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Lohnt sich der teure 240-PS-Ölbrenner im Baby-Range? Stärkster Diesel-Evoque im Test

München, 1. März 2018
Der Range Rover Evoque ist wirklich vieles. Mit über 600.000 verkauften Einheiten ist er sowas wie der Erretter des modernen Land Rover. Er ist quasi der Begründer des Segments der aufgebockten Gucci-Handtaschen (a.k.a. kompakte Lifestyle-SUVs). Vor allem aber ist er … verflucht alt geworden. Man mag es kaum glauben, aber der Evoque ist jetzt seit beinahe sieben Jahren auf dem Markt. Wie in aller Welt soll ich Ihnen also irgendwas Neues zu diesem Auto berichten? Nun, es ist weniger kompliziert als erwartet. Einfach, weil Land Rover in schöner Regelmäßigkeit neue Dinge in den großen Evoque-Topf wirft. Das letzte Mini-Facelift mit den neuesten Tech-Updates ist zwar auch schon wieder gut eineinhalb Jahre her, allerdings gibt es seit kurzem eine deutlich aufregendere Neuerung: wesentlich mehr Dampf.

Was bedeutet das?
"Wesentlich mehr Dampf" bedeutet: Ein neuer Zweiliter-Benziner mit 290 PS sowie ein neuer Zweiliter-Diesel mit 240 PS. Hier sehen Sie den Selbstzünder in der super-duper-luxuriösen HSE-Ausstattung. Viel mehr up to date wird es im aktuellen Evoque wohl nicht mehr werden. Viel teurer vermutlich auch nicht. Der Preis für dieses Auto liegt bei 60.250 Euro. Vor dem Ritt durch die Aufpreisliste, wohlgemerkt. Fairerweise sei gesagt: Der SD4 HSE hat so gut wie alles, was man sich wünschen würde, auch an Bord. Das große Navi, in alle erdenklichen Richtungen einstellbare Windsorledersitze, eine Rückfahrkamera, ein überaus potentes Meridian-Soundsystem und so weiter. Unser Testwagen kam zusätzlich mit dem großen Assistenzsysteme-Paket, adaptiven LED-Scheinwerfern, Sitzheizung auf allen Plätzen und ein paar weiteren Kleinigkeiten. Leider kam er so auch auf 67.394 Euro. Autsch.

Okay, was kriege ich für derart viel von meinem Hartverdienten?
Wie im gerade eingeführten Jaguar E-Pace kriegen sie den neuesten Diesel aus Jaguar-Land-Rovers "Ingenium"-Familie. Er leistet 240 PS, 500 Newtonmeter und verteilt seine Kraft grundsätzlich über eine Neungang-Automatik an alle vier Räder. Irritierenderweise ist der alte Evoque ein gutes Stück, nämlich 157 Kilo, leichter als der neue E-Pace. Das verhilft ihm zu etwas besseren Fahrleistungen. Im internationalen Vergleich bedeutet "etwas besser" aber noch lange nicht "spitze". 0-100 km/h gehen in 7,3 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 221 km/h. Ein vergleichbar starker BMW X1 oder VW Tiguan macht solche Fahrleistungen selbst mit einer schwerwiegenden Grippe im Gepäck. Deswegen fühlt sich der Evoque SD4 nicht gleich langsam an, keine Sorge. In der Tat wirkt er gefühlt sogar wacher und forscher als der vergleichbare E-Pace. Die ZF-Box ist noch immer nicht der allerletzte Schrei und klaut dem Antrieb nach wie vor zu viel Verve. Hier macht sie aber einen angenehmeren, weniger unorganisierten Eindruck. Das Problem ist: Mit diesem Output müsste ein Kompakt-SUV eigentlich massiv eskalieren, es müsste sich jederzeit sauschnell anfühlen. Der SD4 ist zweifelsfrei flott, aber eben auch nicht mehr. Und er müht sich dafür ganz schön ab. Auch akustisch. Zumindest wenn man den Pinsel voll ins Bodenblech haut. Bei Reisetempo dagegen ist das hier ein sehr leiser und entspannter Kompagnon.

Entspannt und unsportlich?
Ganz und gar nicht. Aus dynamischer Sicht ist der gute alte Evoque noch immer ein erfreulich komplettes Paket. Grip ist mehr als vorhanden und obwohl er aus mancher Perspektive fast schon lustig hochbeinig aussieht, hat er seine Karosseriebewegungen verblüffend gut im Griff. Hier schwankt und wankt so gut wie gar nichts und auch das Einlenkverhalten wirkt absolut akkurat. Anders als bei einem Porsche Macan oder Alfa Stelvio Quadrifoglio würde ich für den Evoque nicht Sonntags um vier Uhr früh aufstehen, um mit unmoralischem Dauergrinsen die Landstrassen der Region unsicher zu machen, aber an sich fährt er wirklich richtig gut. Und sehr ausgereift. Auch in der Federung. Sehen Sie: Kürzlich fuhr ich den neuen Jaguar E-Pace auf 20-Zöllern (technisch gesehen nahezu das gleiche Auto). Er war fahrdynamisch nicht wirklich besser, aber über kurze Stöße beinahe unverschämt hart. Unser Evoque – ebenfalls auf mammutösen Schau-mich-an-Alus unterwegs – wirkte spürbar harmonischer gedämpft. Er fährt einfach sehr angenehm und kompetent. Vieles hier fühlt sich sehr richtig an. Und was man nicht vergessen darf: Auch wenn der Evoque aussieht wie ein High Heel mit Gummisohlen, ist er offroad noch immer fähiger als alles andere (nicht nur) in dieser Klasse.

Und innen? Bestimmt ganz schön in die Jahre gekommen?
Wie man's nimmt. Unser SD4 in der Top-Ausstattung hat den ganzen schicken Firlefanz natürlich serienmäßig. JLRs 10,2-Zoll-InControlPro-Infotainment zum Beispiel. Oder einen Haufen edler Tierhaut auf den heimeligen Sitzgelegenheiten. Verglichen mit der jüngeren Konkurrenz wirkt alles, was man hier drin drücken kann, ein wenig simpel und angestaubt. Aber einfach zu bedienen ist es deswegen trotzdem. Und den Rest macht der Evoque (zumindest dieser hier) mit geschmackvollem Layout und fantastischen Materialien wieder wett. Das Infotainment selbst wirkt grafisch einen Tick plumper als in den neuesten Jags und Landis, die ich zuletzt fahren konnte, eines der besseren Systeme auf dem Markt ist es nichtsdestotrotz. Platzangebot? Naja, selbst wenn der Evoque das mittlerweile 37. Update hinter sich hat, hier hat sich eher wenig (also eher gar nichts) geändert. Vorne ist alles tippitoppi, Hinterbänkler zwickt es an den Knien etwas mehr als bei der Konkurrenz und der Kofferraum ist mit 575 bis 1.445 Liter absolut in Ordnung.

Irgendetwas, das man sonst noch unbedingt wissen muss?
Ähm … also … wie sage ich das jetzt am besten … Wenn Sie keinen guten Lackierer in der Familie haben, dann verlassen Sie sich nicht unbedingt auf die vordere Einparkhilfe. Manchmal funktionierte sie ganz normal, in mehreren anderen Situationen (in vielen, um genau zu sein) reagierte sie überhaupt nicht. Weder optisch noch akustisch.

Eingangsfrage: Braucht man den großen Diesel und kann der Evoque noch mithalten?
Der neue 240-PS-Diesel macht einen sehr angenehmen und angenehm kräftigen Eindruck. Aber irgendwie nicht kräftig und furios genug, um irre 9.000 Euro Aufschlag gegenüber dem 180-PS-Diesel zu rechtfertigen. Noch dazu, weil er sich im Test alles andere als sparsam präsentierte. Land Rover verspricht einen Normverbrauch von 5,8 Liter. Unser SD4 gönnte sich satte 3,7 Liter mehr. Ansonsten hat sich der englische SUV (Schick Utility Vehicle)-Vorreiter wirklich sehr gut gehalten. Er ist noch immer schöner als die meisten Gegner, er ist fahrdynamisch mindestens auf der Höhe und technisch im Großen und Ganzen auch. Bei den Assistenzsystemen heißt das: Bis auf einen adaptiven Abstandstempomaten kriegt man auf Wunsch das volle Programm. Das auch ein mittlerweile rentenfähiger Evoque noch immer teurer ist als der Großteil vom Rest, sollte Ihnen halt schon bewusst sein. Das meiste davon macht er mit Ausgereiftheit, Luxus, deutlich mehr Geländetalent und viel Charisma wieder gut.
(sw)

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