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Müssen sich Audi RS 6 und AMG E 63 T jetzt warm anziehen? Porsche Panamera Sport Turismo im Test

Vancouver Island (Kanada), 21. Juli 2017
Vermutlich werden die meisten unter Ihnen zustimmen: Das hier ist der – sorry – geilste Hintern, den die Oberklasse derzeit zu bieten hat. Warum Porsche geschlagene fünf Jahre gebraucht hat, einen Panamera Kombi … Verzeihung … Panamera Sport Turismo auf die Räder zu stellen? Ich kann nur raten. Aber ein gewisses Wagnis ist es natürlich schon, in der Plus-fünf-Meter-plus-100.000-Euro-Klasse auf die ganz große Klappe zu setzen. Seis drum, die Sport-Turismo-Studie von 2012 verschlug ziemlich vielen Journalisten und (viel wichtiger) ziemlich vielen Kunden den Atem, woraufhin ein wahrer "Baut-das-Ding"-Sturm über Zuffenhausen hereinbrach. Nun ist es soweit. Ich sitze tatsächlich drin im praktischsten Porsche aller Zeiten. Wie praktisch er wirklich ist? Und ob er noch fährt, wie ein Panamera eben so fährt (also verdammt gut)? Packen wirs an …

Schlauer Spoiler
Ich fasse es nicht, aber ich stehe vor einem Porsche und erwäge ernsthaft einen Praxistest. Kofferraum statt Kurvenspeed, Ladekante statt Laptime. Dazu sollte man allerdings gleich mal etwas Grundlegendes klarstellen: In erster Linie ist der ST ein Panamera und kein Lastesel, der Ihren nächsten Umzug im Alleingang abwickelt. Der Unterbau ist exakt der gleiche. Bis zur B-Säule ist er exakt der Gleiche. Länge, Breite, Radstand? Sie ahnen es: alles gleich. Dahinter gibt es eine höhere Dachlinie und eine neue, einteilige Alu-Heckklappe mit einem bemerkenswert raffinierten, adaptiven Dachspoiler obendrauf. Laut Porsche ist es der erste seiner Art bei einem "Kombi". Bei Geschwindigkeiten unter 170 km/h steht er bei minus sieben Grad. Fahren Sie schneller, erigiert er auf plus ein Grad und spendet so bis zu 50 Kilo mehr Abtrieb. In den Modi Sport und Sport Plus passiert das schon ab 90 km/h. Ist das optionale Glasschiebedach geöffnet, pumpt er sich auf plus 26 Grad empor, um Windgeräusche zu minimieren.

Nutzwert-Gewinn überschaubar
Das ganze Kombi-Ding (oh je, schon wieder dieses Wort) hievt dem Panamera ST übrigens gerade mal 40 Extra-Kilo auf die schneidigen Hüften. Der Praxisnutzen-Zugewinn bleibt allerdings – zumindest für Transport-Freaks – ebenfalls überschaubar. Mit 520 bis 1.390 Liter (beim 4 E-Hybrid sind es 425 bis 1.295 Liter) gibt es nur 50 Liter mehr als im normalen Panamera. So richtig Kombi-Gardemaß ist das nicht. Immerhin fällt die Ladekante um geradezu monumentale 13,4 Zentimeter, was das Beladen wirklich signifikant erleichtert. Ihre Golfbags werden also fast schon von selbst ins Sport-Turismo-Heck flutschen. Und wenn es tatsächlich mal etwas sperriger wird: Die Rückbank ist nun im Verhältnis 40:20:40 teilbar. Dieser Umstand implementiert ganz nebenbei ein echtes Novum: Jawohl, der ST ist der erste Panamera mit fünf Sitzplätzen. Theoretisch zumindest. Sehen Sie: Im "kurzen" Panamera sind die Fondgäste ohnehin nicht mit der ganz großen Freiheit gesegnet. Für ein 5,05-Meter-Schiff ist Porsches Großer hinten eher Slim Fit. Da freut man sich jetzt nicht unbedingt, wenn noch ein Mensch mehr hinten rein schlupft. Vielleicht gerade noch, wenn es sich dabei um ein Kind handelt. Ein eher kleines Kind. Für mehr ist der Mittelplatz nicht wirklich zu gebrauchen. Immerhin können Sie sich im Sport Turismo deutlich entspannter durchstrecken. Auch wenn Sie mit einem sehr langen Oberkörper gesegnet sind, denn die Kopffreiheit profitiert spürbar von der neuen Dachform. Und nur zur Beruhigung: Sie müssen sich nicht für diese schrecklich bürgerliche Dreier-Rückbank entscheiden. Zwei Einzelsitze kriegen Sie im ST natürlich auch.

Fünf Motoren zum Start
So viel zum "Nutztier" Sport Turismo. Kommen wir zum spaßigen Teil. Fahrwerk, Motoren und Co. sind keinen Deut anders als bei der Panamera-Limousine. Zum Start gibt es fünf bekannte Aggregate: Benziner mit 330, 440 und 550 PS, den V8-Diesel mit 422 PS sowie den Plug-in-Hybrid mit 462 PS. Alle kommen mit Allrad, Achtgang-Doppelkupplung und Luftfahrwerk. Lediglich der Basisbenziner Panamera 4 kriegt ein konventionelles Stahlfahrwerk. Eine heckgetriebene Einstiegsversion mit dem 330-PS-V6, ein sportlicherer GTS sowie der barbarische Turbo S E-Hybrid mit 680 PS dürften zeitnah folgen.

Gleiten UND heizen
Ich schnappte mir den 4 E-Hybrid mit seiner Kombination aus 330-PS-V6 und 136-PS-Elektromotor und kann berichten, dass er sich auf der Straße keinen Meter anders anfühlt als die Panamera Limousine. Das sind sehr gute Nachrichten. Klar, der Hybrid wiegt mit 2.265 Kilo furchterregende 310 Kilo mehr als der Panamera 4. Und das merkt man auch ein wenig, beim etwas plumperen Einlenken und beim üppigeren Gewichtstransfer auf der Bremse. Trotzdem wirkt auch der mit Abstand schwerste Panamera-Brocken – und zwar ausdrücklich auch mit Kombi-Heck – irgendwie akkurater, genauer, kompakter als alle anderen Autos dieser Größenordnung. Als einer der wenigen Hersteller kriegt Porsche eine elektrische Lenkung hin, die Feedback hat. Und die Luftfederung betreibt weitgehend Zauberei, indem sie diesem Auto horrende Gleiter-Fähigkeiten einimpft (lediglich bei kurzen, tieferen Stößen kann es etwas zünftiger werden) und es trotzdem fetzen lässt, als wäre es eine Klasse kleiner und 300 Kilo leichter. Der Hybrid-Antrieb reagiert sehr spontan, drängt sich nicht wirklich in den Vordergrund, macht aber auch den Panamera Sport Turismo zu einem entsetzlich schnellen Gefährt. Wie in der Limousine gehen 0-100 km/h in 4,6 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 275 km/h. Die rein elektrische Reichweite gibt Porsche mit 50 Kilometer an, in der Realität schafft man eher um die 30. Das Faszinierende ist aber: Sie bekommen hier einen extrem performanten Antrieb in einem extrem großen und schweren Auto und Sie müssen sich wirklich nicht großartig anstrengen oder zurückhalten, um Verbräuche um die sechs Liter zu erreichen.

Der diskretere Power-Kombi
Vielleicht noch ein Stückchen mehr als die Limousine ist der Panamera Sport Turismo ein Grand Tourer par Excellence. Opulent, luxuriös, dynamisch, sauschnell. Dabei aber diskreter, weniger aufdringlich als vergleichbare Modelle von AMG oder Audi Sport. Das laute "Hier-komme-ich"-Geschrei hat er gar nicht nötig, scheint sehr gut zu wissen, was er kann. Nämlich irre schnell, irre komfortabel Strecke machen und dabei ohne großes Tamtam ein involvierenderes Fahrerlebnis liefern, als es die meisten anderen können. Fairerweise sei gesagt, dass die anderen das mit der Kombi-Rolle deutlich besser draufhaben. Der Sport Turismo richtet sich letztlich eher an Menschen, die die neue Form mögen und sich über ein bisschen mehr Nutzwert freuen. Das sollte diesen Menschen je nach Motorvariante zwischen knapp 3.000 und 5.000 Euro Aufpreis wert sein. Kein Kombi also für den Verstand, eher einer für Auge und Herz. Los gehts ab 97.557 Euro für den Panamera 4 Sport Turismo. Der 4 E-Hybrid startet bei 112.075 Euro, das Topmodell Turbo Sport Turismo kostet ab 158.604 Euro. Zum Vergleich: Der Audi RS 6 ist ab 111.500 Euro zu haben, das neue Mercedes-AMG E 63 T-Modell ab 112.907 Euro.
(sw)

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