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Power-SUV-Vergleichstest: BMW X5 M versus Porsche Cayenne Turbo S Abteilung Aaahttacke

Haar, 3. August 2016
Es ist, als könnte der heimische Backofen auf einmal ganz locker 3.000 Grad aus dem Ärmel schütteln. Man würde den Temperatur-Overkill niemals brauchen, das überpotente Rohr würde Unmengen an Saft verbraten und womöglich würde man sich gehörig die Finger verbrennen. Aber cool wäre es irgendwie schon. Wie lange wohl eine Pizza dauern würde? Knapp vier Sekunden? Mit Tonnen an schwarzen Strichen auf dem Asphalt ... äh ... Teig? Willkommen in der völlig absurden Welt glühend heißer XXL-Öfen. Willkommen in der Welt von BMW X5 M und Porsche Cayenne Turbo S.

BMW mit offensivem Auftritt
Ich gebe zu, der Vergleich ist arg weit hergeholt. Aber: Wo diese beiden SUV-Monster aufschlagen, brennt es ebenfalls lichterloh. Kein Wunder bei Leistungen jenseits der 570 PS und 750 Newtonmeter, die auf Gewichte jenseits der 2,3 Tonnen und eine Aerodynamik jenseits von Gut und Böse treffen. Apropos Luftleitung: Schürzen- und Schwellertechnisch tut sich vor allem der X5 hervor. Wäre er ein Land, wäre er vermutlich Vulgarien. Dicke 21-Zöller mit 325er-Schlappen auf der Hinterachse sowie die in unserem Fall bemerkenswert rote (aber wirklich vortrefflich gestaltete) Innenausstattung helfen in Sachen Zurückhaltung auch nicht gerade. Menschen, die es eher dezent mögen, dürften bei seinem Anblick also zügig das Weite suchen.

Etwas schwer zu fassen
Damit begingen sie allerdings einen großen Fehler, denn sie würden seinen hemmungslosen 4,4-Liter-Biturbo-V8 verpassen. Und all die unglaublichen Dinge, zu denen er im Stande ist. Die 575 PS überfahren einen förmlich. Was sich anfühlt wie eine Abrissbirne ins Kreuz, sind 4,2 Sekunden auf 100 km/h. Bis 200 km/h vergehen etwas über 15 Sekunden. Das alles ist nur schwer zu fassen, aber es passiert. Über Leistungsentfaltung und ähnliche Subtilitäten brauchen wir dabei gar nicht erst zu reden. Es schiebt und schiebt und schiebt und hört einfach nicht auf. Verwaltet wird der ganze Vorwärts-Irrsinn wie im Porsche von einer stets schnell, sauber und klug schaltenden Achtgang-Automatik.

Schnell, präzise, neigungsfrei
Damit der Münchner Performance-Bär auch in der Kurve halbwegs grazil tänzelt, spendierten die Ingenieure Tonnen an schlauer Technik – aktive Wankstabilisierung, elektronisch verstellbare Dämpfer, Luftfederung an der Hinterachse, mehr Sturz vorne, straffere Federn und Lager sowie einen heckbetonten Allradantrieb mit stufenloser Kraftverteilung zwischen den Hinterrädern. Klingt nach viel und bringt auch viel. Man glaubt kaum, wie bizarr schnell, präzise und neigungsfrei 2,35 Tonnen um die Ecke schießen können. Auf leicht beschämende Art heroisch ist das zum Auftritt passende Geballere aus den vier Endrohren (spratzig und grell, wenn auch nicht halb so tiefgründig wie ein ordentliches V8-Gewitter von AMG) sowie das recht mühelose Übersteuern aus engen Kurven heraus.

Das einzige M-Problem heisst Porsche
Das Problem ist nur: Steigt man in den Chef-Cayenne, merkt man erst, wie sehr sich die BMW-Elektronik anstrengen muss, um den X5 M auf Sport-Kurs zu halten. Der Turbo S und seine Luftfederung kurven noch ein Eck beeindruckender, fühlen sich dabei aber irgendwie geschmeidiger, natürlicher und intimer an. Natürlich ist es weitgehend unwichtig, aber im Porsche ist man näher am Geschehen.

Noch schneller, noch agiler
Bedenklicherweise ist der Porsche auch noch schneller als der BMW. Ja, schneller. Wirklich. In 4,1 Sekunden morpht ihn sein allgewaltiger 4,8-Liter-Biturbo-V8 auf 100 km/h, in knapp 14,5 auf 200 km/h. Anfühlen tut sich das noch wilder. Die Mengen an Schub und Grip kann das eigene Hirn kaum verarbeiten. Dabei klingt er nicht sonderlich musikalisch, sondern einfach nur mächtig. Bei niedrigen Touren grummelt und rumort es gewaltig. Wo der schnellste Cayenne auftaucht, scheint die Luft vor Ehrfurcht zu wabern.

Dampfwalze mit Zauberschuhen
Und dann diese Agilität. Porsche hat dem Cayenne Turbo S serienmäßig alles an Elektronik-Schnickschnack mitgegeben, was man irgendwie in der Nähe von Stuttgart finden konnte: Das Sport-Chrono-Paket, den aktiven Allradantrieb, PDCC (Porsches neigungserstickenden Wankausgleich), Torque Vectoring und, und, und. Na gut, die Nase wirkt etwas schwerfällig, ansonsten gibt es Wagenladungen an Traktion und Kurvengeschwindigkeiten, die bei diesem Umfang physikalisch nicht erlaubt sein dürften. Ich meine, er umrundet die Nordschleife in 7:59 Minuten. Ein Porsche 997 Carrera S ist nicht schneller. An sich ist der Cayenne wirklich eine Dampfwalze mit Zauberschuhen. Eine entsetzlich teure Zauberschuh-Dampfwalze wohlgemerkt. Denn als alles überragender Turbo S hat er zwar wirklich alles an Bord, was gut und teuer ist (inklusive monumentalen Keramikbremsen, Carbon-Interieur und jedem nur erdenklichen Komfort-Krimskrams), allerdings ist er so über 50.000 Euro teurer als der X5 M. Der hat das aufregendere Interieur, den aufregenderen Klang und etwas mehr Körner in puncto Kofferraum.

Das Allerbeste kommt aus Zuffenhausen
Massiv faszinierend (im wahrsten Sinne) sind jedoch beide Sport-Panzer-Kandidaten. Auch wenn es sich irgendwie falsch anfühlt und wohl schon ein Feldweg ausreicht, um die Offroadtauglichkeit der 21-Zöller in arge Zweifel zu ziehen, aber derart viel Kraft und Dynamik gepaart mit irre viel Platz und perfekter Alltagstauglichkeit ist schon mehr als begehrenswert. Über die Realverbräuche von 15 bis 20 Liter sollte man dabei besser den Mantel des Schweigens hüllen. Und sich lieber am erstaunlichen Talent erfreuen. Fahrdynamisch gibt es in dieser Klasse nichts Besseres. Wer das Allerbeste will und das nötige Kleingeld hat, kauft in Zuffenhausen.
(sw)

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