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Mit dem T6-Camper auf herbstlicher Korsika-Tour Im Test: VW California Ocean „Red“

München/Bastia, 8. November 2017
Camping liegt voll im Trend. Aber darum gleich während der kostbaren Urlaubszeit ins Zelt ziehen? So weit geht die Liebe zur Natur bei vielen dann doch nicht. Deshalb wächst seit Jahren der Markt für etwas mehr Komfort versprechende fahrbare Camping-Untersätze. Das Spektrum reicht dabei vom durchdachten Kleinwagen mit Schlaffunktion bis hin zu den Schlachtschiffen, in denen Kleinwagen als Ausflugsfahrzeug mitgeführt werden. Ein echter Reisemobil-Klassiker ist der auf VW-Bus-Basis aufbauende California. Ich habe mir jetzt einen California Ocean "Red" auf der aktuellen T6-Basis geschnappt, um mit der Partnerin und jeder Menge Gepäck Korsika zu erkunden. Ob uns vier Quadratmeter Wohnfläche für zehn Herbsttage ein adäquates Zuhause bieten können?

Quadratmeterpreise über dem Niveau von München
Bevor es losgeht, möchte ich zu aller erst über den Preis reden. Alle Jung- und Alt-Hippies müssen jetzt stark sein. Ein California ist nämlich verdammt teuer geworden. Mein Testwagen bringt es auf einen Kaufpreis von sagenhaften 86.694 Euro. Macht 21.674 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: In München liegt der Durchschnittspreis für einen Quadratmeter Wohnfläche aktuell bei rund 7.500 Euro. Schnäppchen. Okay, mit einem Schwabinger Einzimmer-Apartement kann man nicht in Urlaub fahren, aber Wertverlust muss bei so einem Neuwagen auch immer noch mit einkalkuliert werden. Und zwar selbst dann noch, wenn die schicke Zweifarb-Klassik-Lackierung und die verchromten Felgen Retro-Bulli-Flair aufkommen lassen. Ja, einen wirklich günstigen Urlaub machen Sie also in diesem Fall nicht wiklich.

Zeit, ein paar Sachen zu verstauen ...
Vor der Abfahrt muss noch einiges an Gepäck verladen werden. Das Bettzeug landet hinter der Rücksitzbank, die Getränke in der Schublade unter der Sitzfläche. Grill, Spiele und Hängematte werden im Kofferraum verstaut. Einen Schrank der Küchenzeile füllen wir mit Grundnahrungsmitteln, den anderen mit Kochgeschirr. Der 32 Liter fassende Elektro-Kühlschrank wird mit verderblichen Lebensmitteln bestückt und anschließend über das Bedienelement vor dem Rückspiegel eingeschaltet. Kleiner Tipp: Wählen Sie Stufe 3. Die reicht völlig aus. Stufe 5 frostet nur Ihre Frühlingszwiebeln. Um Chaos zu vermeiden, fordert meine Freundin nun den hinteren Kleiderschrank. Dann hat sie zwar keinen Spiegel mit Ablage und Beleuchtung, aber Zwischenböden. Hygiene-Produkte landen in dem großen Klappfach über den Rücksitzen. Kleinigkeiten werden in den unzähligen Fächern im Cockpit verstreut. Zwei Campingstühle (in der Heckklappe) und einen Tisch (in der Schiebetür) für draußen hat der California automatisch an Bord. Abfahrt.

Eine unerwartet flotte Anreise
Wir buchen eine Fährverbindung von Savona nach Bastia. Sonntags um 13 Uhr soll das Schiff in See stechen und das italienische Hafenstädtchen liegt gut 700 Kilometer entfernt von unserem Startpunkt in München. Wie sich rasch herausstellt, hätte es also locker ausgereicht, wenn wir in den frühen Morgenstunden des Sonntags und nicht bereits am Samstag Mittag aufgebrochen wären. In mir wohnt jedoch noch ein alter VW-T3-Besitzer, der einst mit seinem Vierzylinder-Luftboxer samt festem Hochdach und atemberaubenden 70 PS noch Respekt vor einer Alpenüberquerung haben musste. Mit 204 PS und 450 Newtonmeter Drehmoment aus einem 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel sowie einem aerodynamisch geformten Klappdach sieht die Sache jedoch etwas anders aus. Viel zu schnell, viel zu entspannt und viel zu sparsam überwinden wir die Brennerautobahn. Hallo Italien. Es ist also genug Zeit, um sich irgendwo in Fernstraßen-nähe einen Platz für die Nacht zu suchen.

Bedürfnisse wollen gestillt werden
Am nächsten Morgen stehen zwei Punkte auf der Agenda: Der erste lautet Kaffee für die beiden Passagiere, der zweite heißt Wasser für den California. Bisher versorgt die elektrische Tauchpumpe das Edelstahlwaschbecken nämlich ausschließlich mit Luft. An der nächsten Raststation finden wir einen Trinkwasserschlauch, mit dem wir den zirka 30 Liter fassende Frischwassertank über den äußeren Stutzen befüllen. Jetzt gibt es auch endlich Kaffee. Also zumindest fast, denn zuerst muss die 2,8-Kilogramm-Flasche im hinteren Kleiderschrank aufgedreht werden. Dann nur noch das Ventil im linken Küchenschrank öffnen und schon strömt Gas aus der gewünschten Platte. Was folgt, sind heißer Kaffee und der Wunsch, dem Festland nun schnell den Rücken zu kehren.

Müdigkeit, Dunkelheit und ein kuscheliger Schlafplatz
Nach einer stürmischen Überfahrt macht unsere Fähre gegen 23:30 Uhr in Bastia fest. Während meine Freundin bereits mit der Müdigkeit zu kämpfen hat, müssen meine Augen jetzt noch ein wenig den Leuchtkegeln der hellen LED-Scheinwerfer folgen. Wir wollen morgen an einem Strand des Cap Corse aufwachen. 1,5 Stunden Fahrzeit, einen ersten Tankstopp auf der Reise (der optionale 80-Liter-Tank macht es bei einem Durchschnittsverbrauch von 8,9 Liter möglich) und rund 40 kurvige Kilometer später erreichen wir unseren ersten sandigen Stellplatz direkt am Wasser. Ich verschließe alle Rollos und hänge mittels eingenähter Magneten die vorderen Seitenfenster zu. Meine weibliche Begleitung öffnet derweil ganz mühelos per Knopfdruck das elektrische Aufstelldach. Oben warten jetzt eine dünne Matratze samt Lattenrost, LED-Beleuchtung und eine 12-Volt-Steckdose für eine zusätzliche Leselampe auf uns und die Nacht. Die Liegefläche ist übrigens 2,00 Meter lang und 1,20 Meter breit. Kuschelig, aber ausreichend.

Urlaubsgedanken zur Alltagstauglichkeit
Die nächsten Tage verbringen wir an der Nord- und Westküste Korsikas auf ähnlich wilden Schlafplätzen. Der Vorteil des California: Viele schöne Strandabschnitte sind nur über Wege erreichbar, auf denen mit Holztoren die Höhe der passierenden Fahrzeuge beschränkt wird. So soll ein großer Wohnmobil-Ansturm verhindert werden und die weißen Riesen müssen auf die umliegenden Campingplätze ausweichen. Die Begrenzung liegt meist zwischen 2,00 und 2,10 Meter. Der California ist niedriger. Die Abmessungen von 4,90 Meter Länge, 1,90 Meter Breite und 1,99 Meter Höhe sorgen außerdem dafür, dass ich nicht anders kann und damit beginne, mir auch eine gewisse Alltagstauglichkeit in der Heimat auszumalen. So sollte der Camper ohne Probleme auf einen DIN-Supermarktparkplatz und selbst in Otto-Normal-Tiefgaragen passen.

Passstraße trifft auf adaptive Dämpfer
Genug der Tagträumerei: Wir verlassen die Westküste in Marine de Porto, um ins Inland zu gelangen. Über die bis auf 1.477 Meter führende Passstraße Col de Vergio geht es innerhalb eines Tages ins Asco-Tal. Während wir zügig eine der kurvigsten und gleichzeitig die höchste Straße Korsikas entlang fahren, erinnert sich meine Beifahrerin an frühere Zeiten im T3 Joker Westfalia ihrer Eltern. "Der hat geschwankt wie verrückt und wir mussten dann regelmäßig anhalten, weil mir schlecht wurde", merkt sie an. Heute geht es ihr gut. Die T6-Basis liegt zwar immer noch nicht wie ein Sportwagen-Brett auf der Straße, weil wir aber die adaptiven Dämpfer an Bord haben, lassen sich im "Sport"-Modus (es gibt noch "Comfort" und "Normal") die gröbsten Karosserie-Neigungen vermeiden.

Eine kalte Nacht. Ohne Standheizung ...
Die folgende Nacht auf einem Wander- und Skigebietparkplatz ist kälter angesagt als gewohnt. Knackige fünf Grad Celsius sollen es hier oben werden. Entweder wir schlafen weiterhin unter dem Klappdach und lassen die Standheizung laufen, oder der atmungsaktive Stoffbalg bleibt geschlossen und wir ziehen auf die ebenfalls zum Bett umklappbare Rückbank um. Auch wenn die Alternative im Erdgeschoss etwas weniger Platz bietet, ist die Entscheidung schnell gefallen und wir machen es uns unten gemütlich, denn keiner hat in diesem menschenleeren und stillen Tal Lust, in der Geräuschkulisse der Heizung zu nächtigen. Deren Gebläsekrach erinnert nämlich an die Klimaanlage eines Linienflugzeugs. Am darauffolgenden Morgen und einer extrem kalten Waschung mittels der Außendusche des California machen wir uns auf in Richtung Ostküste und unserem Ausgangspunkt Bastia. Der Urlaub neigt sich dem Ende.

Ein ziemlich zu Ende gedachtes Fahrzeug
Zehn Tage hatten wir Zeit, um uns mit all den Features des California auseinanderzusetzen und uns an die Eigenheiten zu gewöhnen. Hat geklappt. Zur vollständigen Verdunkelung brauche ich jetzt nicht mehr länger als 20 Sekunden, Innenraum-Memory (Sitze drehen, Tisch ausklappen, Rückbank verschieben, Dach öffnen, Töpfe und Zutaten auf dem Herd und den Arbeitsplatten jonglieren) beherrschen wir beide nun mit links. Große Verbesserungsvorschläge können wir nicht liefern, denn der California ist ein ziemlich zu Ende gedachtes Fahrzeug. Nur bei zwei Punkten sollte VW noch einmal in den Simply-Clever-Nachhilfeunterricht bei Skoda gehen. Wir vermissen zwar keine Regenschirme in den Türen oder einen Eiskratzer im Tankdeckel, würden uns zum leichteren Wassernachfüllen aber einen Onboard-Trichter und zum einfacherern Sauberhalten des Innenraums einen Inklusiv-Handfeger wünschen. Bei dem Fahrzeugpreis sollten diese beiden Punkte wohl noch machbar sein, oder?
(ml)

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