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Ist das edel-clevere Kompakt-SUV besser als X1, Q3 und Co? Test Volvo XC40

Barcelona (Spanien), 29. November 2017
Was Sie hier sehen, ist Volvos erster Ausflug ins hart umkämpfte Territorium der Kompakt-SUVs. Dieser stilvolle kleine Kerl, so sagten es mir die Menschen bei Volvo, soll also künftig gegen Audi Q3, Mercedes GLA und BMW X1 in den Ring steigen. Der neue Jaguar E-Pace, der Range Rover Evoque oder der Lexus NX dürfen sich ebenfalls angesprochen fühlen. Der 4,43 lange Schwede soll – neben seiner unübersehbaren Volvoness – vor allem mit seinem Platzangebot, dem Komfort, der gewohnt Tresor-artigen Sicherheit und einem überaus innovativen Reigen an neuartigen Online-Services punkten. Ob es ihm gelingt? Lassen Sie es uns in Erfahrung bringen.

Neue Optik
Was gleich mal positiv auffällt, wenn man den Blick einmal kreuz und quer über den XC40 jagt: Anders als – sagen wir – bei BMW, wo kein normaler Mensch mehr weiß, ob er gerade vor einem X1, X3 oder X5 steht, hat Volvo sein kleinstes SUV deutlich von den beiden größeren Modellen XC60 und XC90 differenziert. Mit seinen vergleichsweise kleinen Fensterflächen, den fetten "Ausschnitten" in der Seite oder dem Zweifarb-Lack (der halbe Konfigurator ist voll von schwarzen oder weißen Dächern) hat der XC40 vermutlich eine deutlich jüngere Klientel im Visier. Das vielgelobte skandinavische Stilbewusstsein hat er irgendwie trotzdem. Er biedert sich also nur so halb an bei den urbanen Trendsettern, die alle Hersteller so gerne als Kunden möchten (die in der Regel aber wohl eher abgeranzte 80er-Jahre-Mercedes-Kombis als nagelneue bunte Klein-Crossover fahren).

Neue Kompakt-Plattform auch für China
Wie dem auch sei: Dass der XC40 eher die jüngeren Familien für sich will, merkt man vor allem auch am Layout. Hier steht kein geschrumpfter XC60/XC90, sondern das erste Auto auf Volvos neuer CMA-Plattform (Compact Modular Architecture). Und das bedeutet wie bei den meisten seiner Konkurrenten quer eingebaute Motoren, eine platzsparende, günstigere Vierlenker-Hinterachse (im Vergleich zur aufwendigen Fünflenkerachse mit Komposit-Blattfeder) und Stahlbauweise. All diese Dinge erhöhen das Raumangebot oder drücken die Kosten oder beides. Apropos: Auch der nächste V40 sowie die Autos der chinesischen Schwestermarke Lynk & Co werden die neue CMA-Architektur nutzen, die in Kooperation mit Konzernmutter Geely entstand.

Ein echter und sehr variabler Volvo
Aber bitte verfallen Sie jetzt nicht gleich in Panik. Wo Schweden draufsteht, ist nach wie vor Schweden drin. Der neue XC40 kriegt die aus größeren Volvos bekannten Vierzylinder-Diesel und -Benziner, die gleichen Bildschirme und digitalen Instrumente, den gleichen Overkill an Sicherheitssystemen und (halbautonomen) Fahrhilfen und er fühlt sich auch nach wie vor an, wie sich ein richtiger Volvo eben so anzufühlen hat. Wobei er, so ehrlich muss man sein, im Interieur schon einen deutlich anderen Weg einschlägt. Weniger "schwedische Nadelwald-Esoterik", mehr "irgendwas mit jung, hip und urban". Das merkt man an den zum Teil etwas härteren Kunststoffen und den modischeren Dekorleisten. Oder an dem Schock, den man kriegt, wenn man beim Einsteigen diesem bemerkenswert roten und rauen Teppich in die Quere kommt, der sogar bis in die Innenseiten der Türen auswuchert. In meiner alten Schule, einem Gruselbau aus den 70ern, gab es den gleichen Teppich. Überall. Deshalb war ich erleichtert zu sehen, dass die anderen XC40-Testwagen deutlich weniger gewagte Böden zur Schau stellten. Abgesehen davon ist der XC40-Innenraum allerdings ein Quell der puren Freude. Seit der Erfindung des Billy-Regals war nichts mehr so praktisch wie dieses Interieur.

Fächer und Haken allenthalben
Am Handschuhfach, im Fußraum, im Kofferraum – überall gibt es Haken, an denen Sie Taschen, Einkäufe et cetera aufhängen können. Dazu findet man ganze Horden an Stauräumen (unterm Sitz zum Beispiel), in die Türablagen passen Tablets oder diverse sehr große Flaschen, es gibt einen kleinen Mülleimer in der Mittelkonsole und der Kofferraum ist variabler als ein Politiker mit Angst vor Mandatsverlust. Mit 460 bis 1.336 Liter zählt das Ladeabteil sicher nicht zu den größten der Klasse, allerdings ist es äußerst schlau. Klappen Sie den Boden hoch und Sie können dahinter sowie an speziellen Haken davor mindestens fünf Einkaufstüten bombensicher verstauen. Darunter tut sich ein Fach auf, das die Hutablage komplett aufnimmt. Man könnte das alles noch eine ganze Weile weiterspielen, aber dann geht uns irgendwann die Zeit aus. Also sei noch gesagt: Vorne sitzt man so fürstlich und saubequem, wie man das von den größeren Volvos kennt und hinten gibt es (leider auf etwas arg kurzen Polstern und recht steilen Lehnen) vermutlich den größten Bein- und Kopfraum des gesamten Segments. Wirklich wahr: Wie man sich im Fond des Volvo XC40 strecken kann, das ist schon ungewöhnlich großzügig.

XC40 wird erstes Volvo-Elektroauto
Fahren darf man in Schwedens kleinem Jungfamilien-Freund aber freilich auch noch. Das Ganze zum Start mit zwei Motoren. Unüblich potenten und exklusiven Gesellen noch dazu, denn die Zweiliter-Vierzylinder leisten im Diesel-Trimm 190 PS (D4) und als Benziner gar 247 PS (T5). Beide kommen serienmäßig mit Allradantrieb und Achtgang-Automatik und sind ausschließlich in den höheren Ausstattungslevels Momentum und R-Design zu haben. Etwas später folgt der T3 mit 156-PS-Dreizylinder-Benziner, Frontantrieb und Sechsgang-Handschalter, der den Eintiegspreis signifikant nach unten drückt und – wie der künftige 150-PS-Diesel (D3) – für das Gros der Verkäufe zuständig sein wird. Ebenfalls auf der Agenda: Ein Plug-in-Hybrid und – wohl ab 2019 oder 2020 – eine rein elektrische Version. Pressechef Olaf Meidt sagte mir, dass der XC40 das erste Elektroauto von Volvo sein wird.

Lieber den Diesel
Vorerst heißt die XC40-Realität allerdings T5. Und man muss auch hier nicht lange fahren, um zu merken, dass Volvos modulare Drive-E-Benziner nicht unbedingt als die Krönung des Motorenbaus in die Geschichte eingehen werden. Klar: Der XC40 ist mit gut 1.700 Kilo alles andere als ein Leichtgewicht. Auch klar: Die Fahrleistungen (0-100 km/h in 6,5 Sekunden, 230 km/h Spitze) sehen auf dem Papier großartig aus. Irgendwo zwischen Papier und dem, was man im Auto tatsächlich fühlt, scheint die Power aber durch einen kleinen Filter zu laufen. So richtig kommen die 247 PS und 350 Newtonmeter nicht durch, wenn man das Gaspedal mal etwas unbarmherziger behandelt. Ein bisschen liegt es sicher am angestrengten Klang, den der Zweiliter-Turbo unter Volllast absondert. Und an der Aisin-Achtgangbox, die zwar schnell aber öfter auch mal etwas verwirrt agiert. Wer die Schaltpaddels selbst in die Hand nimmt, umgeht dieses Problem, hält den Motor am besten im mittleren, undröhnigen Drehzahlbereich und macht dann entspannten, vernünftig flotten Vortrieb. Noch besser: Zum Euro-6d-Diesel (190 PS, 400 Newtonmeter, 14,5-Liter-SCR-Tank) greifen. Er hat zwar die schwächeren Fahrleistungen und wirkt an den Kanten teils etwas ungeschliffen, macht aber insgesamt den harmonischeren, durchzugsstärkeren Eindruck. Und ich fuhr ihn laut Bordcomputer mit unter sechs Liter. Der Benziner lag eher bei neun bis zehn.

Komfortabel, aber nicht labberig
Alles in allem kommt aus dem Maschinenraum dennoch ein bisschen zu wenig für Volvos selbstauferlegten Premium-Anspruch. Was das generelle Fahrverhalten angeht, macht der XC40 jedoch ordentlich Boden gut. Eins sollte aber von Anfang an klar sein: Das hier ist kein verkappter, zwanghaft auf Sport getrimmter "Performance"-Crossover, sondern ein SUV im besten Sinne. Man sitzt etwas höher, ist generell auf der komfortablen Seite, mit einer hervorragend ansprechenden Federung und verblüffend wenig Reifenlärm. Überhaupt ist der XC40 bei normalem Landstraßen-/Autobahntempo ein extrem ruhiger und entspannter Aufenthaltsort. Zieht man die Zügel vor der Kurve an, scheint das Auto im ersten Moment nicht sonderlich begeistert zu sein, holt weit aus und schwimmt ein wenig dahin. Der erste Schein trügt allerdings, denn trotz etwas mehr Karosseriebewegung bricht das Auto keineswegs weg, sondern zieht absolut sauber, stabil und diszipliniert ums Eck. Der Allradantrieb trägt seinen Teil dazu bei, dass hier sehr wenig untersteuert und fahrdynamisch durchaus brauchbar abgeliefert wird. Auch das kleine Lenkrad lässt den XC40 gefühlt etwas agiler wirken, auch wenn die Lenkung selbst eher an Gefühlskälte leidet. Gänsehaut werden Sie bei der Kurvenhatz mit einem XC40 also trotz vernünftiger Anlagen eher nicht bekommen.

Auch der XC40 ist semiautonom unterwegs
Sollen Sie auch gar nicht. Der Volvo XC40 gibt viel lieber den Cruiser und das macht er hervorragend. Deshalb meine Empfehlung: Nehmen Sie nicht unbedingt die R-Design-Variante. Mit ihrem etwas strafferen Sportfahrwerk, den größeren Rädern und den ambitionierter gepolsterten Sportsitzen wirkt sie einen Tick unharmonischer und hektischer als die entspanntere Momentum-Ausstattung (gerade in Verbindung mit den fast schon flauschigen Ledersesseln, aus denen man gar nicht mehr raus möchte). Dazu passt auch Volvos semiautonomer Drive Pilot, der eins zu eins aus den größeren Modellen übernommen wurde und Ihnen – natürlich immer mit den Händen am Lenkrad – bis 130 km/h die meiste Fahrerei abnimmt.

Neue Wege des Besitzens
Das kann die Konkurrenz um BMW X1, Mercedes GLA, Audi Q3 oder Jaguar E-Pace derzeit noch nicht. Und auch bei einem anderen Thema hat Volvo Zeitgeist-mäßig die Nase vorn: Es geht um das Besitzen, oder eher um das Nicht-mehr-Besitzen von Fahrzeugen. Sie können den XC40 zwar nach wie vor ganz herkömmlich kaufen, müssen Sie aber nicht. "Care by Volvo" heißt der Zauberbegriff. Gemeint ist eine Art Abo für zwei Jahre, das bis auf Sprit, wirklich alles beinhaltet, was jemals an Kosten auf Sie zukommen könnte. Zusätzlich kriegen Sie für 14 Tage im Jahr Zugang zu irgendeinem anderen Volvo. Einem XC90 für die große Urlaubsreise, zum Beispiel. Machen andere auch? Stimmt, aber Volvo dreht das Rad noch ein ganzes Eck weiter. Über eine App können Sie den XC40 schlüssellos mit Familie, Freunden oder Kollegen teilen. Außerdem ist es nun möglich, dass Ihnen ausgewählte Zustelldienste Ihre Bestellung direkt ins Auto liefern, indem sie Zugang zum Kofferraum erhalten. Sogar das Waschen und Betanken des Autos durch Dritte ist so machbar, wenn Ihnen als modernem, übergestresstem Urbanling mal wieder die Zeit fehlt.

Individueller und durchdachter
Sicher keine schlechte Idee, auch wenn das Angebot auf den ersten Blick ein wenig teuer klingt. Knapp 1,5 Prozent des Brutto-Listenpreises werden für "Care by Volvo" veranschlagt. Unter 700 Euro im Monat geht also nicht viel. Das bringt uns zu den Preisen. Der Einstieg liegt aktuell bei 44.800 Euro für den XC40 D4. Der T5 startet bei 46.100 Euro. Klingt üppig, beinhaltet allerdings sehr viel Serienausstattung inklusive aller großen Bildschirme und den meisten Sicherheitsfeatures. Volvo sagt, ausstattungsbereinigt sei man zwischen 1.900 und 3.600 Euro günstiger als die deutsche Premiumkonkurrenz. Selbige ist fahrdynamisch und bei den Motoren leicht im Vorteil, bietet aktuell aber weniger Technologie, weniger Platz und weniger Variabilität. Marktstart für den Volvo XC40 ist im März 2018. Wenig später startet dann der frontgetriebene T3 ab 31.350 Euro.
(sw)

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