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Machen 27 PS und sehr viel Gold den Turbo S tatsächlich besser? Test: 911 Turbo S Exclusive Series

Zuffenhausen, 7. Juli 2017
Huiuiui, das ist wirklich ganz schön viel Gold für nur einen Porsche 911. Vermutlich handelt es sich hier um den mit Abstand güldensten Elfer aller Zeiten. Fragen Sie sich, was das alles soll? Also das mit einem 911 Turbo S, der mehr Glanz verströmt als ein Bühnenoutfit von Liberace, dann sei Ihnen gesagt: Es handelt sich hier um die neue Exclusive Series. Ein auf 500 Exemplare limitiertes Sondermodell mit dem Porsches Exclusive Manufaktur ein bisschen mehr vom Rampenlicht abhaben möchte.

Individuell im Akkord
Porsche Exclusiv Manufaktur? Sagt Ihnen nicht so wirklich was? Na, sehen Sie. Dabei hat Zuffenhausens Individualisierungslabor im Jahr 2016 gut 15.000 Autos in seinen Fängen gehabt. Mehr als jeder dritte Elfer (es sind 38 Prozent) wird hier gesonderwunscht. Mit speziellen Lacken, Ledern, Nähten, Leisten … alles, was man halt so braucht, damit der eigene Porsche nicht so aussieht wie der von den drei Nachbarn. Soll es ja geben in manchen Gegenden. Tja, und mit dem neuen 911 Turbo S Exclusive Series zeigt die Manufaktur jetzt eben, was so geht, wenn man mal richtig aus dem Vollen fräsen darf.

Deftiger Aufpreis
Laut Boris Apenbrink, dem Leiter des Kundenzentrums Sonderfahrzeuge, macht die Exclusive Manufaktur diesen Turbo S dabei nicht besser, sondern individueller. Das kann man auch anders sehen, schließlich kriegt er ja mehr Leistung (Ganz genau, was der aktuelle Turbo S schon immer am dringendsten gebraucht hat, ist mehr Zunder). Dazu gleich mehr. Ansonsten sind die mechanischen Änderungen aber tatsächlich sehr überschaubar. Es gibt nämlich keine. Hier geht es eher um eine eigenständige Optik. Sowie die Materialien und die teils absurd aufwändigen Fertigungsverfahren, um besagte Optik herzustellen. Zugegeben, ich fand es beinahe unverschämt, knapp 55.000 Euro auf ein an sich schon 205.000 Euro teures Auto aufzuschlagen, nur weil es in einen großen Carbon-Topf gefallen ist und goldene Ränder um die Felgen hat. Nach meinem Besuch in der Manufaktur sehe ich das allerdings ein wenig anders.

Aufwand wie beim Kleinserienhersteller
Nehmen sie allein die neue Kohlefaser-Haube. Der Aufwand, der betrieben wird, um zwei perfekte und absolut plane Sichtcarbon-Streifen in all das umgebende Gold zu zaubern, ist hanebüchen. Hier wird alles von Hand lackiert, die Streifen abgeklebt und dann so lange im Wechsel geklarlackt und geschliffen, bis der Übergang absolut perfekt ist. Die Fertigung einer Fronthaube dauert 20 Tage. Beim Dach und den neuen Carbon-Seitenschwellern ist es exakt das gleiche. Die goldenen Umrandungen der Felgen? Mögen nicht jedermanns Geschmack sein, aber dass Porsche einen Laser benutzt, um seinen glanzschwarzen 20-Zöllern ein bisschen mehr Flamboyanz einzuimpfen, ist schon ziemlich weit vorn. Erst wird das Rad in Gold lackiert, dann in Schwarz, dann brennt ein Laser den schwarzen Lack an den gewünschten Stellen wieder ab. Dauert pro Rad eine Stunde (nur der Laser), wäre aber anders nicht gegangen, die Linien sind selbst für den weltbesten Lackierer ein gutes Stück zu dünn.

Auch innen penibel detailliert
Ich denke, Sie sehen, worauf sich die fingerfertigen Manufaktur-Künstler eingeschossen haben. Nach dem Motto: Wenn der Kunde schon über eine Viertelmillion Euro (der 911 Turbo S Exclusive Series kostet mindestens 259.992 Euro) raushaut, dann soll er auch Kleinserien-Charakter und jede Menge Handarbeit bekommen. Innen erkennen Sie dieses Vorgehen an neuen Carbon-Dekorleisten, die mit eingewebten Kupfer-Fäden durchzogen sind (galt bisher als unmöglich) und deshalb rötlich-gülden schimmern. Außerdem gibt es auch hier – passend zum Exterieur – inflationäre Mengen an Streifen. Im Drehzahlmesser, in den neu gesteppten Sitzen und sogar im Alcantara-Dachhimmel. Dazu kriegen Sie innen und außen eine Limitierungs-Plakette, mit der – zumindest laut dem mir gezeigten Video – drei Menschen eine ganze Weile beschäftigt waren. Ebenfalls dabei: Ein in Wagenfarbe lackierter Schlüssel. Und jetzt zur besten Nachricht: Sie müssen das Auto nicht im neuen Goldgelb Metallic ordern. Es gibt noch fünf weitere Farben, darunter ein Weiß, ein Grau und ein Rot. Allerdings scheint das Werthers Echte unter den 911 Turbos einen Nerv zu treffen. Laut Boris Apenbrink entschieden sich bisher knapp 70 Prozent der Vorbesteller für den "Schnellstes-Sahnebonbon-der-Welt"-Look.

0-200 km/h in 9,6 Sekunden
Apropos schnell: Die Exclusive Series ist nicht nur der goldigste, sondern auch der stärkste 911 Turbo, den es je gab. Dank neuer Motorsteuerung und mehr Ladedruck liefert der 3,8-Liter-Biturbo-Boxer nun 607 PS (27 PS mehr) und er erreicht seine 750 Newtonmeter jetzt nicht mehr nur im Overboost. Der Sprint von 0-100 km/h dauert zwar wie bisher 2,9 Sekunden (und wie bisher wirkt diese verblüffende Zahl eher konservativ), von 0-200 km/h nimmt er dem "normalen" Turbo S mit 9,6 Sekunden allerdings drei Zehntel ab. Vermutlich werden Sie davon auf der Straße nicht allzu viel merken. Wie gewohnt überfährt Sie nämlich auch dieser 911 Turbo mit blankem, unbarmherzigem und schwer zu verarbeitendem Schub. Es wirkt nicht mehr oder weniger grotesk als beim 580 PS starken Normalo-Turbo-S. Raus aus der Ortschaft, gefühlt zwei Sekunden aufs Gas, der Exclusive-Turbo bäumt sich auf, schnaubt einen ganzen Haufen Macht und Lader-Zischen aus sich und seinen vier neuen, nun runden Auspuffendrohren (die meiner Meinung nach viel besser aussehen als die eingepfercht-eckigen Standard-Blenden) und schon liegen 160 Sachen an. Sie schauen recht ungläubig, treten in die 410er-Keramik-Stopper mit ihren erstmals schwarz lackierten Sätteln und hoffen, dass kein Ordnungshüter in der Nähe war. Ausfahren können Sie dieses Effektivitäts-Monstrum mit all seiner lachhaft monumentalen Traktion ohnehin so gut wie nirgends. Hin und wieder auf der Autobahn, wo jetzt auch 330 km/h drin sind. Oder auf der Nordschleife, wo dieser 911 Turbo Exclusive Series eine beängstigende 7:16 Minuten in den Teer gehauen hat. Vier Sekunden schneller als der 911 GT3 RS.

Für selbtbewusste Connaisseure
Der ganze Rest des Fahrerlebnisses – diese wohl androgynste Art, einem den Atem zu rauben – unterscheidet sich freilich nicht vom herkömmlichen Turbo S. Wenn Sie also mehr dazu wissen wollen, dann klicken sie den Link zum Test unter diesem Artikel. Und was diesen ganz speziellen Turbo betrifft: Er erscheint nicht wie die natürliche Wahl für den typischen 911-Turbo-Kunden, der die perfekte Wolf-im-Schafspelz-Alltagswaffe sucht. Er ist wohl mehr ein Sammlerstück für Menschen, die Gefallen finden an extremer Liebe zum Detail. Und die kein Problem mit einer gewissen Extrovertiertheit haben. Porsche nennt diese Kunden in triefendem Marketing-Slang "Confident Connaisseurs". Es klingt seltsam, aber ziemlich genau dort gehört der 911 Turbo S Exclusive Series hin. Mitsamt dem aufs Auto angepassten Porsche-Design-Chronographen. Und dem vierteiligen, 5.500 Euro teuren Gepäckset, das aus dem gleichen Leder ist wie die Sitze. Man muss diese Form der Autoveredelung (und die ganze Show, die dazugehört) nicht unbedingt gutheißen, an der perfekten Ausführung gibt es aber absolut nichts zu kritisieren. Und wie es scheint, gibt es mehr als genug Menschen, die nur auf einen derartigen 911 Turbo gewartet haben. Sprich: Wenn Sie einen Turbo S Exclusive Series haben wollen, sollten Sie sich besser beeilen.
(sw)

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