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Neuer VW Polo der sechsten Generation im Test Bleibt der Bestseller auch Primus?

Hamburg, 31. August 2017
Der Polo Harlekin der 90er-Jahre war ein Ausrutscher. Abgesehen von der knallbunten Modellvariante war der Polo eigentlich immer ziemlich dezent. Zu dezent vielleicht sogar? Und was taugt der Wagen sonst? Ist der meistverkaufte Kleinwagen Deutschlands auch top bei dem, was er kann?

Zu dezent?
Über das dezente Design unterhalte ich mich mit Manuela Joosten. Sie ist bei den kleinen VW-Baureihen (Joosten nennt sie liebevoll die "Smalleys") verantwortlich für Farben und Stoffe. Als ich sage, der Polo könnte für meinen Geschmack ein bisschen peppiger sein, hakt sie nach. Ein andersfarbiges Dach zum Beispiel geht beim Polo nicht, weil dafür die Karosserietrennungen fehlen. Mattlacke sind nicht für die Waschstraße geeignet und Neopren im Innenraum ist nicht genügend haltbar. Was die bunten Farben angeht, sagt sie: Die Jugend schätzt nicht unbedingt das, was viele Ältere als jugendlich empfinden. Huh, denke ich, damit meint sie mich, und da ich 52 bin, hat sie wohl recht. Wer heute 25 ist, mag es oft eher wertig und edel als allzu poppig. Bei den Lacken zählen besonders die Handy-Farben. Wie das leicht rosa-silbrige "Pale Copper" beim neuen Polo.

Bunte Dashpads, gute Sitze
Innen geht es im Polo aber deutlich farbiger zu als bisher. Das Cockpit ist mehr oder weniger vom Ibiza bekannt: Es gibt nun "Dashpads" (Armaturenbrett-Leisten) in vielen Farben. Acht, um genau zu sein. Das gefällt mir sehr gut. Wer jünger ist und es daher dezent mag – Sie sehen, ich habe bei der VW-Designerin was gelernt –, der kann ja ein mattschwarzes Panel bestellen. Es gibt aber auch ein Orange, ein Blau und ein Rot für alte Säcke wie mich. Oft gibt es einen dazu passenden Farbstreifen auf den Sitzen.

Hohe Erwartungen
Was die anderen Eigenschaften des Polo angeht, sind meine Erwartungen hoch, sehr hoch. Die Vorteile der neuen Plattform (dem Modularen Querbaukasten) habe ich schon am neuen Seat Ibiza schätzen gelernt, der wie der Polo auf dem MQB basiert: unglaublich viel Raum im Fond und fast so viel Kofferraum wie beim Golf. Auch die Motoren und das Fahrwerk sind identisch oder zumindest eng verwandt. Wenn beim Polo noch etwas moderne Technik hinzukommt, müsste er perfekt sein, denke ich. Aber je höher die Erwartungen, desto eher wird man enttäuscht.

Super Fahrwerk, kerniger 115-PS-TSI
Also, wie fährt sich das Ganze? Nun, bei Fahrwerk und Lenkung erfüllen sich meine Hoffnungen. Der Polo poltert nicht, er bleibt in Kurven straff auf der Straße, wirkt niemals schwammig. In puncto Motoren gibt es wie beim Ibiza zwei Saugbenziner (65 und 75 PS), zwei Turbobenziner (95 und 115 PS), den 1.5 TSI mit Zylinderabschaltung und eine Erdgasvariante mit 90 PS. Es sind aber nur zwei Diesel geplant (80 und 95 PS). Dazu kommt beim Polo ab November 2017 noch der GTI mit 200 PS. Wir fuhren den 1.0 TSI mit 115 PS. Der bietet einen hervorragenden Durchzug und ist auch noch sehr leise. So leise, dass ich an der Ampel nicht weiß, ob der Motor noch läuft oder vom Start-Stopp-System abgeschaltet wurde. Wenn ich ihn höher ausdrehe, höre und spüre ich den rauen Lauf des Dreizylinders aber deutlich – was ich persönlich sehr schätze.

Marktstart ohne Otto-Partikelfilter
Was die Abgasreinigung angeht, so will VW den Otto-Partikelfilter für die Direkteinspritzer erst nach und nach einführen: Der Tiguan 1.4 TSI ist bereits damit ausgestattet, die übrigen Modelle erhalten ihn bis Anfang 2018. Für den Polo heißt das: Er muss zunächst ohne ihn auskommen. Die beiden Diesel erhalten dagegen ab Start eine SCR-Abgasreinigung mit einem 11,9 Liter großen Adblue-Tank – das dürfte für rund 12.000 Kilometer reichen.

Das neue Display: Erstmal verwirrend
Zur modernen Technik gehört beim Polo vor allem das Active Info Display. Die hier erstmals verbaute neue Version des Instrumentendisplays sieht völlig anders aus. Die alte Variante zeigte stets zwei Rundinstrumente, je nach Einstellung kleiner oder größer. Beim neuen System ist das anders. So gucke ich nach dem Losfahren erstmal auf einen verwirrenden Wust von Zahlen. Das Datum steht ganz dick da, ich finde Verbrauch, Außentemperatur, erwartete Ankunftszeit. Nur wie schnell fahre ich eigentlich? Erst nach einigem Suchen finde ich die Zahl rechts unten, und ziemlich klein. Zu den anderen Ansichten wäre ich über den OK-Knopf am Lenkrad gekommen, erklärt mir später ein VW-Experte. Über den OK-Knopf? Ziemlich seltsam. Die Beschriftung soll noch geändert werden, verspricht man mir – das ist wirklich nötig, würde ich sagen.

Optischer Leckerbissen, und auch noch erschwinglich
Laut VW wurden Auflösung und Kontrast bei der neuen Display-Version verbessert. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit: Das Display wurde nicht nur schärfer, sondern auch kleiner. Im gelifteten Golf maß es noch 12,3 Zoll und bot 1.440 mal 540 Pixel, nun sind es nur noch 11,7 Zoll und 1.280 mal 480 Pixel. Die Optik ist allerdings nach wie vor toll. Aber ist sowas für Kleinwagenkunden erschwinglich? Erstaunlicherweise ja. Das ab November 2017 angebotene System soll 400 Euro kosten. Voraussetzung ist das "Radio Composition Media" (mit 8,0-Zoll-Zentraldisplay und CD-Laufwerk), das bei der mittleren Ausstattung Comfortline weitere 440 Euro kostet. Macht zusammen 840 Euro. Das sind etwa fünf Prozent des Preises für einen mittelprächtig ausgestatteten 95-PS-Polo. Das wäre mir dieser optische Leckerbissen wert, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich ein bisschen ablenken lasse.

Neu: VW Connect
Eine weitere Neuheit ist VW Connect. Damit kann ich als Fahrer per Handy-App auf Daten des Autos zugreifen. Die Besonderheit ist, dass dazu keine im Auto eingebaute SIM-Karte nötig ist – die gibt es im Polo nämlich nicht. Mit einem Dongle, den man links unter dem Armaturenbrett einstöpselt, wird eine Bluetooth-Verbindung zwischen Auto und Handy hergestellt. So findet man zum Beispiel nach dem Einkauf per App das Auto wieder, man kann dem Werkstattmechaniker auf die Schnelle die Fahrzeug-Identifikationsnummer VIN und den Kilometerstand nennen und vieles mehr. Wenn man möchte, kann man sich auch Hilfe holen, wenn am Armaturenbrett ein Warnlämpchen aufleuchtet, einen Servicetermin mit der Werkstatt ausmachen, seinen Fahrstil analysieren lassen und mehr. Mein Eindruck: Das Ganze ist natürlich nicht so gut wie Systeme, die auf eine im Auto eingebaute SIM-Karte zurückgreifen können, aber eine gute Näherung. Und das Ganze ist kostenlos. Ob man später vielleicht für den Dongle Geld verlangt, ist noch nicht festgelegt.

Neue Rangierbremsfunktion
Zum Technikangebot gehört auch der neue Parkbremsassistent. Den bekommt man dazu, wenn man die Parkpiepser (490 Euro) oder den Einparkassistenten (640 Euro) bestellt. Das System bremst den Wagen automatisch ab, wenn eine Kollision droht. Wie beim neuen Fiesta, wo es das System ebenfalls gibt, handelt es sich allerdings um eine Notfunktion, man sollte das Bremsen also in der Regel selber übernehmen. Schade, aber die meisten von uns werden das vollständig autonome Parken schon noch erleben, davon bin ich überzeugt.

Bei den Assistenten kann der Fiesta mehr
Zur Schar der verfügbaren Assistenten gehören auch Abstandstempomat, Totwinkelassistent und Querverkehrswarner. Das Antikollisionssystem "Frontassist mit City-Notbremssystem" verfügt nun über eine Fußgängererkennung. Einen Notbremsassistenten für höhere Geschwindigkeiten gibt es dagegen nicht, genauso wenig wie einen Spurhalteassistenten. Mit diesem fallen auch die teilautonomen Fahrfähigkeiten weg, die der Golf bietet. Nun ja, der Polo ist eben kein Langstreckenspezialist … Doch seiner Rolle als Klassenprimus wird der Polo damit nicht mehr gerecht, bei den Assistenten bietet der neue Ford Fiesta mehr. Für ihn gibt es auch eine Verkehrszeichenerkennung, einen Spurhalteassistenten und ein Notbremssystem für höhere Geschwindigkeiten.

Marktstart Ende September 2017
Gebaut wird der neue Polo wie der Vorgänger im spanischen Pamplona. Markteinführung ist schon Ende September 2017, bestellbar sind aber bisher nur die beiden Saugbenziner und der 95 PS starke TSI. Der gefahrene Polo mit 115-PS-TSI steht noch nicht in der Preisliste, er ist aber ab 18.425 Euro zu haben. Dafür erhält man die Ausstattung Comfortline. Diese soll generell beim Polo die beliebteste sein. Das ist nachvollziehbar, da die Basisversion weder Klimaanlage noch Audiosystem noch elektrisch einstellbare Außenspiegel hat. Beim Comfortline erhält man neben diesen Elementen noch 15-Zoll-Stahlräder, einen höhenverstellbaren Einlegeboden für den Kofferraum, die geteilte Fondlehne und elektrische Fensterheber rundum. Zum Vergleich: Den Ford Fiesta 1.0 Ecoboost Cool&Connect mit 100 PS und fünf Türen erhält man schon für 17.050 Euro, den Hyundai i20 mit 120-PS-Turbobenziner und vergleichbarer Ausstattung (Trend) für 17.600 Euro. Man sieht: Es gibt durchaus günstigere Angebote als den Polo.
(sl)

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