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Stinger überraschte als tolle Sportlimo. Auch mit Diesel? Kia Stinger mit 200-PS-Diesel im Test

München, 12. März 2018
Er verdreht Köpfe und lässt Menschen auf ihn zeigen. Ja, ein Kia. Wirklich. Noch dazu ein Kia, der nicht gerade eben aus dem All geplumpst ist. Man kann dieses Auto seit Monaten kaufen. Ich gebe zu, ich kann das "Wow, Kia hat tatsächlich ein sexy Auto gebaut" selbst schon nicht mehr hören. Ja, der Stinger ist ein scharfes Teil. Ein großes scharfes Teil. Und die Leute scheinen ihn zu mögen. Ich habe es gerade selbst erlebt. Sie drehen sich um, sprechen mich an. Aber warum in Herrgotts Namen sollte Kia denn auch nicht in der Lage sein, ein attraktives Auto zu bauen? Was uns vorurteilsüberladene deutsche Autokenner viel mehr entsetzen sollte: Der Stinger ist nicht nur ein schönes, er ist ein sehr sehr gutes Auto. Eine sehr sehr gute Sportlimousine sogar. Zumindest gilt das für den 3,3 Liter großen 370-PS-V6. Ich bin gerade mit einem etwas anderen Stinger unterwegs. Dem Stinger, den Menschen wie du und ich deutlich wahrscheinlicher kaufen werden. Dem Stinger mit 2,2-Liter-Diesel.

Geschliffen, aber nicht fad
Bevor Sie sich jetzt gähnend abwenden, werfen wir doch mal einen Blick auf die Konkurrenz: Glauben Sie denn ernsthaft, dass alle Audi A5 Sportback und BMW 4er Gran Coupé, die Ihnen so begegnen, durch die Bank nervenzerfetzende Performance unter der Haube haben? Na eben. Die Realität sagt dann doch eher Vierzylinder-Diesel. Was die Realität ebenfalls sagt: Dass der Stinger die beiden übermächtig erscheinenden Premium-Teutonen fahrdynamisch in die Tasche steckt. Nicht aufregen, es ist halt so. Dieser Kia fährt richtig gut. Verblüffend gut. Er wirkt wahnsinnig komplett, geschliffen, sehr angenehm. Er hat kein ausgesprochenes Alleinstellungsmerkmal wie eine ultradirekte Lenkung oder ein hyperagiles Handling, er leistet sich aber auch keine erkennbaren Schwächen. Der Stinger fühlt sich total ausgeglichen an, als wäre er völlig im Reinen mit sich. Sein großes Plus: Er ist deswegen nicht langweilig (schönen Gruß an Audi).

Einfach sehr richtig
Die Auslegung seines Allradantriebs ist formidabel gelungen. Man vertraut diesem Auto, seiner Sattheit auf der Straße. Trotzdem wirkt er lebendig. Er untersteuert nicht wirklich, fällt nicht in sich zusammen, wenn man ihn mal etwas härter rannimmt. Unter Provokation fühlt er sich eher heckgetrieben an. Die Balance ist wirklich gut. Ein weiteres Highlight – das für die meisten Menschen wohl deutlich wichtigere Highlight – ist die gute Federung des Stinger. Er fließt mit der Strasse, bleibt trotz seiner Größe aber immer präzise, schaukelt nicht auf, hat sich im Griff. Es fühlt sich einfach sehr richtig und gut an, dieses Auto zu fahren.

Diesel eher ungehobelt
Sogar mit oder soll ich besser sagen trotz des Dieselmotors. Seien wir ehrlich, der olle 2,2-Liter-Selbstzünder gehört nicht unbedingt zur Krone der Motorenschöpfung. Er fühlt sich nicht direkt langsam an, schiebt die 1.850 Kilo des Stinger in immerhin 7,6 Sekunden auf 100 km/h. Aber so richtig geht der Punk eben auch nicht ab. Er spricht zugegebenermaßen relativ gut an, doch obenraus geht ihm zu schnell die Luft aus, wird er schnell zu zäh. Außerdem sind die Geräusche, die er so von sich gibt, doch ziemlich rustikal. Dieser Diesel ist noch einer von der ungehobelten Sorte. Kia scheint das Problem selbst erkannt zu haben und stellt ihm in den beiden sportlicheren Fahrmodi eine Art Backgroundsänger zur Verfügung. Eine zweite Tonspur, die aus dem deftigem Nageln einen wohligeren, sonoreren Klang zaubern soll. Das funktioniert erstaunlich gut. Sie wissen, dass es nicht echt ist, aber es hört sich weniger nach Diesel an und deswegen ist es besser.

Lieber einen Benziner
Also lieber kein Diesel im Stinger? Ich denke, in diesem Fall wird man mit einem der Benziner (es gibt ja auch noch einen Vierzylinder-Turbo mit 255 PS) einfach glücklicher. Es ist nicht so, dass der Diesel das Stinger-Erlebnis völlig in sich zusammenbrechen lässt. Er wirkt schon recht harmonisch integriert, nervt nicht, hat eine recht sämige Leistungsentfaltung, versteht sich auch mit der Achtgangautomatik sehr ordentlich. Aber in einem so talentiert abgestimmten Fahrerauto wie dem Stinger will man einfach einen sportlichen Antrieb und den kriegt man hier halt nicht. Kia ist also im Prinzip selber Schuld, weil sie ein zu spaßiges Auto gebaut haben und ich bin fein raus. Ha! Ach ja, fast vergessen: Was ebenfalls nicht unbedingt für den CRDi spricht ist sein Durst. Er trinkt einfach viel zu gern. 8,9 Liter notierten wir im Schnitt. Das ist alles andere als ein Ruhmesblatt. Sie wissen also, was Sie zu tun haben: Kaufen Sie sich einen Stinger mit Zündkerzen.

Ein Preis, den man lieben muss
Und damit zurück zu erfreulicheren Dingen. Die gibt es in diesem Auto nämlich auch jenseits der überraschend kompetenten Fahreigenschaften im Überfluss. Was die Koreaner einem für knapp 50.000 Euro (unser mit allen verfügbaren Paketen ausgestatteter Testwagen brachte es auf 51.980 Euro) alles aufs Brot schmieren, ist nämlich nur schwer zu fassen. Im positivsten aller Sinne, versteht sich. Das komplette Infotainment-Programm, alle erdenklichen Assistenzsysteme, Head-up-Display, 360-Grad-Kamera, LED-Scheinwerfer, prächtige Ledersessel, Sitzbelüftung, Heizungen auch für die Rückbank und das elektrisch verstellbare Lenkrad. Versuchen Sie mal einen Audi, BMW oder Mercedes so auszustatten – Sie werden nicht alles auf der Liste kriegen, aber Sie werden 30.000 bis 40.000 Euro mehr bezahlen.

Qualität nicht ganz auf Premium-Niveau
Warum das so ist? Muss uns das wirklich interessieren? Vielleicht wird man woanders ja einfach nur sauber über den Tisch gezogen. Ja klar, das Stinger-Cockpit ist qualitativ nicht ganz auf Vier-Ringe-/Stern-/Propeller-Niveau. Die Materialien, Speed und Optik auf dem mittigen Touchscreen … so zehn bis 15 Prozent muss man wohl abziehen. Aber wenn Sie derartige Dinge stören, dann werden Sie ohnehin keinen Kia kaufen. Da kann er noch so gut sein. In diesem Fall kann ich nur sagen: Schade eigentlich. Denn Sie verpassen eine echte Alternative. Ein ausgesprochen schönes, fähiges, geräumiges, unerhört gut ausgestattetes, einfach ein sehr rundes Auto. Und ein Auto mit sieben Jahren Garantie. Auch das darf man nicht vergessen. Kleiner Tipp am Rande: Wenn Sie einen Antrieb wollen, der dem fahrdynamischen Anspruch des Stinger besser entspricht, dann denken Sie vielleicht doch mal über den V6 nach. Ausstattungsbereinigt ist der auch nur etwa 2.500 Euro teurer als der Diesel.
(sw)

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