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Lohnt sich die Mega-Öko-Limo (407 PS/ 2,0 l/100 km) wirklich? Volvo S90 T8 Twin Engine im Test

München, 17. Januar 2018
Gewissenhafte Verfolger des oft so absurden Geschehens in diesem Land wissen: Der Diesel kann zwar wenig dafür, aber er ist so tot wie das Niveau in einem großen weißen Haus im Zentrum von Washington D.C. Höchste Zeit also, sich nach ernsthaften Alternativen umzusehen. Im Bereich "Große Businesslimousinen a.k.a. komfortable Kilometerfresser" ist das gar nicht so einfach. Wer sehr viel mit einem eher schweren Auto fährt, braucht sinnvollerweise einen Selbstzünder. Was er eher ganz und gar nicht braucht, ist einen Plug-in-Hybrid. Oder vielleicht doch? Wir haben das anhand des Volvo S90 T8 Twin Engine AWD R-Design mal ausprobiert.

Größerer Akku
Im Vergleich zum Groß-SUV XC90 T8 Twin Engine, dessen Gesamt-Performance uns nicht unbedingt vom Hocker stieß, kriegt Volvos elektrisierte Limousine einen auf 10,4 kWh vergrößerten Akku und damit auch – zumindest theoretisch – mehr Reichweite. 50 Kilometer sollen es nun rein elektrisch sein. Dazu gleich mehr. Unter der Haube steckt Volvos stärkster Benziner, ein Zweiliter-Turbo-Kompressor mit 320 PS, der die Vorderräder antreibt. Um die Hinterräder kümmert sich ein Elektromotor mit 87 PS und 240 Newtonmeter. Die Systemleistung beträgt 407 PS und 640 Newtonmeter. Man sollte also davon ausgehen können, dass der S90 T8 recht mannhaft nach vorne stürmt.

Viel Power, aber schwer
Tut er nicht? Doch, schon irgendwie. Volvo nennt 4,8 Sekunden für den Spurt von 0-100 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 Sachen. Klingt, als müsste das R-Design-Sportgestühl (auch hier wieder die absolute Sitz-Champions-League) beim Gas geben ganz schön was aushalten, aber so richtig reinquetschen tut es einen nicht in die noble Nappaleder-Lehne. Die Beschleunigung ist absolut ansatzlos. Wie ansatzlos, merkt man erst, wenn man den Vierzylinder mal ohne E-Unterstützung von der Leine lässt. Allerdings trägt der Hybrid-S90 einen recht gewaltigen Rucksack mit sich herum. Die Batterie, die sich wie ein massiver Rückgrat-Block unter dem Mitteltunnel ausbreitet, sorgt für ein Leergewicht von üppigen 2.076 Kilo. Der stärkste Diesel (S90 D5 mit 235 PS) ist mehr als 200 Kilo leichter. Selbst ein Mercedes-AMG E 63 mitsamt seinem allgewaltigen 612-PS-V8 wiegt über 120 Kilo weniger.

Eher Bio-Jet als Performance-Limo
Sie tun also gut daran, den S90 T8 nicht als moderne Interpretation einer Performance-Limousine zu betrachten. Sehen Sie ihn eher als edlen, progressiven, unendlich angenehmen Businessklassen-Jet mit der Extraportion gutem Gewissen. Modern, aber behaglich. Sehr flott, aber total entschleunigend. Mit üppigen Leistungszahlen für den Stammtisch, aber dem guten Gefühl, dass der dicke Brummer lokal auch mal gar nichts hinten raus bläst. Dazu passt – zumindest meiner unbedeutenden Meinung nach – die distinguiert-zurückhaltende Inscription-Ausstattung deutlich besser als der etwas aufgesetzt sportliche R-Design-Trimm unseres Testwagens. Klar, am aggressiver beschürzten Außendesign gibt es nichts zu meckern, der S90 ist so oder so ein Bild von einem Auto. Allerdings scheinen mir Sportlenkrad und Carbon-Einlagen etwas unpassend für ein Fahrzeug, das aus tiefster Überzeugung die Ruhe und den Frieden eines mit Morgentau überzogenen skandinavischen Waldspaziergangs verströmt.

Hui, teuer
Sie sehen schon, der gewohnte Volvo-Wellnesstempel-Look mit offenporigen Hölzern ist mir lieber. Abgesehen davon verwöhnt aber auch der S90 T8 R-Design mit allem, was man sich nur wünschen kann: 19-Zöller, gedämmtes Fensterglas, eine Heizung für alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen war (alle Sitze, Lenkrad, Frontscheibe und sogar die Scheibenwaschdüsen in den Wischern), eine 360-Grad-Kamera, alle Assistenz- und Sicherheitssysteme dieser Welt, ein Schalthebel aus Kristallglas und und und … Selbst das kürzlich überarbeitete Neun-Zoll-Infotainmentsystem finde ich inzwischen ganz angenehm. Nicht ganz auf BMW-Niveau, aber sicher eine der besseren Lösungen auf dem Markt. Die Kirsche auf der Torte bleibt jedoch das atemberaubende Bowers&Wilkins-Soundsystem. 3.570 Euro klingen wie ein Vermögen, aber wenn es irgendwie geht, dann gönnen Sie sich. Einen Haufen Kohle werden Sie so oder so ausgeben, denn der S90 T8 R-Design kostet mindestens 71.090 Euro. Unser vollausgestatteter Testwagen brachte es gar auf 90.460 Euro. Da sollte man kurz durchatmen und hoffen, dass der elektrisierte Antrieb möglichst viel wieder rein holt.

Lustige Normwerte
Und, holt er? Ähm … wie man‘s nimmt. Zuerst jedoch ein paar Zahlen. Wie alle anderen Hersteller verspricht Volvo für seinen Plug-in-Hybrid ohne rot zu werden ziemlich hanebüchene Verbrauchswerte. In diesem Fall einen Normverbrauch von 2,0 Liter sowie einen CO2-Ausstoß von 46 Gramm pro Kilometer. Die rein elektrische Reichweite geben die Schweden wie erwähnt mit 50 Kilometer an. Das Aufladen an der Haushaltssteckdose dauert sieben Stunden, mit Volvo-Wallbox sind es drei. Und damit schalten wir rüber zur Realität. Nach einer kuscheligen, etwa 13-stündigen Ladenacht in der heimischen Tiefgarage zeigt der S90 T8 eine E-Reichweite von 40 Kilometer. Mein täglicher Arbeitsweg (hin und zurück): etwa 40 Kilometer Autobahn und knapp 10 Kilometer Stadtverkehr. Natürlich lungern in den Untermenüs diverse Fahrmodi von "supersparsam" bis "volle Power". Auch das Speichern der Batterieladung oder das Aufladen über den Verbrenner ist möglich. Allerdings startet der T8 grundsätzlich im Hybrid-Modus und nach einigem Rumprobieren mit den anderen Fahrstufen bin ich mir auch recht sicher, dass der Wagen hier am besten aufgehoben ist.

Ziemlich schnell leer
Auffällig: Schlurft man nicht gerade durch den Stadtverkehr, ist es relativ schwierig, den S90 rein elektrisch zu bewegen. Der "Drehzahlmesser" (also das rechte Rundinstrument) zeigt einem zwar sehr anschaulich, wie viel Gas man geben sollte, um weiter emissionsfrei zu fahren, trotzdem nutzt das Auto die Unterstützung seines Benziners schon ziemlich gern. Anders als der BMW 530e zum Beispiel, der deutlich verliebter ins rein Elektrische zu sein scheint. Und damit zurück zum Arbeitsweg: Auf der Autobahn gleitet und schnurrt der T8 nur so dahin. Der Komfort ist trotz des R-Design-Sportfahrwerks Weltklasse, wie einen die glorreich verarbeitete Kabine umschmeichelt, einfach sensationell. Obwohl der Benziner die ganze Arbeit zu verrichten scheint, purzeln ein paar Kilometer E-Reichweite schon jetzt dahin. Die komplette Stadtfahrerei geht natürlich lautlos. Das ganze abends wieder zurück, am nächsten Tag das gleiche Spiel nochmal und der Akku ist leer.

8,8 Liter im Schnitt
Etwas mehr als 20 Kilometer rein elektrisch? Bei sehr moderater Fahrweise? Echt jetzt? Ich wiederhole den Test am folgenden Wochenende in der Innenstadt von Regensburg und komme auf knapp 25 Kilometer. Will sagen: Sie werden den S90 T8 dann doch recht häufig ohne E-Unterstützung bewegen. Natürlich ist er auch dann ein schnelles, sehr kompetentes Auto, fährt satt und überaus stabil, ohne je besonders sportlich zu wirken. Das Extra-Gewicht ist auch in Kurven nicht von der Hand zu weisen. Und der Gesamtverbrauch steigt dann natürlich rapide an. Mit um die zehn Liter sollten Sie schon rechnen. Alles in allem waren es über den gesamten Testzeitraum letztlich 8,8 Liter. Bei einem fast schon künstlich normalen Pendlerprofil und eher zurückhaltender Fahrweise. Für eine mehr als zwei Tonnen schwere Limousine mit über 400 PS sicher ein anständiger Wert. Für das, was Volvo angibt, eher nicht. Allerdings muss man auch sagen: Mit einem V90 D5 Diesel erzielten wir den exakt gleichen Verbrauch.

Es muss schon passen
Womit uns das zurücklässt? Mit einigem an Verwirrung, um ehrlich zu sein. Der S90 T8 Plug-in-Hybrid lohnt sich. Aber nur, wenn Ihr Leben perfekt an das Auto angepasst ist. Sprich: Viel Kurzstrecke, viel Stadtverkehr und die Möglichkeit, oft zu laden. Hinzu kommt, dass der T8 heftige 14.000 Euro teurer ist als der D5. Selbst mit Elektroprämie sind es noch 11.000 Euro. Ohne einen Haufen Idealismus oder die Lust auf ein "Ich-fahre-einen-sauschnellen-Hybrid"-Statement wird es also schwierig. Auch weil BMW mit dem 530e oder Mercedes mit dem E 350e zwar etwas schwächere, aber deutlich günstigere Alternativen anbieten. Und doch könnte der S90 T8 erst der Anfang von etwas richtig Großem sein. Volvo hat seine künftige Diesel-Entwicklung bereits eingestellt und investiert kräftig in Elektroantriebe für sich selbst und die sportliche Schwestermarke Polestar. Ein leichterer, reichweitenstärkerer E-Antrieb wäre für den klugen, unaufgeregt edlen großen Volo ein absolutes Traummatch.
(sw)

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