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Jaguar F-Pace 30d im Test Der Beste und Schönste?

München, 18. April 2017
Der Jaguar F-Pace ist das beste und schönste Auto der Welt. Diese gewagte These stammt nicht von mir. Nein, es ist noch weitaus schlimmer. Denn Jaguar selbst hat sich (in Form einer Pressemeldung) zu derart starkem Tobak hinreißen lassen. Man muss den Briten zugute halten, dass ihr erstes SUV gerade einen astreinen Doppelsieg bei den World Car Awards 2017 eingefahren hat ("Auto des Jahres" und "Schönstes Auto des Jahres"). Da kann man schon mal überschwänglich werden. Vor allem auch, weil Jaguar die derzeit am schnellsten wachsende Marke Europas ist. Den größten Anteil daran hat – sie werden es fast vermuten – der F-Pace. Und ganz ehrlich: Gefühlt sehe auch ich den hohen scharfen Hobel derzeit an jeder zweiten Ecke. Irgendwas muss also dran sein am selbsternannten "Performance-SUV" aus Coventry. Höchste Zeit, das Ganze mal mit etwas mehr Muße auf heimischen Straßen herauszufinden. Behilflich dabei: Ein F-Pace 30d AWD mit strammem 300-PS-Biturbo-Diesel-V6 in der sportlich angehauchten R-Sport-Ausstattung.

Der Schönste
Die Frage, die ich mir stelle, vor allem, wenn ich mich in den deutschen SUV-Käufer hineinversetze: Ähm … warum genau soll ich mir jetzt nochmal einen Jaguar kaufen? Wir haben hier Porsche Macan, Mercedes GLC, den brandneuen Audi Q5 oder einen nach wie vor glorreich kurvenden BMW X4. Von mir aus auch den neuen (und extrem kurvengierigen) Alfa Romeo Stelvio. Das hier ist so ziemlich der schrecklichste Markt, den man sich als Neueinsteiger aussuchen kann. Kein Segment ist härter umkämpft und besser besetzt. Immerhin hat der F-Pace einen ziemlich offensichtlichen Wettbewerbsvorteil: Genau, einfach mal anschauen das gute Stück. Ja, auch ein knappes Jahr nach seiner Markteinführung sieht er absolut hinreißend aus. Und selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt ordentlich in die Nesseln setze: Für mich ist der F-Pace das schönste SUV da draußen.

Viel Platz, etwas zu wenig Premium
Innen geht es für Jaguars Edel-Transporter nicht ganz so glorreich weiter. Na gut, im Falle meines Testwagens ist so gut wie alles aus Leder, was man nach menschlichem Ermessen irgendwie beziehen kann. Aber was die Qualität aller möglichen Kunststoffe, Schalterchen und Knöpfchen angeht, hat die so oft zitierte deutsche Premium-Konkurrenz mit den Zulieferern offenbar ein bisschen geschickter verhandelt. Auch das 10,2-Zoll-Navi und die riesige 12,3-Zoll-Digital-Instrumentierung hinterm Lenkrad sind alles andere als schlecht und absolut auf der Höhe der Zeit. Aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass man Oberflächen, Grafiken und Bedienung in Ingolstadt, München oder Stuttgart doch noch ein Eck schöner und schlauer hinbekommt. Seis drum, auch mit der F-Pace-Bedienung kann man sich nach einer kurzen Weile recht gut anfreunden. Vor allem, wenn man lebenserleichternde Annehmlichkeiten wie einen Wifi-Hotspot oder ein Head-up-Display an Bord hat. Etwas gewöhnungsbedürftig: Der seltsam brummende Spurverlassenswarner und das nicht sehr durchschlagskräftige Meridian-Soundsystem. Außerdem sitzt man vorne ziemlich eingebaut für ein Auto mit 1,93 Meter Breite. Hinter den Vordersitzen sieht die Welt für den F-Pace allerdings gleich bedeutend besser aus. 4,73 Meter Länge und feudale 2,87 Meter Radstand sorgen im Fond für mehr Ungezwungenheit als bei Q5, Macan und Co. Außerdem bietet er einen ziemlich gewaltigen (650 bis 1.740 Liter), breiten und gut zu beladenden Kofferraum. Alltagstauglichkeitstest: Mit Bravour bestanden.

Nicht so sportlich wie man meint
Und damit endlich zum "Performance" in "Performance-SUV": Das sagt man ja in der Regel nicht einfach so daher und die Anlagen klingen vielversprechend: Viel Alu im Chassis, ein adaptiv dämpfendes Fahrwerk mit Doppelquerlenkern vorne und Integralachse hinten, variabler aber heckbetonter Allradantrieb und die Lenkung vom Sportwagen F-Type klingen wie ein ernstzunehmendes Kurvengaudi-Versprechen. Bitte seien Sie mir jetzt nicht böse, liebe Jaguar-Fans, aber in der Realität sieht die Sache dann doch ein bisschen SUV-iger aus. Der F-Pace lenkt durchaus schnell, direkt und willig ein, folgt dem zackig eingschlagenen Weg dann aber nicht mit straffer Körperbeherrschung, sondern eher, als hätte er die letzten Monate Bauchmuskeltraining geschwänzt. Und zwar relativ unabhängig davon, ob man den Modus-Schalter auf "Normal" oder "Dynamik" geschoben hat. Ich persönlich finde das nicht sonderlich schlimm, sonderlich sportlich (wie häufig propagiert) ist es aber auch nicht. Ein Porsche Macan oder Alfa Stelvio haben ihre Bewegungen deutlich besser im Griff.

Der Lärm bleibt draußen
Suchen wir unser Heil also lieber im Langstreckenkomfort und schwupps, schon ist er da, der F-Pace. Über die ganz kurzen, fiesen Stöße stolpert er zwar ganz gerne mal, in dem er Ihnen selbige recht ungefiltert in den Rücken rammt, ansonsten aber fließt die Chose wie zwanzig Meter Seide im leichten Sommerwind. Lümmeln Sie sich also in die unverschämt bequemen Sitze, lassen Sie den F-Pace segeln und schauen Sie dabei zu, wie die Landschaft schnell, effizient und nahezu geräuschlos an ihnen vorbeiflutscht. Was bei mir nach knapp 1.300 Kilometern an einem Wochenende am meisten hängen blieb: Wie unglaublich gut der F-Pace alles Nervige – Windgeräusche, Diesel-Gemecker, alle anderen Arten von lästigem Lärm – komplett und resolut aus seiner Kabine verbannt.

Eleganter, umschmeichelnder Diesel-V6
Das bringt mich zum Antrieb. Denn zu einem verblüffend leisen Diesel-F-Pace gehört zwangsläufig ein verblüffend leiser Dieselmotor. Der Biturbo-V6 leistet extrem kernige 300 PS und 700 Newtonmeter. Das ist wahnsinnig viel, eigentlich aber gar nicht so wichtig. Denn diese Maschine ist kein Haudrauf, der dir bei jeder Gelegenheit wie ein Irrer ins Kreuz tritt. In der Tat sind die Fahrleistungen (auf dem Papier wie auch gefühlt) für einen derart opulenten Output eher Durchschnitt. Dafür strotzt der Dreiliter vor Eleganz, benimmt sich wie ein wahrer Gentleman. Er wirkt nie gehetzt, aber immer kräftig genug. Fordert man ihn, erhebt er seine Stimme eher bassig wummernd als überfordert nagelnd. Und lässt man ihn bei gut 2.000 Touren entspannt vor sich hincruisen, ist er einfach nur unglaublich leise und angenehm. In relativem Einklang zu dieser Arbeitsweise befindet sich auch die ZF-Achtgang-Automatik, die ihren Dienst so erfüllt, wie man das von einer ZF-Achtgang-Automatik erwartet: Schnell, zurückhaltend, souverän, wenn sie auch in der ein- oder anderen BMW-SUV-Applikation noch einen Ticken runder wirkt. Ach ja, Verbrauch: Knapp 9,5 Liter im Schnitt, bei durchgehend 180 auf der Autobahn eher elf, wenn man sich zurückhält, aber auch gerne mal um die sieben bis acht Liter.

Ein vergleichsweise teures Vergnügen
Um die Eingangsfrage nochmal hervorzukramen: Ja, auch mit dem unverschämt gut besetzten deutschen Mittelklasse-SUV-Umfeld im Nacken, kann ich durchaus verstehen, warum der F-Pace so viele Menschen von sich überzeugt. Allerdings nicht unbedingt aus den Gründen, die ich erwartet hatte. Für die möglichst dynamische Bezwingung von Kurven (wahrlich elementar bei einem großen SUV, ich weiß) gibt es sicher Besseres. Interieur? Dito. Aber das hervorragende Platzangebot, das moderne Infotainment sowie der Komfort Marke Doppelrahmstufe (Motor, Fahrwerk, Geräuschpegel) haben schon ganz schön was für sich. Und wenn das noch nicht reicht, dann schauen Sie ihm halt einfach noch mal in die Augen oder auf den Hintern. Aber Vorsicht, denn der heiße Blick könnte ziemlich teuer werden. Für den V6-Diesel werden mindestens 58.860 Euro fällig. Erwarten Sie dafür aber keine all zu üppige Serienausstattung. Das hier getestete R-Sport-Modell (ab 65.010 Euro) verfügt ab Werk immerhin schon über Bi-Xenon-Scheinwerfer, Sportsitze und ein Aerodynamikpaket. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der noch immer nicht ganz vollausgestattete Testwagen letztlich bei über 86.000 Euro aufschlägt. Zum Vergleich: Der etwas kleinere Mercedes GLC 350 d mit 258-PS-V6 ist ab 52.812 Euro zu haben, der ebenfalls 258 PS starke Porsche Macan S Diesel kostet mindestens 61.143 Euro.
(sw)

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