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Neues Kompakt-SUV VW T-Roc im Test Was heißt hier urban?

Lissabon (Portugal), 25. Oktober 2017
Woran liegt es eigentlich, dass Marketingleute kleine, bunte SUVs wie den VW T-Roc so gerne als "urban" bezeichnen? Sind Landbewohner rückständige Hinterwäldler, die nur langweilige, dunkelblaue Jettas fahren und zu konservativ sind für Bicolorlacke und Farben wie Kurkumagelb? Wohl kaum. Aber lassen wir das. Fragen wir lieber, was urban ist an dem neuen Kompakt-SUV von VW, oder für wen oder was sich der T-Roc eignet. Wir haben den Neuling getestet.

Zum Anfang drei Motorisierungen
Eine kleine Krise bekomme ich, als ich die Motorisierung für die Testfahrt wählen soll: Zur Verfügung stehen ein 150-PS-Diesel und ein 190-PS-Turbobenziner, beide mit Allradantrieb und DSG. Beides erscheint mir wenig urban, denn Allradantrieb oder 190 PS braucht man in der Stadt nicht. Und ein Diesel ist eher ideal für lange Autobahnfahrten als für den Stadtverkehr. Die dritte ab Start angebotene Motorisierung, ein 1.0 TSI mit 115 PS, hätte wohl deutlich besser gepasst. Aber vielleicht heißt ja "urban" auch, dass der T-Roc ein Auto für Stadtbewohner ist, die am Freitagabend gern schnell aus der Stadt ins Grüne brausen? Egal, ich wähle den Benziner und fahre los.

Gute Lenkung, aber kein Wow-Effekt durch die 190 PS
Schon im Parkhaus fällt mir die Progressivlenkung positiv auf – sie erleichtert bei der gefahrenen Ausstattung "Sport" serienmäßig die Kurbelarbeit. Auf den kurvigen und hügeligen Strecken rund um Lissabon fehlt es mir mit dem 190-PS-Turbo weder an Drehmoment (320 Newtonmeter) noch an Leistung. Auch das Zusammenspiel zwischen Motor und Doppelkupplungsgetriebe klappt so gut, dass ich nie in Versuchung gerate, die Schaltwippen zu benutzen. Aber ein Wow-Effekt will sich nicht einstellen. Wenn ich bedenke, wie lebendig mir kürzlich der Seat Arona mit dem 95-PS-TSI vorkam, sind die 190 PS des T-Roc fast schon enttäuschend. Vielleicht liegt es ja auch am stattlichen Leergewicht von 1,5 Tonnen?



Wenig Fahrkomfort trotz DCC
Auf den recht schlechten und welligen Belägen rund um Lissabon fällt bald eine gewisse Stößigkeit des Fahrwerks auf. Gut, dass mein Testwagen einstellbare DCC-Dämpfer hat, denke ich, und wechsele vom Normal- in den Comfort-Modus. Doch auch dann bleibt die Fahrt unruhig, mein Oberkörper pendelt (trotz der hervorragenden Sportsitze) hin und her, manche Welle schlägt durch. Dabei besitzt das Auto als Allradler eine Mehrlenker-Hinterachse, die eigentlich für ein besseres Fahrverhalten sorgen müsste als die übliche Verbundlenkerachse. Auch an den Rädern liegt es wohl nicht: Der Testwagen hat 18-Zöller, das ist noch nicht die größte und gummiärmste Lösung. Insgesamt hätte ich gern den Allradantrieb gegen ein komfortableres Fahrwerk eingetauscht. Mein Beifahrer stimmt mir zu: Für über 30.000 Euro hätten wir da mehr erwartet.

Schicke Displays ...
Beim Blick auf die Instrumente aber erfreut mich das Active Info Display der neuesten Generation, das ich schon aus dem Polo kenne. Wie dort lassen sich die verschiedenen Ansichten über das Multifunktionslenkrad durchschalten, und der Knopf dafür trägt immer noch die wenig sinnvolle Beschriftung "OK". Wie beim Polo sagen mir später die VW-Fachleute, das werde noch durch "View" ersetzt. Das optionale System ist mit 500 Euro bezahlbar, man muss allerdings das Infotainmentsystem "Composition Media" (440 Euro) dazu bestellen. Aber auch Letzteres lohnt sich. Der 8,0-Zoll-Touchscreen ist brillant und lässt sich leicht bedienen. Denn anders als etwa beim System des PSA-Konzerns gibt es hier nicht nur virtuelle Tasten, sondern auch zwei Drehknöpfe.

... aber billige Materialien
Doch so schick die beiden Displays im T-Roc auch sind, sie können nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass etliche Oberflächen im Cockpit aus Hartplastik bestehen. So edel wie ein Golf wirkt das Interieur nicht. Eine ähnliche Beobachtung habe ich beim Audi Q2 gemacht, der mit viel billigem Plastik innen und außen weniger hochwertig wirkt als der A3. Ein Pluspunkt ist jedoch, dass man viel Farbe ins Interieur bringen kann. Denn wie beim Polo gibt es bunte Kunststoffblenden fürs Armaturenbrett. Diese Dash Pads gibt es in Schwarz, Blau, Braun, Orange und Gelb. Dazu passende Lackierungen gibt es außen. Insgesamt stehen elf verschiedene Außenfarben zur Wahl, darunter viele "schmutzige" Farbtöne wie Kurkuma-Gelb oder Energetic Orange, die erst in der Sonne richtig zu leuchten beginnen. Wem das noch nicht genug Farbe ist, der kann Dach und Außenspiegel in den Kontrastfarben Weiß, Schwarz, Rot und Braun bestellen, und es gibt sogar blaue und orangefarbene Felgen.

Nicht mehr Fond- und Kofferraum als im Arona
Als Besonderheit des Modularen Querbaukastens (MQB), auf dem der T-Roc basiert, gilt das große Platzangebot. Und wirklich sitze ich als 1,75 Meter großer Mann im Fond sehr bequem. Doch Knie- und Kopffreiheit sind nicht größer als im etwa zehn Zentimeter kürzeren Seat Arona. Erstmal erstaunt mich das – bis mir einfällt, dass der Radstand der beiden Autos fast gleich ist. Aber der Kofferraum sollte beim T-Roc doch deutlich größer sein, oder? VW spricht vom größten Stauraum der Klasse. Nun, für die Allradversion des T-Roc gilt das nicht, denn in diese passen nur 392 bis 1.237 Liter hinein, beim Arona sind es sogar ein paar Liter mehr. Gut nutzbar aber ist der T-Roc-Kofferraum – dank variablem Einlegebrett (Serie bei "Sport") wird der Ladeboden schön eben.

Im Konkurrenzvergleich nicht überteuert
Letzter Punkt: Preis und Ausstattung. Den T-Roc gibt es ab 20.390 Euro. Dafür erhält man den 115 PS starken 1.0 TSI mit Frontantrieb und Handschaltung. Damit liegt der Wagen auf Augenhöhe mit einem vergleichbaren, fünftürigen Golf: Der kostet (mit fünf PS weniger, aber gleichem Drehmoment und minimal schlechterer Ausstattung) 20.525 Euro. Der gefahrene T-Roc 2.0 TSI 4Motion Sport ist mit 30.800 Euro erheblich teurer und eine so starke Motorisierung gibt es beim Golf nicht. Als Vergleich bietet sich der Mini Cooper S Countryman All4 (192 PS) an, und der ist 1.700 Euro teurer. Auch der entsprechende Audi Q2 (mit den gleichen Antriebskomponenten wie bei meinem T-Roc) kostet immer noch 1.500 Euro mehr. Überteuert ist der Wagen also nicht. Die Ausstattung Sport umfasst dabei die wichtigsten Dinge – darunter Klima- und Audioanlage und City-Notbremssystem –, aber auch sportliche Features wie Nebelscheinwerfer, 17-Zoll-Alufelgen, rote Bremssättel oder Sportsitze. Zum Technikangebot gehören unter anderem LED-Licht, Abstandstempomat oder Verkehrszeichenerkennung.
(sl)

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