Lenkung. Merkt man das? Ein bisschen schon, ja. Das Auto wirkt besser angebunden, reagiert spontaner und verspielter auf die eigenen Inputs. Ein bisschen Hintern zucken, wenn man stark in die Kurve einbremst, leichte Drifts am Kurvenausgang, wenn man es provoziert. Der R8 RWS fühlt sich im genau richtigen Maß das kleine Eck stacheliger und lebendiger an. Seine Balance ist absolut hinreißend: Das kleine Plus an Untersteuern können Sie mit etwas Gas ansatzlos eliminieren. Er ist absolut hinreißend: Weil er mehr zulässt, wenn man das unbedingt will, weil er ansonsten aber – also wenn man ihn sauber fährt – mit seinen hinteren 295er-Pirelli-Pzeros keinen Deut weniger am Asphalt klebt wie die Allrad-Variante.

Ein Fest von einem Motor
Ach ja, der Motor: Muss ich über einen der allerletzten Sauger, dieses zehnzylindrige, frei atmende Kunstwerk wirklich noch viel sagen? Bei aller Güte des Rest-R8 bleibt er wohl das absolute Top-Argument für den Supersportler aus Neckarsulm. So viel Farbe, so viel Textur. Samtweich bis völlig rabiat. Mit Reaktionszeiten, die man einfach nicht mehr gewohnt ist. Opulent in der Drehzahlmitte, ab 6.000 Touren einfach nur noch weite Augen und offene Münder, bis er dann bei 8.700 Umdrehungen fuchsteufelswild in den Begrenzer stampft. Halleluja! Die absolute Über-Maschine im Porsche GT3 mag roher und mechanischer sein, ob sie besser ist, möchte ich nicht wirklich beurteilen. Dazu passt auch die nach wie vor glorreiche, absolut ansatzlose Siebengang-Doppelkupplung, die nach wie vor über ziemlich popelige Plastik-Schaltpaddles verfügt. Kommt schon Audi, gebt euch einen Ruck.

Driften geht natürlich auch
Bleibt noch die Frage, ob Audis erster Hecktriebler seit Menschengedenken ein veritables Driftauto ist. Ja, wie eingangs beschrieben, kann man mit ihm hemmungslos driften. Zum Beispiel, wenn Audi einem dafür extra einen Parcours aufbaut. Hat man also massig Platz, geht er ziemlich leicht rein und mit etwas Gefühl auch ziemlich sanft wieder raus. Große Winkel sind kein Problem, Audi hat offensichtlich viel dafür getan, dass es sich natürlich und kontrollierbar anfühlt. Der R8 RWS bleibt aber ein Mittelmotorsportwagen. Das heißt, man dreht sich oft schneller ein, als einem lieb ist und fiese Gegenpendler sind auch mal auf der Tageskarte. Natürlich ist all das mehr also irrelevant, einen ganzen Haufen Spaß macht es aber allemal.

Ein bisschen unterschätzt
Apropos Spaß: Hier fliegt mir der R8 bei der mittlerweile riesigen Anzahl an Konkurrenten viel zu sehr unter dem Radar. Lambo Huracán, Ferrari 488, Mercedes-AMG GT, McLaren 570S, Porsche 911 GT3, Honda NSX. So prachtvoll das auch alles klingt, ich finde der Audi ist absolut auf Augenhöhe. Gerade mit dem neugewonnenen Heckantrieb. Eine unglaublich aufregende Maschine. Mit dem nicht zu unterschätzenden Bonus der wohl besten Alltagstauglichkeit im Feld. Das Cockpit ist noch immer ein Augenschmaus und auch ohne die adaptiven Dämpfer federt er absolut sensationell. Lässt sich auch von miserablen Straßen nicht aus der Ruhe bringen. Er ist nicht so hyperaktiv wie viele andere, wirkt aber ausgeglichener, souveräner. Für jeden Tag ist das eher ein Vorteil.

Der R8 der Wahl
Ist der RWS also der R8, den man nehmen sollte? Meiner Meinung nach definitiv. Zumindest, wenn Sie nicht vor haben, mit Ihrem Supersportwagen ausschließlich zwischen Berghütten und Ski-Resorts hin und her zu pendeln. In allen anderen Fällen sehe ich kaum einen Grund, warum man den Allradler bräuchte. Ja, auch der R8 RWS könnte ein bisschen schneller und spitzer einlenken und die Sitzposition ist auch hier ein gutes Stück zu hoch. Allerdings ist er leichter, unverfälschter, spaßiger, lebendiger und zu allem Überfluss auch noch einen ordentlich ausgestatteten Kompaktwagen billiger. 140.000 Euro müssen Sie für das Coupé berappen, der Roadster liegt bei 153.000 Euro. Das sind stolze 26.000 Euro weniger als für die 540-PS-Allradmodelle. Vermutlich sollten Sie sich aber beeilen. Der R8 RWS ist auf 999 Exemplare limitiert. Und ein gehöriger Anteil daran ist offenbar schon vergriffen.
(sw)

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