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Was taugen die neuen Hightech-Motoren und Selbstfahr-Features? Mercedes S-Klasse 2017 im Test

Zürich, 19. Juli 2017
Beim Stern rumort es dieser Tage gewaltig. Die unendliche Diesel-Geschichte holt nun womöglich auch Mercedes ein. Da tun ein bisschen Abwechslung und Glamour ganz gut. In diesem Sinne: Vorhang auf für die neue S-Klasse, Baureihe 222 Version 2.0, sozusagen. Der aktuelle S-Benz verkaufte sich seit 2013 irre 300.000-mal. 33 Prozent davon gingen nach China (übrigens wandern auch 60 Prozent aller Maybachs ins Land des Lächelns). Dreimal dürfen Sie also raten, welche die mit Abstand erfolgreichste Luxus-Limousine ist. Damit das so bleibt – bei all dem rasenden Tech-Fortschritt und dem Druck vom neuen Audi A8 – fallen die Modellpflege-Umfänge reichlich generös aus für ein Facelift. Das liegt zum einen an den nochmals massiv optimierten Assistenz-Systemen, vor allem aber an einer ganzen Armada neuer Hightech-Motoren, die gehörig darüber mitentscheiden dürften, wie erfolgreich mittelgroße und große Mercedesse künftig sein werden.

Erstmals mit elektrischem Verdichter
Am spannendsten sind dabei sicher die neuen Reihensechszylinder-Benziner, die Mercedes erstmals mit einem integrierten Startergenerator auf 48-Volt-Basis und einem elektrischen Verdichter kombiniert. Daneben debütieren zwei neue R6-Biturbo-Diesel (darunter der stärkste Mercedes-Selbstzünder aller Zeiten) sowie ein taufrischer Vierliter-Biturbo-V8 mit viel AMG-Handschrift. Natürlich hat der Daimler auch darauf geachtet, dass die 2017er-S-Klasse in der Luxus-/Komfort-Kuriositäten-Tabelle wieder ganz vorne mitmischt. Mit teils genialen, teils ziemlich hanebüchenen Funktionen, die den Reichen, Schönen und Gestressten das Leben on the Road erleichtern sollen. Wir konnten das neue Daimler-Flaggschiff bereits testen und nennen Ihnen nun sieben Punkte, die uns besonders aufgefallen sind.

1. Für ein Facelift ist die 2017er S-Klasse ganz schön neu
Findet zumindest Mercedes-Vetriebsvorstand Ola Källenius: "Diese S-Klasse ist im Prinzip ein neues Auto. 6.500 Teile sind neu. Viel mehr gibt es ja gar nicht." Von außen erkennt man davon relativ wenig. Es gibt die übliche Schminke für die Schürzen, leichte Retuschen am Grill und neue Grafiken für die LED-Scheinwerfer/-Rückleuchten. Die Scheinwerfer gibt es jetzt auch mit UltraRange-Fernlicht. Im Interieur erwarten Sie ein neues und wirklich sehr sehr schönes Lenkrad sowie diverse neue Leder-Dekor-Kombinationen von klassisch bis hochgradig flamboyant. Aus den zwei 12,3-Zoll-Displays wird nun ein einziger gigantöser Mega-Screen, außerdem wandert die Daumen-Touchpad-Bedienung aus der E-Klasse ins S-Klasse-Volant. Gefühlt steht der Chef-Benz jetzt noch ein wenig "fetter" auf der Strasse. Zumindest, wenn Sie sich nicht für die 17-Zöller entscheiden, die verwirrenderweise noch immer angeboten werden. Und sagen Sie, was Sie wollen, aber ich kenne nichts, was derzeit auch nur annähernd an das Techlabor-meets-Luxus-Yacht-Interieur der S-Klasse rankommt.

2. Die verbesserten Selbstfahr-Assistenzsysteme sind eine Schau, aber …
Der eben vorgestellte Audi A8 soll ja bis zu Geschwindigkeiten von 60 km/h komplett autonom fahren können. Das kann die geliftete S-Klasse nicht. Was sie aber kann: Die ziemlich hervorragenden Selbstfahr-Hilfen aus der E-Klasse auf ein neues Level hieven. Ich erspare Ihnen hiermit die etwa 357 Akronyme aller Assistenten, kennt sich ja eh niemand mehr aus bei all dem superschlauen, die eigene Faulheit fördernden Zeug. Auf jeden Fall passt nun auch die S-Klasse ihre Geschwindigkeit an, dass man aus dem Anpassen gleich gar nicht mehr rauskommt. Anhand von Verkehrsschildern, anhand von Kartendaten, anhand der Laune Ihrer besseren Hälfte … na gut, das letzte war gelogen, aber die ganze Anpasserei vor Kurven, Baustellen, Ortseinfahrten, Kreisverkehren und Co. funktioniert trotzdem sehr geschmeidig. Genau wie die Spurwechselfunktion, für die nun schon ein Antippen des Blinkerhebels reicht. Weniger schön: Bei Autobahntempo ignorierte mein Testwagen in der Kurve mehrfach die äußere (sehr gut sichtbare) Fahrbahnmarkierung. Beherztes Einlenken in sprichwörtlich letzter Sekunden verhinderte ein sechsstelliges Fiasko. Sie sehen: Man kriegt bei der neuen S-Klasse schon ein sehr gutes Gefühl dafür, wie die autonome Fahrerei mal aussehen wird. Vom Reinsetzen und Hirn abschalten sind wir trotzdem noch ein ganzes Eck weit entfernt.

3. Der stärkste Mercedes-Diesel aller Zeiten ist eine (womöglich etwas durstige) Offenbarung
Der neue, modular aufgebaute Reihensechser-Diesel ist quasi der große Bruder des 194-PS-Vierzylinders aus dem E 220 d. Sie kriegen ihn in zwei Leistungsstufen. Als 350 d mit 286 PS und 600 Newtonmeter sowie als 400 d mit 340 PS und 700 Newtonmeter. Letzterer ist der stärkste Selbstzünder, den Mercedes je in ein Auto gequetscht hat und auch die Version, die zum Test bereit stand. Vermutlich, um der anwesenden Journalisten-Schar zu demonstrieren, was ein Diesel selbst in einem Zwei-Tonnen-Luxus-Dampfer mit schwachen Mägen und untrainierten Gesichtsmuskeln anstellen kann. Als Allradler (es gibt auch Heckantrieb) sturmflutet der S 400 d in 5,2 Sekunden von 0-100 km/h. Das dieseltypische "erst lange nix, dann kurz ganz viel" fällt hier komplett aus. Schon ab gut unter 2.000 Touren wasserfallt die immense Kraft nur so über einen herein. Ein großer, gleichmäßiger, ausfüllender Schwall, untermalt von einem recht sonoren Grummeln. Wenig dieselig, so angenehm, wie es bei einem Ölbrenner eben geht. Später, bei Reisetempo, hört man dann einfach nur Stille. Es ist eine beeindruckend geschliffene Art des Selbstzünderns. Im Hintergrund mächtig, vorne rum unaufdringlich. Ein bisschen das Problem: Laut Bordcomputer lag der Verbrauch nach einer eher sachlichen 50-Kilometer-Landstraßentour bei 8,3 Liter. Das ist nicht getestet und hat deswegen nicht viel zu bedeuten. Ein wenig ernüchternd ist es in Anbetracht der 5,2 Liter Normverbrauch allerdings schon.

4. Der neue R6-Benziner mit E-Verdichter und 48-Volt-Bordnetz fühlt sich sehr gut, aber nicht revolutionär an
Wie wunderbar, Mercedes kehrt zum Reihensechszylinder-Benziner zurück. Das wars dann aber auch schon mit Nostalgie. Denn mit der neuen Dreiliter-Maschine integriert der Daimler erstmals einen Startergenerator, ein 48-Volt-Bordnetz und einen elektrischen Zusatzverdichter. Der Startergenerator sitzt zwischen Motor und Getriebe, boostet (kurzzeitig mit maximal 16 kW und 250 Newtonmeter) und rekuperiert wie ein Mini-Hybrid, lädt die neue 48-Volt-Batterie und macht den verschleißanfälligen Riemenantrieb überflüssig. Große Verbraucher wie die Wasserpumpe oder der Klimakompressor werden nun über das 48-Volt-Bordnetz gespeist. Spart im Motorraum einen Haufen Platz und in der Theorie natürlich ganz viel Energie. Der elektrische Verdichter wiederum komprimiert die Ansaugluft viel schneller, als ein normaler Turbo das je könnte (weil er dafür keinen Abgasstrom benötigt) und unterstützt den Standard-Lader im unteren Drehzahlbereich für ein deutlich spontaneres Ansprechverhalten. So viel zur Theorie.

Sehr schnell, aber uncharismatisch
Die klingt natürlich fürchterlich spektakulär, auf der Straße fühlt sich das Ganze dann aber doch eher normal an. Im ersten S 500 ohne V8 kriegen Sie 435 PS und 520 Newtonmeter (es gibt auch einen S 450 mit 367 PS). 0-100 km/h passieren in 4,8 Sekunden und damit genauso schnell wie im alten S 500 mit 4,7-Liter-Biturbo-V8. Freilich ist der Weg dorthin aber ein völlig anderer. Ein Turboloch findet man wirklich nicht, alles wirkt sehr glatt, sehr gleichmäßig und fürchterlich schnell. Der Klang ist ein eher unspektakulärer Turbo-Sechszylinder-Brei, der sich bei Reisetempo zu bemerkenswerter Ruhe verflüchtigt. Die neue Maschine ist unglaublich geschliffen, segelt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, nutzt Kartendaten, um Ihnen eine besonders sparsame Fahrweise zu empfehlen ("Fuß vom Gas" im Display). Während der alte 500er aber zweifelsfrei als seelenwärmendes Genussgut durchging, wirkt der neue 500er eher wie ein Mittel zum Zweck. Gute 22 Prozent soll die Verbrauchseinsparung betragen. Die 6,6 Liter Normverbrauch verfehlte ich laut Bordcomputer um knapp vier Liter. Aber auch das ist ohne richtigen Vebrauchstest Makulatur.

5. Der neue V8-Benziner ist ganz anders als der alte
Acht- und Zwölfzylinder kriegen Sie im S-Benz aber selbstverständlich immer noch. Neben dem S 600 mit V12 und den beiden AMGs S 63 und S 65 auch einen ganz neuen Vierliter-Biturbo-V8 im ganz neuen S 560 (Freunde leicht zweifelhafter 80er-Dekadenz: bitte jetzt kurz tierisch über die Rückkehr des 560ers freuen). Der Neue ist eine Applikation des großartigen und vogelwilden 4,0-Liter-AMG-V8 aus den diversen 63er-Modellen. Für die S-Klasse hat man ihm aber das Gesicht gewaschen und ihm einen sauberen Scheitel gezogen. Die Leistung: 469 PS und 700 Newtonmeter. Der Charakter: Keine Spur von wilder Rabaukerei, das hervorragende Ansprechverhalten und den opulenten Durchzug hat man ihm allerdings gelassen. Im Comfort-Modus flüstert er geradezu vor sich hin, in "Sport" darf er immerhin ein bisschen affalterbachen, sägezahnt wie ein Reißverschluß aus armdicken Metallrohren. Dabei wirkt er industrieller, galliger als der seidenweiche, tief im Hintegrund brabbelnde 4,7-Liter-Achtender im Vorfacelift. Dessen Verbrauch unterbietet er laut Mercdes mit 7,9 Liter um gut zehn Prozent. Der 0-100-km/h-Wert verbessert sich um eine Zehntel auf 4,7 Sekunden.

6. Die S-Klasse tut jetzt noch mehr, um Sie komplett einzulullen
Ja, wirklich. Das Magic-Body-Control-Fahrwerk soll die Straße jetzt noch besser auf Unebenheiten scannen (merken tut man eher nichts, der S-Klasse-Komfort war ja vorher schon absurd gut), außerdem gibt es die prunkvolle Kurvenneigefunktion nun auch in der Limousine. Entscheiden Sie sich für die Langversion und das neue Chauffeurspaket, fährt der Beifahrersitz auf Knopfdruck um 77 Miilimeter nach vorne. Dann noch den Executive-Sitz ankreuzen und sie können hinten mit ausfahrbarer Fußstütze in Liegeposition lümmeln. Das absolute Highlight aber (entscheiden Sie bitte selbst, wie ernst Sie das nehmen), ist die neue "Energizing"-Funktion. Selbige spannt die Klimaanlage inklusive Beduftung, die diversen Sitzfunktionen, die Heizung, die Ambientebeleuchtung sowie das vorhandene Musikprogramm zusammen und verwandelt die S-Klasse auf Knopfdruck in einen Wellnesstempel mit den sechs Wohlfühl-Programmen Frische, Wärme, Vitalität, Freude, Behaglichkeit und Training. Ein unüberlegter Klick auf "Freude" und schwups, sprüht der (Wellnes)S einen frühlingshaften Duft in seine Kanzel, erzeugt eine positiv-helle Lichtstimmung, lässt seine Massage-Knubbel aufgeregt in meinem unvorbereiteten Rücken umherspringen und findet in seiner Datenbank ein Musikstück, bei dem ich alles mögliche fühle, aber sicher keine Freude. Seis drum, werten wir es als gut gemeinte Spielerei, die man in der ohnehin schon so grandios umschmeichelnden S-Klasse aber eigentlich gar nicht braucht.

7. Die S-Klasse bleibt noch das Maß der Dinge
Als 2017er-Modell hat sich die Mercedes S-Klasse natürlich nicht neu erfunden. Das war auch wirklich nicht nötig. In Sachen Technologie, Luxus, Komfort und Interieur war sie ohnehin Spitze, jetzt eben noch ein bisschen mehr. Der BMW 7er fährt weiterhin dynamischer, der neue Audi A8 könnte in Sachen Hightech überholen, aber das wird sich erst zeigen, wenn wir ihn gefahren sind. Imagemäßig, so scheint es, führt ohnehin kein Weg am S-Benz vorbei. Wie lange das so bleibt? Wir werden sehen. Denn etwas mehr echte Innovation hätte man sich von einer komplett neuen Motorengeneration vielleicht schon gewünscht. So gibt es wieder mal Leistung satt und etwas weniger Verbrauch. Elektroantrieb? Keine Spur. Ein neuer Plug-in-Hybrid? Kommt immerhin in einigen Monaten. Laut Mercedes mit 50 Kilometer elektrischer Reichweite.

Und was kostet das Ganze?
Die Preise starten bei 84.639 Euro für den S 350d mit kurzem Radstand. Das sind knapp 2.400 Euro mehr als bisher. Der neue Reihensechser-Benziner startet als S 450 bei 92.255 Euro, der S 500 liegt bei 102.560 Euro und der neue Biturbo-V8 im S 560 kostet mindestens 110.152 Euro. Für den langen Radstand müssen sie knapp 3.300 Euro bezahlen, der 4Matic-Allrad kostet gut 3.800 Euro extra. Zum Vergleich: Der BMW 7er startet mit 265 Diesel-PS bei 87.200 Euro, der neue Audi A8 beginnt als 286-PS-Selbstzünder bei 90.600 Euro.
(sw)

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