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Der Super-Kombi entpuppt sich als faustdicke Überraschung Audi RS 4 Avant im Test

München, 24. Mai 2018
Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Als enthusiastischer Auto-Autor hatte man es zuletzt alles andere als leicht, wenn man sich einem Fahrzeug mit vier Ringen und RS-Emblem gegenübersah. Klar, so schnell, dass die letzte Mahlzeit jederzeit zur akuten Gefahr für Carbon, Alcantara und Beifahrer werden kann, sind sie alle. Außerdem sind sie auf diese total präzise, qualitative Art wunderschön und begehrenswert. Aber leider war der Spaß jüngst doch arg eindimensional. Er endete, sobald man nach etwas ähnlichem wie Emotion suchte. Oder wenn die Kurve nahte.

Jetzt kommt bestimmt gleich der RS 5 ins Spiel ...
So ist es. Auf besonders dramatische Weise zeigte sich dieses Phänomen beim aktuellen RS 5 Coupé. Das Fahrverhalten pomadig, stumpf, leidenschaftslos und zu allem Überfluss nicht mal gut gedämpft. Der "High-Performance-Gran-Turismo", der sich als geschmeidig understatelnde Gentleman-Alternative zu den brachialen Dynamik-Zampanos AMG C 63 und BMW M4 sieht, schwappte und krampfte beinahe unbeholfen durch die Gegend, anstatt sauber und akkurat zu federn. Als wäre das nicht genug, schaffte es die völlig unemotionale Leistungsentfaltung seines an sich lächerlich starken Biturbo-V6, dass sich sogar 3,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h (gemessen) nicht sonderlich aufregend anfühlten. Kurzum: Ein hochelegantes, knapp 120.000 Euro teures Drama.

Und jetzt kommt der im Prinzip baugleiche RS 4 Avant daher ...
Ich muss gestehen: Besonders groß war meine Erwartungshaltung nicht. Denn technisch gleichen sich RS 5 Coupé und RS 4 Avant wie der Inhalt einer Packung Chicken Nuggets: Vorderwagen, Antrieb, die komplette Latte an optionalen Fahrdynamik-Verbesserern (adaptives Fahrwerk, Dynamiklenkung, Sportdifferenzial, Keramik-Stopper) – alles dasselbe. Nur, dass der Kombi – wie das halt mal so ist bei Kombis – auch noch 65 Kilo mehr Gewicht (insgesamt 1.790 Kilo) mit sich herumschleppen muss.



Es sieht nicht gut aus für den RS 4 Avant ...
Das möchte man meinen. Doch dann kommt dieser unwahrscheinlich rote Familien-Blitz um die Ecke und führt deine lächerliche vorgefertigte Meinung zu ganz großen Teilen ad absurdum. Es ist schwer zu verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat und es mag mehr als nur komisch klingen, aber der RS 4 (oder zumindest der uns zur Verfügung gestellte Testwagen) ist ein komplett anderes Auto. Sie merken es schon beim Einlenken, wo der bleierne RS-5-Brei einer fast schon kindlich-neugierigen Agilität gewichen ist. Die Dynamik-Lenkung (im Paket mit Sportdifferenzial und Vmax-Aufhebung für 5.900 Euro) wirft weiterhin nicht mit allzu viel Gefühl um sich, aber dieser RS 4 wirkt plötzlich viel direkter, präziser, leichter, schrumpft förmlich unter einem zusammen.

Ist er so aufregend wie C 63, M3 oder Giulia Quadrifoglio?
Ich denke nicht, dass er das will. Audi Sport hat einfach andere Vorstellungen davon, wie ein performantes Mittelklasse-Auto fahren muss, für was es stehen soll. Auch der RS 4 Avant bringt seinen monumentalen Bumms deutlich züchtiger und unverfänglicher in Ihren Alltag ein als die drei anderen Familien-Muscle-Cars. Und mal ganz unter uns: Dagegen spricht rein gar nichts. Nicht jeder testet für ein Sportwagen-Magazin oder betreibt einen Youtube-Kanal, bei dem keiner klickt, wenn es nicht wie verrückt aus den hinteren Radkästen raucht. Sprich: Man kann in einem Sportwagen auch ohne hemmungslose Übersteuer-Orgien glücklich werden, wenn die (dann eher neutrale) Abstimmung auf den Punkt ist. Beim RS 5 war sie das nicht. Hier hingegen passt die Brille.

Das bedarf einer Erklärung ...
Glauben Sie uns, wir haben lange darüber diskutiert. Die einzigen Änderungen gegenüber dem RS 5 Coupé sind der um sechs Zentimeter längere Radstand sowie eine straffere hintere Federrate aufgrund des zusätzlichen Gewichts. Zumindest ist das alles, was Audi kommuniziert. Wer weiß schon, ob ein paar fleißige Fingerlein am elektronischen Allradantrieb herumgedoktert haben, um ihm ein bisschen mehr Gaudi in die Beine zu programmieren. Den Anschein machte unser RS 4 auf jeden Fall. Na gut, unverbesserliche Querfahrer werden auch mit diesem Audi nicht allzu glücklich werden. Und sein Fahrwerk hat noch immer nicht die Subtilität einer Giulia Quadrifoglio oder eines M3. Aber wo sein zweitüriger Bruder so gut wie jeden Sinn für Humor vermissen ließ, belohnt der RS 4 den beherzten Fahrstil mit Reaktionen, bei denen sich durchaus etwas regt in den Mundwinkeln und den Nackenhärchen. Hier hat man plötzlich nicht mehr das Gefühl, dass er im Grenzbereich dumpf untersteuert, weil ihm eigentlich alles egal ist. Stattdessen spüren Sie richtig, wie das Sport-Differenzial hinten mit den irren Kräften jongliert, wie das Auto Bock hat, die Linie eng zu halten, wie der Hintern sogar ein kleines bisschen mit der Front mitrutscht, wenn man … ähem … mal wieder ein bisschen zu schnell durch die Kurve geackert ist. Der RS 4 ist definitiv auf der guten Seite von "furchtbar viel Grip". Wenn es eine perfekte Abstimmung für die ach so effizienz- und traktionsgetriebenen Ingolstädter Maschinen gibt, dann ist diese hier ziemlich nah dran.

Hat der Motor auch einen Anteil?
Erstaunlicherweise ja. Dass der 2,9-Liter-Biturbo-V6 mit seinen 450 PS und 600 Newtonmeter ein absolutes Urviech ist, brauche ich Ihnen sicher nicht nochmal zu sagen. Er holt ganz kurz Luft, dann tritt er Ihnen massiv in den Allerwertesten. Eine irrsinnige Macht, die Ihnen im Handumdrehen Zahlen auf den Tacho zaubert, für die Sie ständig mit einem Bein im Gefängnis stehen. Zumindest, wenn Sie diesen unheilvollen Schub gerne zur Gänze auskosten. Die offiziellen 4,1 Sekunden von 0-100 km/h wirken mal wieder mehr als konservativ. Der Unterschied – und auch hier ist es wieder äußerst schwer zu erklären – ist: Im Gegensatz zum RS 5 macht die Maschine im RS 4 irgendwie einen charismatischeren, durchtriebeneren Eindruck. Wegen des Kombi-Hecks musste die Auspuffanlage etwas anders verlegt werden, aber alleine daran kann es eigentlich nicht liegen. Womöglich spielte uns auch nur die eigene Wahrnehmung einen Streich. Auf jeden Fall machten unser RS 4 und seine optionale Sportabgasanlage (die der RS 5 übrigens auch an Bord hatte) spürbar mehr Tamtam. Das ganze Auto hatte einen sehr willkommenen, raueren Vibe, im Dynamic-Modus knallte und spratzte es auch ein Eck vehementer. Klar, ein AMG-V8 hat weiterhin mehr Charakter und Irrsinn in der Blutbahn, aber mit diesem Audi-V6 kann man schon sehr gut leben. Etwas problematisch bleibt leider die Getriebe-Situation. Der Achtgang-Wandler ist für ein Sport-Getriebe einfach ein bisschen zu behäbig und weit weg von der Ansatzlosigkeit einer Doppelkupplung.

Kriegt dieses Audi-RS-Modell trotzdem eine Empfehlung?
Die kriegt der RS 4 Avant nach unserem intensiven Test in heimischen Gefilden auf jeden Fall. Und diesmal nicht nur, weil er absurd schnell ist und ein grandioses Interieur hat. Letzteres hat er natürlich. Der Innenraum unseres zum Bersten ausgestatteten Testwagens sah mit all dem Carbon, dem Alcantara-Lenkrad und der detailverliebten Sitz-Steppung unendlich wertvoll aus, war heroisch verarbeitet und sehr eingängig zu bedienen (das Virtual Cockpit bleibt einfach eine Wucht). Auch die Sitzposition war gut. Leider ist der Platz im Fond für ein Auto dieser Klasse doch recht überschaubar. Hier fällt es aber deutlich leichter, darüber hinweg zu sehen, weil dieser RS 4 Avant einfach richtig gut fuhr. Natürlich nicht auf dem Krawall- und Unfug-Level eines AMG C 63, aber schon recht nah an dem, wie man sich als Enthusiast einen modernen RS-Kombi vorstellt. Ich konnte zuletzt nicht immer komplett nachvollziehen, warum man sich ein neues Audi-Sport-Modell (R8 ausgenommen) kaufen würde. Beim RS 4 Avant kann ich das schon.
(sw)

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