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Ist der schnellste Bentley aller Zeiten einfach zu viel? 710-PS-Über-Conti getestet

München, 5. Mai 2017
Wenn Sie der Meinung sind, das Auto auf diesen Bildern habe ein bisschen arg viel … ähem … Präsenz, dann wird Ihnen vermutlich niemand widersprechen. Schließlich sehen Sie hier einen außerordentlich güldenen Bentley mit kontrastschwarz lackiertem Oberkörper und einem festen Carbon-Heckflügel (das Cabrio ist unbeflügelt). Allerdings trägt dieses Modell auch den Namen Continental Supersports. Was klingt, wie eine neue Fitness-Bewegung für Europas oberste 1 Prozent, ist der stärkste und schnellste Bentley, den es jemals gab. Da darf man schonmal etwas dicker auftragen. Vor allem auch, weil der Begriff "Supersports" bei den Briten sehr emotional belegt ist. Das erste Mal tauchte er 1925 auf. Damals reichten 85 PS und 160 km/h, um die Haute Volée der wilden 20er in völlige Ekstase zu versetzen. Das letzte Mal, dass man den Namen auf ein Bentley-Heck pinselte, war 2009. Die finale Ausbaustufe der ersten Conti-Generation leistete 630 PS, 800 Newtonmeter und schaffte 329 km/h (was damals ebenfalls für den Titel "schnellster Bentley aller Zeiten" reichte).

Viel Flamboyanz
Acht Jahre später steht wieder ein Modellwechsel bevor. Die dritte Conti-Generation wird wohl im Herbst 2017 debütieren. Den Continental Supersports als "Rausschmeißer" zu betiteln, wäre allerdings nicht sehr Bentley-like. Also nennen wir ihn lieber ein letztes mächtiges Hurrah für dieses wahrhaft monumentale Coupé. Der neue Über-Conti ist auf 710 Exemplare limitiert. Das passt ganz hervorragend zu den 710 PS Leistung, die er nun ausspuckt (glücklicherweise handhaben das nicht alle Hersteller so, Smart wäre längst pleite). Optisch erkennt man den Supersports, abgesehen von erwähntem Heckflügel, an Carbon-Einlässen in der Motorhaube, neuen Schürzen mit Splitter beziehungsweise Diffusor aus Carbon sowie schwarzen, geriffelten Auspuff-Endrohren. Innen gibt es Leder und Alcantara in drei verschiedenen Farben (Sie müssen nicht wählen, Sie kriegen alle drei gleichzeitig) sowie die wohl abgefahrensten Carbon-Schachbrett-Dekorleisten, die die Autoindustrie jemals gesehen hat. Wenn Sie sich für das X-Specification-Paket entscheiden, dürfen Sie sich über noch mehr Carbon, eine Titan-Abgasanlage sowie erwähnt flamboyante Zweifarb-Lackierung freuen.

Absurde Fahrleistungen
Sollte Ihnen das noch nicht offensiv genug sein, dann werfen Sie bitte kurz einen Blick auf das Drehmoment: 1.017 Newtonmeter ab 2.050 Touren. Da würfelt es einem beim bloßen Gedanken an ein durchgedrücktes Gaspedal schon alle verfügbaren Organe durcheinander. Und die offiziellen Werte untermauern den befürchteten Wahnsinn vollumfänglich: 0-100 km/h passieren in 3,5 Sekunden, für den 0-160-km/h-Sprint braucht der Supersports 7,2 Sekunden. Damit ist er geschlagene 1,7 Sekunden schneller als der 635 PS starke und nicht unbedingt für übertriebene Ermattung bekannte Continental W12 Speed. Ach ja, die Höchstgeschwindigkeit liegt jetzt bei 336 km/h. Und ja, dieses Ungetüm wiegt 2.280 Kilo (40 weniger als der GT Speed). Das hier sind also sehr sehr verblüffende Zahlen.

Überschaubare Diät
Die überschaubare Diät kommt übrigens durch die serienmäßige Keramikbremse, die geschmiedeten 21-Zöller und besagten Titan-Auspuff. Warum man ihn nicht einfach noch leichter macht? Heißt ja schließlich Supersports, das Gerät. Nun, das mit dem Leichtermachen ist halt gar nicht so leicht. Erstens muss ein Bentley einfach ein sattes Gefühl vermitteln. Wenn Sie die Tür zu machen, wie er auf der Straße liegt und so weiter. Und zweitens ist es extrem aufwendig und teuer, wenn die Kilos purzeln sollen. Beim deutlich extremeren Vorgänger zum Beispiel, warf man einfach die Rückbank raus und installierte manuell verstellbare Schalensitze. Aber das wollten die Kunden nicht, also ist der Fond jetzt wieder drin und es gibt bekannt feudales Gestühl, das belüftet und massiert.

Es brodelt im Schalldämpfer
Was also tun für ein Supersports-würdiges Leistungsgewicht? Richtig, Power rauf. Nicht, dass es der 6,0-Liter-W12-Biturbo jetzt so dringend gebraucht hätte, aber wer beschwert sich schon freiwillig über mehr Leistung? Eben! Neue Turbos und eine ganze Armada an Software-Änderungen (Einspritzung, Zündung, Ventilzeiten) sorgt zusätzlich dafür, dass aus sehr vielen PS und Newtonmeter noch viel mehr PS und Newtonmeter werden. Außerdem hat man sich um das Ansaugsystem und die Abgasanlage gekümmert. Letztere musiziert beim Rausch durch die Drehzahlen so majestätisch wie immer, haut Ihnen jetzt aber im Getriebemodus "Sport" bei jedem Gaslupfer ein dermaßen potentes "Brrrappapapap" um die Ohren, dass Sie denken, in Ihrem Endschalldämpfer stirbt gerade eine überdimensionale Bassdrum.

300 wie nix
Jetzt wollen Sie sicher ganz gerne wissen, wie sehr so ein Mutterschiff mit Lambo-Aventador-Leistung und vierstelligen Drehmomentwerten auf der Straße eskaliert. Nun, erwarten Sie auch hier bitte kein messerscharfes Supersportler-Skallpell á la McLaren 720S, das jede Zuckung des großen Zehs ansatzlos in brutalen, kaum zu ertragenden Vortrieb umwandelt. Der Große holt schon kurz Luft ehe er seinen massiven Leib in Wallung versetzt. Einmal in Bewegung, teilt er die Luft jedoch wie eine Abrissbirne, die man aus einer Steinschleuder (einer ziemlich großen Steinschleuder vermutlich) abgefeuert hat. Die Leistungsentfaltung spitzt sich nicht zu, sie ist einfach ein einziger, sehr gewaltiger, nicht enden wollender Schwall. Sollten Sie die Möglichkeit haben, dann seien Sie so gut, fahren Sie auf eine freie Autobahn, beerdigen sie das rechte Pedal und seien Sie einfach nur verblüfft, wie schnell so ungeheuer viel Auto in der Lage ist, die 300-km/h-Mauer zu durchbrechen.

Zerstört die Langstrecke
Mit das größte Vergnügen dabei (neben dem kolossalen Schub, versteht sich): Bei 300 Sachen fühlt sich der Continental Supersports an, als würden Sie gemütlich 180 fahren. Müsste ich mir ein Auto aussuchen, mit dem ich so schnell wie möglich von Südspanien nach Norwegen fahren soll, dieser Conti wäre ziemlich sicher das Arbeitsgerät meiner Wahl. Von der dezenten Fahrwerksstraffung gegenüber dem W12 Speed merken Sie hier nämlich garnichts. Der Über-Conti schwebt förmlich, nimmt Bodenwellen oder Schlaglöcher relativ gelangweilt zur Kenntnis und macht sie einfach weg, bevor Sie irgendwas davon merken. Seine Karosseriebewegungen – von denen es anhand des Karosserieumfangs eigentlich extrem viele geben sollte – hat er dennoch erstaunlich gut im Griff. Der Mix aus satter, überraschend performanter Straßenlage und immensem Fahrkomfort ist in diesem Auto ziemlich unschlagbar. Der aktuelle Conti mag inzwischen seine sechs Jahre auf dem Buckel haben, aber im neuen Supersports wird wieder mal deutlich, was für ein faszinierendes Stück Technik dieses Auto eigentlich ist.

2,3 Tonnen sind halt 2,3 Tonnen
Natürlich stoßen auch die ausgefuchsten Ingenieure aus Crewe irgendwann an die Grenzen der Physik. So furchteinflößend die irren Leitsungsdaten den Supersports auf der Geraden auch nach vorne dampfhammern, spätestens in der Kurve sind 2,3 Tonnen Gewicht eben 2,3 Tonnen Gewicht. Diese Art von Masse bewegt sich durch eine schnelle Abfolge von Geschlängel ganz gerne in alle möglichen Richtungen und erfordert dann eine starke Hand und vor allem ein gutes Maß an Selbstkontrolle. Sie merken das in engeren, schlechter geteerten Ecken und natürlich auch auf der Bremse. Die monumentalen Carbon-Keramik-Stopper (420 Millimeter vorne, 356 Millimeter hinten) sind zwar über jeden Zweifel erhaben, aber genau das müssen sie auch sein. Dank des Torque-Vectoring-Systems aus dem Continental GT3-R schafft es der Supersports jedoch, Untersteuern weitestgehend auszublenden und selbst wenn Sie fahren, als wäre Ihnen Ihr Leben egal, bleibt das Heck in der Regel auf Linie. Das Griplevel ist wirklich bemerkenswert hoch.

Der Inbegriff des GT
Was letztlich hängen bleibt: Auch als Supersports ist der Bentley Continental kein kurvenzerfräsendes Präzisionsinstrument, eher ein W12 Speed mit noch mehr Bumms und noch mehr Glamour. Was er ebenfalls ist, ist ein massiv fesselndes Auto. Brauchen tut solch einen alles plättenden Streitwagen natürlich niemand, trotzdem gerät man nur allzu schnell in den Strudel seiner leicht verschrobenen Faszination. Die Optik, das unendlich detailgetreue Finish, die schwer fassbare Handwerkskunst im Interieur. Vermutlich finden Sie selbst nach drei Jahren noch irgendeine winzige Finesse, die Ihnen davor noch nicht aufgefallen ist. Sie können über ein zweifarbiges, beflügeltes 336-km/h-Schlachtross, das im allerbesten Fall mit knapp 16 Liter auskommt, denken was Sie wollen. Und auch über sein Infotainmentsystem, das man sehr euphemistisch als "ein bisschen Oldschool" bezeichnen könnte. Aber ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst, ist dieses Auto mit absoluter Sicherheit. Und der Inbegriff eines (entsetzlich schnellen) Gran Turismo ohnehin.

Könnte noch extremer
Vom Vorgänger verkaufte Bentley 1.800 Exemplare. Die 710 Supersports, die es jetzt gibt, dürften also in Nullkommanix vergriffen sein. Trotz Preisen von mindestens 264.775 Euro fürs Coupé und 291.250 Euro fürs Cabrio (das Auto auf den Bildern liegt bei knapp 308.000 Euro). Zum Vergleich: Das technisch deutlich modernere, weniger exaltierte und langsamere Mercedes-AMG S 65 Coupé mit 630 PS kostet ab 248.085 Euro, der bei weitem sportlichere aber weniger luxuriöse Ferrari GTC4 Lusso mit 690 PS startet bei 261.883 Euro. Meiner Meinung nach hätte man den neuen Supersports fast noch ein wenig extremer, rauer, hardcorer auslegen dürfen. Ähnlich wie das beim hemmungsloseren, nackteren Vorgänger der Fall war. Aber Bentley weiß besser als ich, was seine Kunden mögen. Im letzten Jahr verkaufte man 11.023 Autos. Soviele wie noch nie zuvor.
(sw)

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