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Test: Mini John Cooper Works Countryman Groß und giftig

Palma de Mallorca, 12. April 2017
Keine Sorge, diesmal werde ich Sie nicht damit belästigen. Sie wissen schon, mit Minis, die nicht mehr mini sind. Maxi-Minis, XXL-Minis, völlig aus dem Leim geratenen Ex-Rennsemmeln, und früher war eh alles besser … nennen Sie es, wie Sie wollen, mir egal. Aber irgendwann ist es auch mal wieder gut. Ja klar, der neue Mini Countryman ist das mit Abstand Ausladendste, was jemals einen Kreis mit Flügeln auf dem Deckel trug. Aber dafür sitzt man in ihm nicht mehr wie ein Primat mit akuten Verdauungsproblemen (egal ob vorne oder hinten) und er hat nun einen Kofferraum, in den tatsächlich Dinge reinpassen. Na gut, vielfach wurde behauptet, der neue Countryman fahre sich nun weniger denn je wie ein Mini und mehr denn je wie ein 4,30 Meter langes SUV. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass er ein 4,30 Meter langes SUV ist, ist dieser Umstand für die Mini-Verantwortlichen vermutlich gerade noch verkraftbar. Knackiger und irgendwie verspielter als die meisten Konkurrenten fährt er nämlich trotzdem noch. Und für alle, denen das noch nicht reicht – ja, ich komme endlich zum Punkt – gibt es nun den neuen Mini Countryman John Cooper Works.

Zu erwachsen?
Der war schon in der ersten Generation ein ziemlich kontroverses Ding. Umso mehr mag man sich jetzt die Frage stellen, wieso es ausgerechnet vom aufgebläh … äh … erwachsensten und vernünftigsten Mini aller Zeiten eine grellbunte und ziemlich vorlaute Performance-Variante geben muss? Sprich: Warum erst feinschleifen wie ein Irrer, nur um anschließend einen ganzen Haufen dicker Stacheln dranzumachen? Oder sind die Stacheln am Ende gar nicht so dick? Ähnlich wie zuletzt beim fast schon enttäuschend polierten Clubman JCW? Nun, von den nackten Maßnahmen, die zur Works-Werdung des Countryman führen, lässt sich das schwer ableiten. Auch er kriegt den optimierten 2,0-Liter-Turbo mit 231 PS und 350 Newtonmeter, Allradantrieb, straffere Federn und Dämpfer, eine elektronische Vorderachs-Sperre und eine zweiflutige Sportauspuff-Anlage. Auch er kriegt größere Räder (18- oder auf Wunsch auch 19-Zöller), martialischere Schürzen, eine eindrucksvolle Menge an Streifen und einen deutlich röteren Grill. Und auch er ist mit 1.615 Kilo ein ganz schöner Pummel.

Federt trocken, fährt lebendig
Anders als der – zumindest für meine Vorstellung eines JCW-Mini – zu abgebrühte Clubman, macht der neue Countryman John Cooper Works allerdings überraschend viel Laune. Er wirkt deutlich wilder, rebellischer, auf die richtige Weise anarchischer, verrückter. Punkt 1: Fahrwerk. Vielleicht ist es auch ein wenig dem Umstand geschuldet, dass man von einem kompakten Crossover weniger erwartet als von der Kombi-Version eines brillanten Hot Hatches. Aber gefühlt fetzt der Countryman JCW spaßiger und erlebnisreicher ums Eck als der Clubman JCW. Spaßiger und erlebnisreicher als das Gros der Klein-SUV-Konkurrenz fetzt er damit übrigens auch. Das im Testwagen verbaute Standard-Fahrwerk (adaptive Dämpfer kosten 500 Euro Aufpreis) federt sauber und satt-dumpf, aber durchaus mit einer recht trockenen Note. Straffe Auslegung in Verbindung mit einer gewissen Höhe bedeutet: Hier passiert was, hier ist Leben drin. Aber nicht im "Wanken-wie-ein-Schlauchboot-auf-dem-Rhein"-Sinne, eher wie etwas Kleines, Hakenschlagendes, das vor etwas Großem, Hungrigen davonläuft. Der Countryman JCW wankt und neigt sich verblüffend wenig und hat eine extrem direkte, fast schon nervöse Lenkung. Richtungswechsel gehen somit sehr willig und zackig über die Bühne und das macht in Verbindung mit der höheren Fahr- und Sitzposition auf etwas eigenartige Weise ziemlich viel Spaß.

Überraschend agil, sehr neutral
Punkt 2: Allrad. Dank des Hang-on-Allrads (auch dieser Countryman ist in der Regel ein Fronttriebler, bei dem die Hinterachse in Schlupfsituationen zugeschaltet werden kann) baut der Works eine fast schon unheimliche Traktion auf. Bleiben Sie auch in etwas engeren und schnell angefahrenen Kurven einfach auf dem Pinsel, er zieht Sie da ziemlich unbeeindruckt raus. Selbst wenn man es völlig übertreibt (genau das, was die meisten Leute mit einem kompakten Crossover in der Regel halt so tun), bleibt er absolut stoisch und neutral. Untersteuern? Ich habe wirklich gesucht. Gefunden habe ich nichts. Für den finalen Spaß auf einem menschenleeren Bergstraßen-Flug, so wie ihn beispielsweise der dreitürige Mini John Cooper Works bietet, fehlt dem Countryman JCW allerdings ein gewaltiger Schuss Bewegung im Heck. Oder auch nur der leiseste Anflug davon. Und ja, ich weiß: Bei einem Auto, das die überwältigende Mehrheit seines Daseins vor Privatschulen, Biomärkten und Yoga-Studios verbringen wird, könnte das nun wirklich nicht egaler sein.

Viel Leistung, viel Gewicht
Nichtsdestotrotz will ich Ihnen Punkt 3 nicht vorenthalten. Also, Punkt 3: Antrieb. Der Zweiliter-Direkteinspritzer ist der gleiche wie in allen anderen aktuell verfügbaren John-Cooper-Works-Minis. Den Countryman bringt er in 6,5 Sekunden von 0-100 km/h. Damit ist er 0,7 Sekunden schneller als der 192 PS starke Countryman Cooper S. Meiner Meinung nach fühlt sich der Twinscroll-Turbo auch im stärksten Countryman nicht ganz nach 231 PS und sechseinhalb Sekunden an. Das Ansprechverhalten ist gerade im Sportmodus (daneben gibt es wie immer die Fahrmodi "Mid" und "Green") sehr ordentlich und der mittlere Drehzahlbereich steht proper im Futter, aber obenraus fehlt es ein wenig an Fülle.

Wie am Schießstand
Dass der Countryman Works dennoch energetischer und motivierter wirkt als der merklich leichtere Clubman Works, dürfte zum Großteil auf das Konto der Akustik-Gestaltung gehen. Der Kombi darf nicht so recht, der Crossover hingegen feuert aus allen Lagen, röhrt hörbar entfesselter und schießt bereits im Normal-Modus mit spratzigen Abgas-Salven nur so um sich. In "Sport" ballert dieser JCW bei jedem Gaslupfer (und auch sonst wann immer es geht), als wäre man am Schießstand. Zur Happy Hour. Es ist eigentlich zu viel des Guten, aber man kann das Auspuff-Geknalle ja glücklicherweise abschalten. Wo wir gerade bei schalten sind: Serie ist auch hier ein Sechsgang-Getriebe, in meinem Testwagen gab es aber die optionale Achtgang-Automatik. Sie ploppt nicht ganz so rasant wie eine Doppelkupplung, verheddert sich aber nie. Auch beim schnellen Runterschalten vor der Kurve nicht. Egal ob automatisch oder selbst per Paddles bedient: ein überaus angenehmes, schnelles und kluges Getriebe.

Innen groß und schön
Was fehlt noch? Ach ja, Innenraum: Wie immer sehr Mini, sehr verspielt, als Works mit dem typischen Spielzeug-Boxengassen-Charme. Aber mit deutlich mehr Platz als vorher. Hinten hockt man jetzt auch als größerer Mensch recht luftig. Vorne ebenfalls und das mit einer großartigen Sitzposition. Es wäre aber gar nicht schlimm, wenn die Sportsitze beim nächsten Mal ein Häuchlein größer ausfallen würden. Dass jetzt überall Works-Plaketten hängen, macht den Countryman übrigens nicht unpraktischer. Nach wie vor kann man die Rückbank um 13 Zentimeter in der Länge verschieben und auch umlegen, was dem Kofferraum ein Wachstum von sehr ordentlichen 450 auf überaus feine 1.390 Liter beschert. Auch wenn das Interieur aussieht, als hätte man eine Erstklässlerin gebeten, ein Rennwagen-Cockpit zu designen, sind Qualitätsanmutung und Infotainment-Bedienung voll auf den Punkt. Das Head-up-Display zeigt nützliche Navigationshinweise. Oder einen Drehzahlmesser (im Sportmodus). Das ist auch nützlich, weil der richtige Drehahlmesser so winzig ist, dass ein normales menschliches Auge ihn eigentlich nicht sehen kann.

Hui, teuer
Bleibt die Frage nach dem Sinn dieses Mini John Cooper Works Countryman. Der ist nach gewöhnlichen Maßstäben wie immer eher gering. Zieht man jedoch in Betracht, dass die normalen Countryman-Versionen in der neuen Generation einen deutlichen Schritt in Richtung Gelassenheit und Gediegenheit gemacht haben, wird dieser kleine Crossover-Rabauke für viele vielleicht gerade wieder interessant. Er ist schon deutlich zehenspitziger, wepsiger und (entschuldigen Sie bitte den Ausdruck) "gokartiger" als der Rest der Baureihe. Echte Konkurrenz hat er in seinem Metier ebenfalls nicht zu befürchten. Vielleicht noch den 218 PS starken Nissan Juke Nismo RS, aber der ist langsamer und qualitativ gefühlt zwei Klassen schwächer. Allerdings kostet er auch satte 10.000 Euro weniger. Jawohl, bei allem bisherigen Lob: Der neue Countryman JCW ist mit einem Grundpreis von 38.800 Euro das Fabergé-Ei unter den Klein-SUVs. Surfen Sie ein wenig durch die reichhaltige Ausstattungsliste und selbst eine 50 vor dem Komma sollte kein Problem darstellen. Mini ist das natürlich nicht mehr, aber die Kundschaft wird damit vermutlich wieder mal kein Problem haben. Der JCW-Anteil wird auch beim neuen Countryman bei über fünf Prozent liegen. Wenn Sie mit Ihrem Kindertransporter nicht ständig Alpenpässe hochfeuern wollen, sind Sie mit dem fast 7.000 Euro günstigeren Cooper S Countryman All4 aber vielleicht besser dran. Und selbst der nahezu gleich starke (224 PS) und deutlich gewissensreinere Plug-in-Hybrid Cooper S E Countryman All4 ist beinahe 3.000 Euro günstiger.
(sw)

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