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Punktet der fahrende Wow-Effekt auch mit Vierzylinder-Diesel? Range Rover Velar: 240-PS-Diesel im Test

München, 4. April 2018
Was auffällt am Velar ist, wie sehr er auffällt. Überall. Ständig. Aber nicht auf eine laute, ordinäre Weise. Er ist einfach sehr sehr schön. Edel. Kostbar. Gespannt. Reduziert. Geschmackvoll. Jede Linie, jede Fläche erscheint wie ein kleines Kunstwerk. Und das bei einem SUV. Den Leuten scheint es zu gefallen. Zumindest zeigen sie recht viel drauf und wandern aufgeregt drumherum, wenn man ihn irgendwo geparkt hat. Vermutlich wäre das Interesse kleiner, wenn sie wüssten, wie teuer er ist. Sogar mit einem Vierzylinder-Diesel unter der Haube (dazu komme ich gleich noch). Aber es besteht kein Zweifel, dass Land Rover ein sehr begehrenswertes Auto gebaut hat.

Er ist schwer einzuordnen. Wo gehört er hin?
Weil er so lang und flach wirkt, ist es wirklich etwas schwer, ihn zuzuordnen. Im eigenen Haus soll er die Lücke zwischen dem Evoque und dem Range Rover Sport füllen. Wobei er natürlich deutlich näher an Letzterem dran ist. Mit einer Länge von 4,80 Meter sitzt er zwischen BMW X4 und BMW X6. Oder zwischen Mercedes GLC und GLE Coupé. Ganz wie Sie wollen. Den Unterbau teilt er sich mit dem Jaguar F-Pace. Die Ausrichtung ist aber wirklich eine komplett andere. Der Velar ist spürbar edler, gediegener, legt mehr Wert aufs Detail. Ein bisschen "Schönheit vor Nutzwert", könnte man sagen. Wobei er – ganz Land Rover – offroad trotzdem deutlich besser gerüstet ist, als die allermeisten Konkurrenten (unter anderem mit bis zu 251 Millimeter Bodenfreiheit und 650 Millimeter Wattiefe). Auch wenn es schwer vorstellbar scheint, dass irgendwer mit diesem fahrenden SUVergé-Ei freiwillig durch unbefestigtes Terrain pflügt.

Also ab auf die Straße! Wie macht er sich?
Erwarten Sie bitte nicht mal einen Hauch von Sportlichkeit. Das hier mag ein sehr schnittig und coupéhaft aussehender Range Rover sein, aber es bleibt ein Range Rover. Würden Sie mich gerade gut gelaunt erwischen, würde ich Ihnen sagen: Der Velar fährt sehr satt, sehr wertig. Eine echte Trutzburg. Angenehm leise und gerade mit der optionalen Luftfederung (1.612 Euro) sehr geschmeidig. Auch auf 21-Zöllern. Auch wenn die Straße gerade einen sehr schlechten Tag hat. Zur ganzen Wahrheit gehört aber wie immer ein bisschen mehr. Unter anderem, dass dieser Range sich beim Fahren eklatant schwerer anfühlt, als er ist. Um ehrlich zu sein, konnte ich kaum glauben, dass er leer keine 1.900 Kilo auf die Waage bringt. Ja, die Lenkung ist exakt und eine Hüpfburg ist er in der Kurve auch nicht. Aber auf jedem Anfahren, auf jedem Richtungswechsel liegt eine ungewohnte Schwere. Vermutlich wird Ihnen das als Interessent für einen ziemlich großen Land Rover ziemlich egal sein, aber unerwähnt bleiben soll es nicht. Gerade, wenn man weiß, was fahrdynamisch mit einem Alfa Stelvio, einem BMW X4 oder einem wesentlich größeren, schwereren Porsche Cayenne machbar ist. Nennen wir das Fahrverhalten des Velar also eher abgekoppelt und entspannend als wirklich fesselnd.

Liegt das auch am Vierzylinder-Diesel?
Eher nicht, nein. Der Velar wird nie ein Auto sein, dass man gerne sportlich in die Ecken wirft. Vielleicht ändert sich das mit der 575 PS starken SVR-Version (auch diese wird uns zweifelsfrei ereilen), bis jetzt ist es aber definitiv so. Daher erscheint es – zumindest geht es mir so – tatsächlich nicht so wichtig, dass hier ein Riesen-Trumm-Sechs- oder Achtzylinder sein Unwesen treibt. Der Zweiliter-Biturbo-Diesel unseres Velar D240 leistet wenig überraschend 240 PS. 500 Newtonmeter leistet er auch. Das passt ganz gut zum stiernackigen, aber eher gemütlichen Charakter des Velar. Von 0-100 km/h geht es in 7,3 Sekunden. Es fühlt sich nicht ganz danach an, weil das Auto wie gesagt kurz durchatmet, ehe es seinen Leib in Schwingung wuchtet. Unten raus knurrt, nagelt und anstrengt es also etwas vehementer, bis man mal in Fahrt ist. Dann allerdings macht der Vierzylinder-Selbstzünder alles, was man sich von so einem Vierzylinder-Selbstzünder nur wünschen kann.

Das bedeutet?
Er geht auch höhere Autobahn-Tempi relativ mühelos mit und bleibt dabei akustisch sehr elegant im Hintergrund. Die Achtgang-Automatik begleitet all das gewohnt souverän, angenehm und flott. Testverbrauch? 8,1 Liter. Das mag für manche Ohren suboptimal klingen, für mich tut es das eher nicht. Das hier ist ein großes, hohes, schweres Auto mit annähernd 250 PS und sehr sehr großen Rädern. Und von alleine fahren kann es halt leider noch nicht. Ganz nebenbei testeten wir vor Kurzem den deutlich kleineren Bruder Evoque mit dem gleichen Motor und er brauchte einen halben Liter mehr. Sie wollen trotzdem lieber den Sechszylinder-Diesel? Kann ich sehr gut verstehen. Der 300-PS-V6 ist natürlich stattlicher und vor allem akustisch einer der besten Selbstzünder, die es derzeit gibt. Aber er ist gar nicht mal so viel schneller, verbraucht einen guten Schluck mehr und ist fast 6.000 Euro teurer.

Apropos teuer ...
Herrje. Das ist bei diesem Auto wirklich ein wunder Punkt. Denn der Velar D240 startet bei 60.600 Euro. Sie sind nur mild schockiert? Na gut, dann mache ich weiter: Unser Testwagen in der Topausstattung HSE mit allem erdenklichen Schnickschnack von der Luftfederung über das große Panorama-Schiebedach bis hin zu Matrix-LED-Scheinwerfern brachte es auf 98.065 Euro. Und bei aller Liebe – wir reden hier noch immer von einem Vierzylinder. Einen Audi SQ7 mit 435-PS-V8 kriegt man übrigens ab 91.000 Euro. Nur so zum Vergleich. Aber offenbar hat sich Land Rover über die letzten Jahre einen Status erarbeitet, bei dem die Kunden nicht mehr wirklich aufs Geld schauen. Sie kaufen ein Gesamtkunstwerk, bei dem rationale Gründe nicht die Hauptrolle spielen.

Kriegen sie das denn beim Velar?
Voll und ganz. Wenn Ihnen das distinguierte Äußere noch nicht reicht, dann setzen Sie sich mal rein in die gute Stube. Was der Velar hier abliefert, ist nicht weniger als sensationell. Die Aufteilung von Infotainment und Klima-/Sitz-/Fahrmodus-Steuerung auf zwei große Bildschirme ist ein optisches Sahnestück. Und ganz nebenbei geht die Bedienung auch noch richtig gut und zügig von der Hand. Das 12,3-Zoll-Instrumentendisplay und ein schickes Head-up-Display (inklusive Gelände-spezifischer Funktionen) komplettieren den Anzeigen-Hightech. Zumindest, bis Sie aufs Lenkrad luren und auch dort illuminierte Glas-Bedienflächen finden. Es ist wirklich ein Erlebnis. Ein sehr durchdachtes, wohlgemerkt. Und dann schauen Sie sich um und entdecken, wie langweilig so eine herkömmliche Lederausstattung aussehen kann. Zumindest, wenn wie in unserem Fall das "Premium Textilpaket" mit jeder Menge Velours und superb teuer aussehenden Stoffen an Bord ist. Es dürfte auch Nicht-Veganer begeistern. Schwächen? Man traut es sich bei so viel Schönheit gar nicht auszusprechen, aber das Platzangebot im Fond ist für ein 4,80-Meter-Auto beinahe eine Frechheit. Und der Kofferraum ist mit 673 bis 1.731 Liter zwar groß, die Ladeluke aber dürfte gerne ein bisschen breiter sein.

Ist der Range Rover Velar D240 nun empfehlenswert oder nicht?
Das kommt wie so oft darauf an, welchen Standard Sie haben und was Sie mit dem Auto tun wollen. In puncto Ästhetik, Innenraumdesign und Hightech (natürlich kriegen Sie auch ein State-of-the-Art-Assistenzsysteme-Paket) dürfte der Range Rover Velar derzeit eines der ganz ganz wenigen Angebote sein, bei denen sogar die teutonische Premium-Konkurrenz ein bisschen dumm aus der Wäsche schaut. Falls Sie – was bei diesen Preisen fast wie Hohn klingt – ein paar Piepen sparen wollen: Mehr als den 240-PS-Diesel brauchen Sie im Velar sicher nicht. Verbesserungswürdig sind das etwas plumpe, schwerfällige Fahrverhalten, das miese Raumangebot in der zweiten Reihe sowie die beinahe unmoralische Preisgestaltung. Allerdings war es noch nie besonders günstig, einen Range Rover zu fahren. Und für mehr Raffinesse, Technik und Qualität als im Velar müssen Sie sonst ein bis zwei Klassen nach oben schielen.
(sw)

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