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Kann dieser Wagen den unersättlichen US-Durst nach SUVs stillen? Tiguan in XXL: Der VW Atlas im Test

Boerne, Texas (USA), 10. April 2017
Mühsam hatte sich VW in den USA einen bescheidenen Garten gepflanzt. Doch "Dieselgate" und Abgasproblematik haben verbrannte Erde hinterlassen. Alle Hoffnungen liegen nun in dem Atlas, einem großen Siebensitzer-SUV auf der Plattform des Tiguan. Seit Jahren forderten die amerikanischen VW-Händler solch ein Modell, nun ist es da. Aber wie ist die US-Sicht auf dem Atlas? Wir haben einen ersten Test der US-Journalistin Beverly Braga.

Crossover statt Minivan
Crossover sind keine Modeerscheinung. Das klassische SUV weicht zunehmend dem CUV und lockt Vorstadt-Bewohner mit ordentlicher Bodenfreiheit, viel Nutzwert und einem modischen Einschlag. Das Crossover-Segment hat den Minivan als Familienlaster abgelöst und entwickelt sich in Formate von groß bis subkompakt. Klassische Kombis werden wohl ihr nächstes Opfer sein. Das Midsize-Crossover bleibt in den USA das Brot-und-Butter-Familienauto mit drei Sitzreihen wie einst beim Minivan. Doch egal, wie praktisch ihre hinteren Schiebetüren, ihr ruhiges Fahrverhalten oder ihr Plus beim Platzangebot waren, Miniivans sind einfach nicht mehr sexy genug. Aber wie sexy ist ein Midsize-Crossover? Nicht sehr. Schaut sie euch nur mal an: Sie sind fast immer profan, um ja nicht die Nachbarn zu beunruhigen. Ein typisches Beispiel ist der neue, siebensitzige VW Atlas. Gebaut in Chattanooga, Tennessee, für ein amerikanisches Publikum ist er das erste Fahrzeug der Marke in diesem Segment.

Bedienung mit Tücken
Geradlinig und rechtwinkelig sind die besten Adjektive, um das Design des größten VW in Amerika zu beschreiben. Keine Kurven. Kein Sex-Appeal. Aber darum geht es dem Atlas auch nicht, selbst wenn er im sportlichen "Kurkama Yellow" (man könnte auch sagen "Senf-Metallic") lackiert ist. Aber letztlich zählen die inneren Werte, nicht wahr? Und hier ist der Atlas riesig, sein Cockpit aufgeräumt. Allerdings dermaßen glatt und gleichmäßig, dass man keine Idee hat, welche Knöpfe zu drücken sind, weil es keine auf dem Acht-Zoll-Touchscreen gibt. Sondern nur Beschriftungen wie "Menu", "Media" oder "Nav". Nichts fühlbares, kein haptisches Feedback. Nur glatte, flache Hochglanzoberflächen. Sicher sieht das toll aus, nur ist es während des Fahrens völlig nutzlos. Wer hinter dem Lenkrad des Atlas sitzt und vom optionalen Navi zur lokalen Radiostation wechseln möchte, trifft eher "Media" oder dreht die Lautstärke auf, weil man nicht fühlt, welche Steuerung wofür ist. Dieser gefährliche Tanz auf dem Touchscreen sorgt für Frustration und nötigt einen kompletten Stopp des Autos ab. Ich sage es ungern, aber eine SMS in einem Auto mit manueller Schaltung schreiben und dabei ein Stück Pizza zu essen, wäre leichter. Also schaltete ich das Infotainment einfach komplett aus.

Großer Sauger, kleiner Turbo
Glücklicherweise fährt sich der Atlas gut genug, dass ich auch ohne Musik leben kann. Zur Verfügung standen ausschließlich Modelle mit 3,5-Liter-V6-Saugbenziner, im Programm ist aber auch ein Turbo-Vierzylinder mit zwei Liter Hubraum vorgesehen. Letzterer produziert 238 PS und 350 Newtonmeter maximales Drehmoment und dürfte die 12,4 Liter Durchschnittsverbrauch des 280 PS starken, aber im Drehmoment kaum stärkeren V6 mit Sicherheit unterbieten. Wer aber einen Allradantrieb möchte, bekommt ihn nur im Sechszylinder. Auch deswegen liegt der V6-Atlas beim Verbrauch nur in der Mitte seines Segments, hinzu kommt sein Gewicht von gut zwei Tonnen. Unabhängig davon ist er eines der besser fahrenden Midsize-Crossover.

Sanfter Riese
In seinem Segment bietet nur der VW eine Achtstufen-Automatik serienmäßig (beim Honda Pilot gibt es neun Stufen gegen Aufpreis). Sie schaltet geschmeidig, einzig beim starken Gasgeben zögert sie leicht, als wolle sie fragen: "Bist du Dir ganz sicher, das Gaspedal in den Bodenteppich zu drücken?" Ja, Mutti, das BIN ich. Und ich würde mich beim V6 auch nicht über etwas mehr maximales Drehmoment nach oben heraus beschweren. Hier dürfte der Turbo-Vierzylinder etwas spaßiger sein. Nichtsdestotrotz ist der V6 mehr als fähig und erledigt meine Teststrecke durch die Berge von Texas ausgezeichnet. Eltern und Babysitter werden keine Probleme damit haben, große wie kleine Limousinen mühelos zu überholen. Zugegeben, ich hatte auf eine etwas dynamischere Streckenführung gehofft. Aber das ist vermutlich mehr Interesse am Handling, als es der gewöhnliche Crossover-Kunde hat.

Sauberes Fahrverhalten
Der Atlas basiert auf dem modularen Querbaukasten (MQB), den einst der Golf einführte und aktuell auch der Tiguan unter seinem Kleid trägt. Eine gewisse Wankneigung ist spürbar, zusammenzucken muss man allerdings nicht. Vergessen wir nicht: Man fährt quasi eine große Schachtel. Die Lenkung bietet eine gute Rückmeldung, insgesamt ist alles sauber abgestimmt. Abgesehen vom diskutablen Styling ist der VW Atlas ein rundum gelungenes Fahrzeug. Man kann auch die bisweilen recht bevormundenden Assistenzsysteme ausschalten, etwa das leicht aggressive Spurhaltesystem, um die Fahrt vergnüglicher zu gestalten. Auch wenn sich der Atlas nicht die Fahrspaß-Krone in seinem Segment holt (sie gebührt dem Mazda CX-9), verdient sich die jüngste VW-Schöpfung einen Podiumsplatz.

Raum (fast) ohne Ende
Mit einer Länge von 5,04 Meter, einer Höhe von 1,78 Meter und einer Breite von 1,99 Meter entsprechen die Abmessungen des Atlas ungefähr denen eines Ford Explorer. Allerdings bietet der VW ein weitaus üppigeres Platzangebot. Mit bis zu 2.741 Liter Gepäckvolumen bei umgelegter zweiter und dritter Sitzreihe kann man im Atlas glatt übernachten. Bei voller Bestuhlung kommt sich niemand zu nahe. Fast zumindest, denn die dritte Sitzreihe ist kuscheliger als die eines Vans. Neben meinen 1,89 Meter langen Beifahrer war ich ziemlich froh, dass wir beide gut miteinander befreundet sind. Wer breiter als der Durchschnitt gebaut ist, dem wird die dritte Reihe vorkommen wie die ganz hinteren Sitze in der Economy Class direkt vor der Toilette. Aber es riecht im Atlas deutlich besser. Eine weitere Einschränkung betrifft den rechten Platz: Bedingt durch die Sitzschienen von Reihe zwei finden die Füße keine wirkliche befriedigende Position.

Günstig unter Vorbehalt
Im Frühjahr 2017 startet der VW Atlas bei 31.900 Dollar für den V6 in S-Version mit Frontantrieb, Allrad kostet 1.800 Dollar extra. Den Turbo-Vierzylinder mit ausschließlich Frontantrieb gibt es schon ab 30.500 Dollar. (Anmerkung der Redaktion: Umgerechnet sind das rund 28.800 Euro, jedoch fallen in den USA unterschiedliche lokale Steuern an.) Serienmäßig sind stets LED-Scheinwerfer, 18-Zoll-Alufelgen, ein 6,5-Zoll-Farbtouchscreen oder auch eine Rückfahrkamera. Im von mir gefahrenen Atlas SEL Premium 4Motion kann man von Vollausstattung reden: Inklusive sind hier die digitalen 12,3-Zoll-Instrumente, Ledersitze mit Belüftung vorne, eine Sitzheizung hinten, ein Fender-Audiosystem mit zwölf Lautsprechern, eine 360-Grad-Kamera oder auch ein Park-Assistent. Allerdings steigt dann der Preis auf 49.415 Dollar (umgerechnet knapp 46.700 Euro). Viele zusätzliche Optionen bleiben da nicht übrig, nur schwarze 20-Zoll-Leichtmetallfelgen oder das später folgende R-Line-Paket.

Bilder:
Chris Stahl/Volkswagen

Autor:
Beverly Braga
(rh)

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