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Warum der neue S 63 überrascht ... Mercedes-AMG S 63 2017 im Test

Zürich, 19. Juli 2017
Wenn die Mercedes S-Klasse ein Facelift kriegt, dann beinhaltet das in der Regel auch die AMG-Versionen. Die normale S-Klasse setzt mit dem 2017er-Jahrgang auf noch mehr Autonomie und fünf komplett neue, teils deutlich sparsamere Motoren. Einen neuen und sparsameren Motor gibt es auch hier. Die "Ich kriege nie genug"-Fraktion dürfte trotzdem ganz zufreiden sein. Denn jetzt geht es um die dick beschürzte, 612 PS starke 63er-AMG-Version der Mercedes-Chef-Klasse. Inklusive nagelneuem, variablem Allradantrieb, ordentlich Performance-Training für das elitäre Luftfahrwerk und absolut hanebüchenen Fahrleistungen.

in 3,5 Sekunden auf 100 km/h
Wie hanebüchen? Nun, was sagen Sie zu 3,5 Sekunden von 0-100 km/h und optionalen 300 km/h Höchstgeschwindigkeit? Und ja, das hier ist ein knapp 5,30 Meter langer Luxusdampfer, der beinahe 2,1 Tonnen wiegt. Und ja, ein Porsche 997 GT2 RS wird Ihnen an der Ampel nicht davonfahren. Ich weiß, es klingt komplett Banane und ziemlich genau so fühlt es sich auch an. Schuld ist der neue 4,0-Liter-Biturbo-V8 mit Zylinderabschaltung, der im 2017er-S-63 den guten alten 5,5-Liter-Biturbo-Haudegen ersetzt. Im aktuellen E 63 sorgt er bereits seit ein paar Monaten für akute Risse im Raum-Zeit-Kontinuum. Jetzt darf er auch im Flaggschiff für offene Münder und weit aufgerissene Augen sorgen. Nur mit nochmal 50 Newtonmeter mehr. 900 sind es an der Zahl. Der geschrumpfte V8 reißt also extrem humorlos an. Genau das sorgt für verflucht gute Unterhaltung. Wo sich die Nadel im Drehzahlmesser gerade befindet, ist dabei ziemlich Wurst. Dieser Motor hat keine Zeit für Banalitäten wie Leistungsentfaltung. Folglich entfaltet hier eher wenig, einfach weil alles schon da ist. Wahnsinnig viel davon. Und Sie müssen irgendwann einfach nur noch lachen. Vermutlich, weil sich Ihr Magen immer gut 100 Meter hinter Ihnen zu befinden scheint und sich sowas ziemlich komisch anfühlt.

Mehr Repertoire
Der neue S 63 ist also ziemlich schnell. Das überrascht nicht wirklich. Was eher überrascht, ist sein gewaltiges Repertoire. Die neue Neungang-Speedshift-Automatik kann butterweich und doppelkupplungsschnell. Schon im E 63 wurde sie zurecht gepriesen. Hier darf man gerne das Gleiche tun. Der Klang kann Luxuslimo-leise (mit leichten Rambazamba-Tendenzen von ganz weit hinten im AMG-Maschinenraum), ist in Sport Plus aber genauso gut in der Lage, Ihnen mit der ganz großen V8-Kettensäge die Lauscher abzumontieren.

Bei Fahrwerk und Allrad wird's interessant
So richtig interessant – zumindest für die knapp 1,5 Prozent der Kundschaft, die auch mal abseits der Geraden schnell fährt – wird es aber, wenn wir uns näher mit dem Fahrwerk beschäftigen. Bisher gab es den S 63 entweder als Hecktriebler (ein ziemlicher Hooligan) oder als Allradler mit fester Verteilung (traktionsstark, aber nicht sehr lebendig). Nun jedoch ist Affalterbach auf die glorreiche Idee gekommen, der sportlichsten S-Klasse den variablen Allradantrieb des E 63 zu gönnen. Als einzige Alternative. Und Hand in Hand mit einigen beachtlichen Fahrwerksoptimierungen. Okay, die wegschaltbare Vorderachse, die den E 63 auf Knopfdruck zum reinen Hecktriebler macht, muss leider draussen bleiben (es wäre einfach nicht richtig gewesen). Allerdings kriegt dieses Auto eine eigene Vorderachskinematik mit größeren Sturz, einen dickeren Stabi sowie Versteifungen an der Hinterachse. Das Luftfahrwerk ist ebenfalls straffer, kann aber unabhängig von den übrigen Fahrmodi in zwei Stufen (Comfort und Sport) eingestellt werden.

Ein totaler Freak
Das Ergebnis? Soll ich ehrlich sein? Dieses Dickschiff ist ein totaler Freak. Das ist ausschließlich positiv gemeint. Klar, bleiben Sie im Comfort-Modus und der AMG S 63 liefert Ihnen genau das, was Sie von einer 600-PS-S-Klasse erwarten: Einen irre schnellen fliegenden Teppich, der weitgehend autonom fährt und Ihnen jeden Komfort-Wunsch von den Lippen abliest. Ein bisschen straffer, kantiger, haudraufiger vielleicht, aber immer noch verdammt sänftig. Tja, und dann zupfen Sie zweimal am Modus-Rädchen, solange bis "Sport Plus" das neue Mega-Display (die zwei 12,3-Zoll-Bildschirme sind mit dem Facelift zu einer gigantischen Kinoleinwand verschmolzen) rot eingefärbt hat, und der überpotente Chauffeurs-Rennwagen setzt sich in Nullkommanix die Teufelshörner auf.

Dynamisch mehr AMG als S-Klasse
Ähnlich wie beim großartigen E 63 fühlt man richtig, wie das AMG-Fahrwerkstuning dem Dicken auf die Sprünge hilft. Klar, das hier wird immer eine S-Klasse bleiben, mit sehr leichter, weitgehend gefühlloser Lenkung, plüschigen Sitzen und einer generellen Ahnung, dass einen sehr viel Gewicht umgibt. Aber irgendwie hat der 63er spürbar an Einstellung gewonnen. Wankt viel weniger, hat seinen mächtigen Leib besser im Griff. Und er verfügt jetzt über einen Allradantrieb, dessen Abstimmung und Balance Mercedes-AMG – wie schon beim E 63 – so gut hinkriegt, wie niemand sonst derzeit. Sehr gripstark, trotzdem hecklastig-verspielt. So, dass es tatsächlich richtig Spaß macht, dieses Auto durch eine schnelle, teils auch engere Abfolge von Kurven zu feuern. Wenn es sein muss, auch mal seitwärts. Ein fliegendes Heck. Bei einer S-Klasse. Mit Allrad. Ich weiß, es ist vollkommen belanglos bis hochgradig bescheuert. Aber es funktioniert. Sehr natürlich sogar. Und das zeigt, wie gut AMG den neuen S 63 abgestimmt hat.

Ab 160.293 Euro
Seit Tobias Moers bei AMG das Sagen hat, sind die Autos aus Affalterbach immer besser geworden. Mit mehr Lust auf echte Sportlichkeit. Ohne die Tugenden eines Mercedes zu vernachlässigen. Ist auch hier wieder so. Das erkennt man schon an Kleinigkeiten. Wie dem "ESP-aus"-Knopf, der jetzt in der Mittelkonsole sitzt und nicht im 17. Untermenü der Assistenzsysteme. Bei aller Größe und Fülle: Der neue S 63 schmeckt jetzt mehr nach AMG und weniger nach Mercedes. Fahrdynamisch ist das ein gewaltiger Schritt nach vorne und ein Vergleich mit dem BMW M760 Li wäre sicher eine hochspannende Angelegenheit. Dass das alles ordentlich SuperPlus wegschlürft, wenn man mal dynamischer untergwegs ist, dürfte klar sein. Eine 17 auf den Bordcomputer zu zaubern, ist zumindest keine allzu große Kunst. Und für all die Power, die neugewonnene Querdynamik und den üblichen Mercedes-Luxus muss man freilich auch ganz tief in die Tasche greifen. 160.293 Euro tief, um genau zu sein. Zum Vergleich: Der BMW M760 Li (allerdings mit V12) kostet ab 171.800 Euro.
(sw)

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