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Die 364-PS-Limo macht alles anders. Macht sie es auch gut? Infiniti Q50S Hybrid im Test

München, 30.Mai 2018
Es ist wie mit dieser einen Band. Kommen Sie schon, jeder kennt so eine Band. Macht richtig gute Musik, steckt einen Haufen Aufwand in ihre Produktionen und spielt jedes Mal vor 20 Leuten, weil sie kein Schwein kennt. Und weil niemand sie im Radio spielt, was wiederum daran liegt, dass sie kein Schwein kennt. Hat Infiniti ein Henne-Ei-Problem? In Europa auf jeden Fall. Immerhin hat man das "Händler-Ei"-Problem inzwischen halbwegs in den Griff bekommen. In Deutschland gibt es neben zehn Verkaufs-Stationen mittlerweile 28 Service-Anlaufstellen. Dort können Sie selbstverständlich auch Ihren neuen Infiniti Q50 warten lassen. Neu? Womöglich ist es ein bisschen an Ihnen vorübergegangen, aber der seltene Konkurrent von BMW 3er, Mercedes C-Klasse, Alfa Giulia und Co. hat Mitte letzten Jahres ein kleines Facelift erhalten. Nach gut vier Jahren, in denen keiner so richtig wusste, dass es ihn überhaupt gibt. Dabei ist der 4,81 Meter lange Edel-Nissan eigentlich total interessant.

Warum ist er interessant?
Weil er im faden Wust immer gleicher werdender Mittelklasse-Autos heraussticht. Mit einem guten Schuss japanischer Nerdigkeit. Seiner "Steer-by-Wire"-Lenkung zum Beispiel, einem komplett elektronischen Lenksystem ohne mechanische Verbindung zu den Rädern (ein herkömmliches System ist aber für den Notfall weiterhin dabei, das ist noch gesetzlich vorgeschrieben). Oder seinem V6-Sauger-Hybrid, der mit 364 PS und 546 Newtonmeter Systemleitung so richtig satt im Futter steht. Kein eingefleischter Grüner, eher einer, der den E-Motor nutzt, um Ihnen ordentlich die Mundwinkel nach oben zu schieben. Und dann wäre da noch sein Design: Dafür, dass er 2017 in Deutschland gerade mal 169 Käufer fand (alle Q50 wohlgemerkt, nicht nur der Hybrid), ist er ein verdammt attraktives Stück Blech. Sehr elegant, nicht unsportlich und für seine 4,81 Meter angenehm grazil.

Das Facelift war offensichtlich eher überschaubar ...
Außen ja, innen auch. Vermutlich müssten Sie schon Infiniti-Designer sein, um die Unterschiede zu erkennen. Auf technischer Seite kriegen Sie mehr Assistenzsysteme, die alle im sogenannten "ProPilot" vereint sind. Das ist gut. Dazu verfügt der Q50 über eine neue Version von Infinitis elektrischer Lenkung. Das ist noch besser. Wenn Sie schon mal die alte Lenkung erleben durften, werden Sie wissen, was ich meine.

Fährt er denn jetzt besser?
Er lenkt deutlich besser als vorher. Das war aber auch nicht besonders schwer. Es gibt nach wie vor mehrere Lenk-Kennlinien, aber wenn man einfach in der normalen Einstellung bleibt, ist man noch immer am besten dran. Das völlig Künstliche, dieses Gefühl, als würde man ein Videospiel mit einem schlecht kallibrierten Joypad steuern, ist weg. Aber der letzte Funke Feedback fehlt weiterhin. Man merkt einfach, dass hier ein Computer die Räder bewegt und nicht irgendwas, das eine echte physische Verbindung zur Vorderachse herstellt. Ansonsten ist das Fahrverhalten sehr ordentlich, sehr kommod und geschliffen. Der Q50 Hybrid fährt akkurat, gript stark, geht sauber und – trotz seiner fast 1.950 Kilo – ohne all zu viel Hüftspeck ums Heck. Erwarten Sie nur keine ausufernde Sportlichkeit oder irgendetwas, dass Ihnen in Sachen Kurvendynamik die Hühnerpelle auf den Unterarm zaubert. Vermutlich ginge in diese Richtung von seinen Anlagen her sogar wesentlich mehr, aber man merkt einfach, wo die Japaner ihre Brötchen verdienen: Das hier ist ein Auto, das in schicken amerikanischen Vororten daheim ist. "Auf Messers Schneide" über kleine europäische Landstraßen überlässt er gerne anderen.

Aber er ist schnell ...
Richtig schnell. Der Antrieb des Infiniti Q50 Hybrid ist wirklich famos. Die Kombination aus einem 306 PS starken 3,5-Liter-V6-Sauger und einem 68-PS-E-Motor hat – das merkt man schnell – wenig Lust, den Knauser-König zu geben. Wer rein elektrisch fahren will, sollte am besten seinen rechten Fuß weit entfernt festbinden und versuchen, das Gaspedal samtweich anzuhauchen. Alles andere führt nämlich direkt zum Eingreifen des Benziners. Jeder, der ein bisschen Sprit im Blut hat, darf sich darüber aber herzlich freuen, denn die halbökologische Allianz schiebt den Q50 grundsätzlich sehr sehr vehement nach vorne. Ganz früh und ganz lang. Das macht wirklich Freude. Die 5,4 Sekunden, die der Allradler von 0-100 km/h braucht fühlen sich in der Realität etwas vehementer an. Druck ist dank der E-Unterstützung augenblicklich vorhanden. Und auch wenn die Tachonadel schon ein ganzes Stück weiter nach rechts gewandert ist, kann das Auto noch souverän zulegen. Die Siebengang-Automatik begleitet das Ganze relativ unauffällig. Richtig gut für all den stets motivierten Vorwärtsdrang: Der Testverbrauch von 8,8 Liter.

Aber irgendwo gibt es einen Haken, oder?
Wenn es einen Haken gibt, dann befindet der sich innen. Nicht falsch verstehen, der Infiniti Q50 Hybrid ist luxuriös, bequem und hat serienmäßig alles an Bord, was man sich nur wünschen kann (zumindest in der Topausstattung "Sport Tech"). Sein Problem ist eher die Konkurrenz um Audi A4, BMW 3er, Mercedes C-Klasse, meinetwegen auch Jaguar XE. Alle wirken innen deutlich frischer. Auch und gerade beim Infotainment. Die Q50-Lösung mit den zwei Bildschirmen ist dabei übrigens nicht das Problem. Das macht schon alles Sinn. Es ist eher die Ausführung im Detail. Die ist viel zu umständlich. Du drückst gefühlt zehn Knöpfe, um einen Radiosender zu verstellen. Und auch das Navi - zu lahm, teils etwas unbeholfen und Grafiken wie eine C-Klasse anno 2009.

Ist das alles?
Noch nicht ganz. Denn zu oft hat man das Gefühl, dass es die Ingenieure zu gut machen wollten und dabei das Gegenteil erreichten. Jedes Mal, dass man die Tür öffnet, fährt der Fahrersitz maximal nach hinten, um den Ausstieg zu erleichtern. Gut gemeint, schlecht gemacht. Erstens, weil es nervt. Zweitens, weil offenbar keiner an die Menschen gedacht hat, die dahinter sitzen und verängstigt die Beine ans eigene Kinn ziehen. Oder die Assistenzsysteme. Es gibt eine seltsame Instrumenten-Grafik, auf der man nicht wirklich erkennt, welche Fahrhilfen gerade aktiv sind und welche nicht. Der Abstandstempomat funktioniert hervorragend. Die Spurführung eher nicht. Das sind Kleinigkeiten, aber es sind Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob man sich so richtig wohl fühlt in seinem Auto oder eben nicht.

Also keine Empfehlung?
Das habe ich nicht gemeint. Der Infiniti Q50 hat zwei Probleme: a) Ein paar Dinge bei der Bedienung nerven, aber das ist eher Kleinkram. b) Er kann alles gut, sticht aber mit keiner seiner Eigenschaften so hervor, dass man sich sofort unsterblich in ihn verliebt. Abgesehen von seinem Antrieb, denn der Hybrid ist wirklich hervorragend. So haben wir im Q50 Hybrid ein Auto, das vieles anders macht, am Ende aber doch recht nah dran ist an der internationalen Premium-Konkurrenz. Das Ganze immerhin zu einem ziemlich guten Kurs. Denn mit absolut voller Hütte kostet dieses Auto 61.960 Euro. Zum Vergleich: Ein 354 PS starker Audi S4 startet erst bei 60.600 Euro (und Sie kennen vermutlich die Länge der Aufpreisliste).
(sw)

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