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Erster Test: Mini John Cooper Works Clubman Club Sport

Sölden (Österreich), 16. Dezember 2016
Trotz der inflationären Überschüttung des Marktes mit "sportlichen" SUVs und Crossovern jeglicher Form und Couleur gibt es – zumindest für den Autor dieser Zeilen – noch immer wenig, was gegen einen gut gemachten Sport-Kombi spricht. Selbiger darf optisch durchaus etwas dick auftragen und soll Ihnen nicht jedes Mal einen Herzinfarkt bescheren, wenn Sie die innerstädtische Parkplatzsuche einleiten? Dann herzlich Willkommen beim neuen Mini John Cooper Works Clubman, dem schnellsten Mini Kombi (verwenden Sie vor Mini-Offiziellen lieber den Ausdruck "Shooting Brake") aller Zeiten. Was diese Mischung aus "Style-triefend", "halbwegs praktisch" und "ganz schön schnell" draufhat? Finden wir es heraus.

Zwischen Box und Nachtclub
Man muss seine Augen ja wirklich nur kurz über den John Cooper Works Clubman gleiten lassen, um zu sehen, dass Mini seinem Kombi hier einen ordentlichen Schuss Mojo implantiert hat. Die neuen Schürzen schreien ganz laut "hier, hier, hier, ich, ich, ich", es gibt mindestens 18 Zoll große Räder, einen doppelflutigen Sportauspuff und tatsächlich noch mehr Streifen. Natürlich können Sie auch bei diesem JCW aus einer beeindruckend langen Liste an Karosserie-, Dach-, Spiegel- und Streifenfarben wählen. Ich würde ja das zugegebenermaßen wenig dezente "Rebell Green" mit rotem Dach empfehlen. Und zwar nicht nur, wenn Sie einen ausgeprägten Weihnachtsbaum-Fetisch haben. Innen warten spezielle John-Cooper-Works-Sportsitze, ein fleischig-dickes Sportlenkrad, Alupedale, ein Haufen changierender LED-Festbeleuchtung und diverse rote und schwarze Akzente. Außerdem zeigt das optionale Head-up-Display jetzt auch Gang und Motordrehzahl an. Alles zusammen kreiert ein Flair irgendwo zwischen Boxengasse, Edel-Kaufhaus und trendy Nachtclub.

Innen groß, insgesamt schwer
Einmal reingeschält in die gute Stube, stellt man fest: Verdammt hochwertig hier drin. Und überraschend geräumig. Auch in der Breite. Auch im Fond. Das kann ein Ford Focus ST Turnier nicht wirklich besser und der ist über 30 Zentimeter länger (vergleichbare Performance-Kombis in Clubman-Größe kann man auch ohne Hand abzählen). Jetzt werden Sie sagen: "Kein Wunder, so groß wie das Ding mittlerweile ist, das hat ja mit Mini nichts mehr zu tun". Und darauf antworte ich: Klar, so richtig mini sieht dieser Mini wirklich nicht mehr aus. Obwohl er nur 4,25 Meter lang ist. Sprich: Ohne Begleitung eines Erwachsenen würde man ihn wohl in einen echten Kombi-Club gar nicht reinlassen. Da nützt wohl selbst der knuffigste Blick durch die serienmäßigen LED-Scheinwerfer wenig. Was Ihnen beim neuen JCW Clubman aber viel mehr Sorgen bereiten sollte, ist das Gewicht. Natürlich hat es auch mit dem neuen Allradantrieb zu tun, aber in dieser kleinen bunten Schachtel wartet ein 1.550-Kilo-Whopper und der muss erstmal vertilgt werden.

Erstmals Allrad
Mini begegnet der Herausforderung, Masse, Alltagstauglichkeit und möglichst viel Sportlichkeit unter einen Hut zu bringen, mit einer ganzen Reihe an Maßnahmen. Der John Cooper Works Clubman erhält straffere Federn und Dämpfer, speziell abgestimmte Stabilisatoren, eine größere Brembo-Bremse, eine elektronische Sperre für das Vorderachs-Differenzial und – für Mini-Verhältnisse – relativ monumentale 225er-Reifen. Der aufgepumpte Antrieb ist bereits aus dem JCW-Hatch und dem JCW-Cabrio bekannt. Der 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbo bringt es auch im stärksten Clubman auf 231 PS. Das Drehmoment wurde für den trendigen Lustesel allerdings um 30 auf 350 Newtonmeter angehoben. Vermutlich, weil auch das Drehmoment sonst Angst vor dem Gewicht gehabt hätte. Geschaltet wird serienmäßig über ein Sechsgang-Getriebe oder optional per Achtgang-Sportautomatik. Von dort aus geht die Kraft bei normalen Bedingungen an die Vorderachse. Sollte es nass, glatt, unwegsam oder Sie besonders wild unterwegs sein, kann der JCW Clubman über eine elektrohydraulisch geregelte Hang-on-Kupplung aber theoretisch auch bis zu 100 Prozent des Drehmoments nach hinten verlagern.

Deutlich geschliffener
Und damit endlich zum Casus Knacksus. Oder anders: Wie fährt das Ding denn jetzt? Nun, erwarten Sie bitte nicht das draufgängerische, wepsige, koffeingetränkte Wesen des JCW-Dreitürers. Schließlich ist das hier ein Kombi. Er ist fast 40 Zentimeter länger, hat gut 18 Zentimeter mehr Radstand, wiegt 270 (!) Kilo mehr und hat Allrad. Sprich: Das druckvolle Umherkutschieren allerlei Kinder, Hunde und Ikea-Kartons (ja, auch der Clubman Works hat 360 bis 1.250 Liter Kofferraum) ist eher sein Naturell, als auf drei Reifen und mit fliegendem Heck eine Bergstraße/Rennstrecke niederzufahren. Der schnellste Mini Clubman, der in diesem Fall nicht mit den adaptiven Dämpfern ausgerüstet war, fährt immer akkurat, handlich, durchaus agil und lenkt noch immer sehr gerne ein. Aber seine Bewegungen wirken deutlich geschliffener, entspannter, erwachsener und weniger rebellisch als im kleinen Hatch. Im normalen der drei Fahrmodi (Green, Normal, Sport) federt der Works dazu absolut gediegen. Und selbst wenn Sie den Sport-Modus aktivieren, wird es nie übermäßig hart.

Eher neutral als super lebendig
Außer beim Beschleunigen, wo der John Cooper Works Clubman mit sehr viel Traktion und ohne Zerren in der Lenkung loslegt, merken Sie den Allrad-Antrieb vor allem in engen Kehren. Wenn Sie nicht viel zu schnell hineinfahren, ist Untersteuern kaum ein Thema, dann einfach früh ans Gas und das Auto zieht Sie ohne viel Aufhebens und sehr neutral aus der Kurve. Übersteuern oder ein launig auskeilendes Heck am Kurvenausgang? Auf Schnee oder Eis, ja. Sonst eher nicht (auch nicht mit deaktiviertem ESP). Zumindest nicht, wenn Sie Geschwindigkeiten fahren, die mit einem halbwegs gesunden Hirn noch vereinbar sind. Das alles wirkt nicht übermäßig spielerisch oder gar berauschend, macht den Clubman aber zu einem sehr effektiven Landstraßen-Gefährt. Lenkung? Etwas gefühlsarm, was aber zum Teil auch an den montierten Winterreifen liegen könnte. Bremsen? Zumindest auf den von mir gefahrenen Bergetappen mit ziemlich viel auf und ab hinterließen die Brembo-Beißer einen sehr soliden, angenehmen Eindruck.

Großartige Fahrleistungen
Was den Zweiliter-Turbo-Direkteinspritzer betrifft, ist meine Meinung ein wenig zwiegespalten. Dank des Allrad-Traktionsvorteils sind die Fahrleistungen trotz des Fünf-Zentner-Rucksacks auf dem hervorragenden Niveau des Dreitürers. Die 0-100 km/h reißt der Clubman Works also in 6,3 Sekunden ein. Damit ist er 0,7 Sekunden schneller als sein 192-PS-Bruder Clubman Cooper S. Und auch mit den 238 km/h Höchstgeschwindigkeit sollte man im Alltag mehr als gut überleben können. Ein bisschen das Problem ist nur, dass sich dieser Motor verdammt gerne auf seinen sehr gleichmäßigen Drehmomentschwall im mittleren Drehzahlbereich verlässt. Oben raus kommt dann nicht mehr allzu viel. Im leichten Dreitürer ist das total egal, weil die Maschine sich nie richtig anstrengen muss. Im mehr als 1,5 Tonnen schweren Clubman hingegen ist das anders.

Etwas mehr Druck, bitte
Auf einmal macht der Motor den Eindruck, als müsse er tatsächlich kämpfen. Dann schaltet man ganz automatisch einen Gang zurück, nur um zu entdecken, dass die Musik oberhalb von 5.500 Touren auch nicht mehr allzu laut spielt. Gerade im Normal-Modus agiert er ziemlich zurückhaltend. Drehen Sie das Rädchen unter dem Schalthebel auf "Sport" und die Lust des Vierzylinders steigt sofort merklich an. Er reagiert bissiger, dreht schärfer, zum leicht bassigen und angenehm präsenten Auspuffdröhnen gesellen sich beim Schalten oder Gaswegnehmen plötzlich hervorragend gelaunte Spratzer und jede menge Plopps aus den beiden Auspuffendrohren. Und trotzdem bleibt der Turbo-Benziner eher Mittel zum zügigen Zweck als ein richtig begeisternder Sportmotor. Ob sich sein Wesen mit dem Sechsgang-Schaltgetriebe ändert, ist schwer zu beurteilen, weil Mini bei der Fahrvorstellung nur Autos mit der 2.100 Euro teuren Achtgang-Sportautomatik dabei hatte. Letztere schaltet sehr sauber, sehr schnell und senkt laut Mini auch noch den Verbrauch um 0,6 auf 6,8 Liter. Aufgrund der bekannten Güte britisch-bayerischer Schaltgetriebe sollte man aber auf jeden Fall vergleichsprobefahren. Vor allem, wenn man sich etwas mehr Interaktion und Hemdsärmeligkeit für diesen mittlerweile wirklich sehr geschliffenen Performance-Mini wünscht.

Ab 35.800 Euro
Und damit wären wir beim alles entscheidenden Thema des neuen Mini John Cooper Works Clubman angelangt. Wollen Sie einen richtig wilden, unvernünftigen Hund, der fahrdynamisch vielleicht etwas mehr Euphorie entfacht, dafür aber kratzt, beißt und malträtiert? Dann kaufen Sie sich einen alten Mini Works GP (genau, dieses massiv verspoilerte, limitierte Puristen-Sondermodell) und jammern Sie nicht, wenn Sie mal andere Menschen oder Gepäck mitnehmen müssen. Wollen Sie einen sehr hochwertigen, sehr perfekten, sehr schnellen und sehr alltagstauglichen kleinen Kombi, der zugegebenermaßen nicht ganz so spitz und hyperagil ausgelegt ist, wie der Name "John Cooper Works" vielleicht versprechen mag? Dann ist dieser Mini Clubman vermutlich genau das Richtige für Sie. Vorher sollten Sie aber noch mindestens 35.800 Euro aufbringen. Ein ziemlich großer Batzen Geld. 6.300 Euro größer als der für den Clubman Cooper S. Dafür aber mit deutlich mehr Serienausstattung (unter anderem Allrad, LED-Licht, 18-Zöller, Parkpiepser, 6,5-Zoll-Infotainmentsystem). Darf es etwas größer, stärker und ungehobelter sein? Der frontgetriebene Ford Focus ST Turnier mit 250 PS ist ab 30.350 Euro zu haben. Der Marktstart für den Mini John Cooper Works Clubman ist bereits erfolgt.
(sw)

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