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Test Skoda Octavia RS Facelift Grundsolide Unterhaltung

Wien, 11. April 2017
Wenn man sich so umschaut und umhört auf unseren Straßen, dann mag man manchmal seinen Augen und Ohren nicht trauen. Fragen Sie mal den jungen Mann (vornehmlich den jungen Familienvater) von heute nach dem Auto seiner Träume. Na gut, wahrscheinlich wird er Ihnen irgendwas von Ferrari, Lamborghini oder BMW M4 vorfaseln. Fragen Sie ihn dann nochmal nach dem Auto seiner realistischen Träume und in gefühlt 80 Prozent der Fälle werden Sie zu hören bekommen: Skoda Octavia RS. Glauben Sie es oder nicht, aber jeder vierte in Deutschland verkaufte Octavia hat ein R und ein S auf dem Kofferraumdeckel. Erzählen Sie mal einer anderen Marke, sie soll mit ihrem Performance-Modell 25 Prozent Verkaufsanteil schaffen. Die stürzen sich vor Verzweiflung von der nächstbesten Klippe. Aber der Erfolg des Octavia RS ist absolut nachvollziehbar: Zugegeben, Gänsehaut kriegst du bei ihm wohl nur, wenn es draussen richtig kalt ist. Aber er ist richtig schön schnell, transportiert alles, was du jemals besessen hast, ist technisch voll auf der Höhe, solider als ein Fels und selbst wenn dein Konto nicht zu den prallsten gehört, kannst du ihn dir höchstwahrscheinlich leisten. All das ändert sich natürlich auch mit dem jüngsten Facelift nicht. Was sich jedoch ändert und ob das alles gut oder schlecht ist … finden wir es heraus.

Neues Gesicht steht dem RS besser
Anders als üblich, lassen sich Vor-Facelift- und Facelift-RS ziemlich gut voneinander unterscheiden. Das liegt ein kleines bisschen an der neugeformten Frontschürze und ganz arg am neuen Vier-Augen-Gesicht, das Skoda natürlich auch dem Octavia RS 2017 überstülpt. Als ich die vier eckigen Leuchten am normalen Octavia zum ersten Mal sah, dachte ich: Hm … sieht irgendwie aus wie die letzte E-Klasse, die man bei Mercedes am liebsten aus den Geschichtsbüchern verbannen würde. Beim RS aber, mit der direkten Verbindung zum neuen Kühlergrill (gerade wenn dieser schwarz lackiert ist), funktioniert das leicht avantgardistische neue Antlitz um Längen besser. Innen gibt es jetzt auf Wunsch ein geradezu gigantöses und sehr elegant integriertes 9,2-Zoll-Infotainmentsystem. Im Prinzip funktioniert es wie das neue Gerät im Golf, spart sich jedoch dessen weitgehend sinnfreie Gestensteuerung. Der Wegfall jeglicher Tasten und Drehschalter bedeutet mehr Wisch- und Zoom-Arbeit für die Finger. Nicht immer ist das praktisch. Keine Ahnung, warum sich die Hersteller immer mehr gegen den guten alten (Dreh-)Knopf verschwören.

Neue Assistenzsysteme
Ebenfalls neu: Ein ganzer Haufen Connectivity- und Smartphone-App-Gedöns sowie eine Handvoll neuer Assistenzsysteme (Fußgängerschutz für den Notbremsassistent, Toter-Winkel-Assistent und Rear-Traffic-Alert, Anhängerassistent, Rangierbremsassistent). Wichtig für Liebhaber sportlich-eleganter Rauheit: Die saubequemen Sportsitze gibt es jetzt auch komplett in Alcantara. Wichtig für alle Fans vollendeter Durchdachtheit: Es gibt jetzt noch mehr Simply-Clever-Lösungen, darunter illustre Dinge wie ein Flaschenhalter für einhändiges Aufdrehen des Verschlusses oder eine LED-Taschenlampe im Kofferraum (nur beim Combi).

Zehn PS mehr
Die mechanischen Änderungen am Octavia RS 2017 sind relativ überschaubar. Im Vergleich zu den normalen Octavias liegen die RS-Modelle 15 Millimeter tiefer. Außerdem wächst die Spurbreite hinten – analog zu den übrigen Octavia-Facelift-Versionen – um 30 Millimeter. Der Benziner hat jetzt zehn fuchsteufelswilde Gäule mehr und kommt somit auf 230 PS. Im Prinzip ist er nun also der alte Octavia RS 230 ohne das professionelle Konzern-Sperrdifferenzial (stattdessen hat er das elektronische XDS+, das mit Bremseingriffen am kurveninneren Rad arbeitet). Der RS 230 darf künftig als RS 245 weiterleben und kriegt dann wohl erstmals auch ein Siebengang-DSG. Beim normalen Octavia RS haben Sie wie bisher die Wahl zwischen einem manuellen Sechsgang-Getriebe und einem Sechsgang-DSG. Neben dem Turbobenziner gibt es natürlich auch wieder einen (unveränderten) 184-PS-Diesel. Den Selbstzünder kriegen Sie auf Wunsch auch mit Allrad.

In 6,7 Sekunden auf 100 km/h
Somit ergeben sich überwältigende zehn RS-Varianten. Und damit auch sehr viele verschiedene Fahrleistungen. Falls es Sie interessiert: Am schnellsten ist die manuell geschaltete Limousine mit einem 0-100-km/h-Wert von 6,7 Sekunden und einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h. Die DSG-Variante braucht 0,1 Sekunden länger. Die Diesel benötigen mit Allrad 7,6 und ohne 7,9 Sekunden. Der Combi ist jeweils eine Zehntel langsamer. Die Normverbräuche liegen bei den TDIs zwischen 4,5 und 5,1 Liter, die Benziner sind mit 6,5 Liter unterwegs.

Unaufgeregt schnell
Und wie fährt sich das Ganze? Wenig überraschend ziemlich genauso wie vorher. Das ist überaus erfreulich. Der Octavia RS wirkt in allen Lagen extrem vertrauenerweckend und angenehm, ist aber trotzdem agil, irgendwie leichtfüßig und gefühlt immer schnell genug. Jetzt ziehen 230 PS – so dumm das klingt – nach heutigen Kompaktsportler-Maßstäben nicht mehr wirklich die Wurst vom Teller und auch im RS zieht sich keine Schlinge um ihren Magen, wenn Sie das Gaspedal durchtreten. Trotzdem fühlt man sich damit sehr passabel motorisiert. Der Zweiliter-Konzernturbo ist halt einfach ein richtig gutes Stück Motor. Nicht über die Maßen aufregend, aber sehr elastisch und auch obenraus nicht träge. Dazu kommen ein überraschend positives Schaltgetriebe, das sehr kurz angebunden durch die Gassen schlupft oder ein ein DSG, das pfeilschnell hochschaltet und selbst bei hektischen Gangwechseln nach unten so gut wie nie die Contenance verliert.

Grundsolider Spaß
Der Octavia RS gript in den meisten Fällen sehr stark und lenkt willig, wenn auch sehr leichtgängig und ohne viel Feedback ein. Beim starken Herausbeschleunigen aus engen Ecken rubbelt und schiebt er überdies recht schnell über die Vorderachse. Hier merkt man einfach, dass ihm eine richtige Sperre fehlt. Ansonsten ist hier relativ kritikfreie Zone. Alles, was man als Fahrer so zum Arbeiten braucht, reagiert leicht und mühelos. Der RS macht einem das Leben wirklich so angenehm wie möglich, wirkt dabei trotzdem fahrdynamisch kompetent und schnell. Das alles macht durchaus Spaß, wenn auch auf eine eher vernünftige, reife Art und Weise. Eher grundsolide und stabil als verspielt und gierig. Ein Ford Focus ST Turnier beispeilsweise bewegt sich deutlich zackiger und lebendiger, ist aber weitaus hektischer und anstrengender zu fahren. Außerdem hat er viel weniger Platz und ein spürbar liebloseres Interieur.

Innen der Größte
Na klar, der Innenraum ist nach wie vor eine der großen Stärken des RS. Die Halbschalen-Sitze sind großartig und mit kleinen unrühmlichen Ausnahmen (damit meine ich das etwas seltsame "Carbon" der Dekorleisten) macht die Cockpit-Qualität einen mehr als anständigen Eindruck. Im Fond herrscht mehr Platz als bei der gesamten Konkurrenz und der Kofferraum hat – egal ob bei Limousine oder Combi – wie immer Lagerhallen-Format. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das wie bisher: 590 bis 1.580 Liter bei der Limo und 610 bis 1.740 Liter beim Kombi.

Der perfekte Kompromiss
Das Ganze kommt wie immer zu einem sehr kompetitiven Preis, zumindest, solange Sie sich in der Aufpreisliste von den diversen (Selbst-)Fahrhilfen und Infotainment-Schmankerln fernhalten. Der Octavia RS startet als Limousine mit dem 230-PS-Benziner bei 30.890 Euro. Das sind 400 Euro mehr als bisher. LED-Scheinwerfer, 17-Zöller und Klima sind serienmäßig an Bord. DSG kostet 1.800 Euro Aufpreis. Der günstigste Diesel liegt bei 31.690 Euro. Zum Vergleich: Ein Focus ST Turnier mit 184-PS-Diesel kostet mindestens 31.350 Euro. Meine Empfehlung wäre der RS Combi mit 230 PS und dem unterhaltsam kurzen Schaltgetriebe für mindestens 31.590 Euro. Ein Familienauto mit einem besseren Kompromiss aus Dynamik, Zweckmäßigkeit und Bezahlbarkeit werden Sie woanders so nicht finden. Marktstart für das Octavia RS Facelift ist Anfang Juni 2017.
(sw)

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